Ri­si­ko­st­u­fe Rot: Bund warn­te vor Club-er­öff­nun­gen

Co­ro­na In kei­nem Be­reich wa­ren die Lo­cke­run­gen ris­kan­ter als im Nacht­le­ben. Zu die­sem Schluss kam ei­ne Bag-in­ter­ne Ana­ly­se schon vor Wo­chen.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e -

Der Su­per­spre­a­der-event im Zürcher Club Fla­min­go zieht wei­te­re Krei­se: Nach­dem am Wo­che­n­en­de sechs Club­Be­su­cher po­si­tiv auf Co­vid-19 ge­tes­tet wur­den, ha­ben sich nun in ei­ner Bar in Sprei­ten­bach AG über 20 Per­so­nen mit dem Co­ro­na­vi­rus in­fi­ziert. Die An­ste­ckun­gen hän­gen laut den Be­hör­den mit gros­ser Wahr­schein­lich­keit mit dem Vor­fall in Zü­rich zu­sam­men.

Der­ar­ti­ge Co­ro­na-aus­brü­che im Nacht­le­ben dürf­ten die ver­ant­wort­li­chen Be­hör­den kaum über­ra­schen. In ei­ner in­ter­nen Ri­si­ko­be­ur­tei­lung hiel­ten Ex­per­ten des Bun­des­amts für Ge­sund­heit schon im April fest, das An­ste­ckungs­ri­si­ko in Clubs sei «hoch», Schutz­mass­nah­men «schwie­rig» ein­zu­füh­ren, Dis­tanz­re­geln «nicht an­wend­bar». Kein an­de­rer Le­bens­be­reich – mit Aus­nah­me des Sex­ge­wer­bes – er­hielt ei­nen solch ho­hen Ri­si­ko-«sco­re». In ei­nem wei­te­ren Pa­pier warn­te auch die wis­sen­schaft­li­che Task­force des Bun­des vor ei­ner Öff­nung der Clubs. Mat­thi­as Eg­ger, der Lei­ter der Task­force, be­stä­tigt: «Es ist kein Ge­heim­nis, dass der Bun­des­rat beim letz­ten Öff­nungs­schritt teil­wei­se ei­ne an­de­re Stra­te­gie ver­folgt hat als von uns emp­foh­len.»

Ge­sund­heits­mi­nis­ter Alain Ber­set räum­te ges­tern nach ei­nem Tref­fen mit den Kan­to­nen ein, dass sich der Bun­des­rat des Ri­si­kos bei den Öff­nun­gen be­wusst ge­we­sen sei. Al­ler­dings sei der Bun­des­rat da­von aus­ge­gan­gen, dass das Schutz­kon­zept durch­ge­setzt wer­de. Ge­lin­ge dies den Kan­to­nen nicht, müss­ten die­se al­len­falls die Clubs wie­der schlies­sen. Ber­set zeig­te sich über­rascht, dass es so schnell zu den An­ste­ckungs­fäl­len in den Clubs ge­kom­men ist.

Zieht man Bi­lanz über die letz­ten Wo­che­n­en­den, muss man fest­stel­len: Das Con­tact­tra­c­ing, wie es ak­tu­ell auf­ge­zo­gen ist, er­füllt im Nacht­le­ben vie­ler­orts die An­sprü­che nicht. Das zeigt der Su­per­spre­a­der­event im Zürcher Fla­min­go­club. Ei­ne Per­son steck­te min­des­tens fünf Leu­te mit dem Co­ro­na­vi­rus an, die Nach­ver­fol­gung ent­pupp­te sich als Alb­traum: Je­de drit­te E­mail­adres­se war falsch. Con­tact­tra­cer wur­den am Te­le­fon be­schimpft, man­che Gäs­te be­ka­men kei­nen An­ruf. So wird das nichts.

Der ho­he Preis ist be­zahl­bar, wenn man sich vor Au­gen hält, was es zu ver­hin­dern gilt: ei­nen zwei­ten Lock­down.

Kommt da­zu: Die Be­völ­ke­rung ist Pan­de­mie­mü­de. Oft hört man:

Wir ha­ben den Lock­down mit­ge­macht, wa­ren Mo­na­te zu Hau­se – und wo­für? Die Spi­tä­ler wa­ren leer. Jetzt ist Som­mer, lasst uns fei­ern, fuck Co­ro­na! Da fragt man sich: Wie will man so bei 300 Fla­min­go­be­su­chern ei­ne Qua­ran­tä­ne durch­zie­hen, die auf Ei­gen­ver­ant­wor­tung setzt?

Da­bei ist die Ge­fahr ei­ner zwei­ten Wel­le längst da. Die noch tie­fe Zahl der po­si­ti­ven Tests steigt wie­der an. Lässt man die Fall­zah­len er­neut ra­sant in die Hö­he klet­tern, liegt bald ein zwei­tes Mal die Fra­ge auf dem Tisch, in­wie­fern man das öf­fent­li­che Le­ben ein­frie­ren muss. So weit darf es nicht kom­men. Gleich­zei­tig ist klar, dass wir ei­nen Weg fin­den müs­sen, mit dem Vi­rus zu le­ben – es wird dau­ern, bis ein Impf­stoff da ist. Wir brau­chen funk­tio­nie­ren­de Schutz­kon­zep­te.

Im Nacht­le­ben ist das schwie­rig, es geht ja gera­de um Nä­he und Ex­zess. Der ers­te Ver­such war feh­ler­haft, al­so muss man in­ne­hal­ten und nach­bes­sern. Das kann be­deu­ten, die Clubs bis En­de Som­mer­fe­ri­en zu schlies­sen – vie­le ma­chen oh­ne­hin Pau­se. Die Zeit lies­se sich nut­zen, um ein ver­schärf­tes Schutz­kon­zept aus­zu­ar­bei­ten. Das zwin­gen­de Fest­stel­len der Iden­ti­tät al­ler Gäs­te ist da­bei nur der An­fang.

Gleich­zei­tig müs­sen die Kan­to­ne ihr Con­tact­tra­c­ing über­ar­bei­ten. Es braucht nebst schär­fe­ren Qua­ran­tä­ne­kon­trol­len nächt­li­che Schutz­kon­zep­tS­tich­pro­ben bei Ver­an­stal­tern.

All das kos­tet Geld und Frei­heit. Aber der Preis ist be­zahl­bar, wenn man sich vor Au­gen hält, was es zu ver­hin­dern gilt: ei­nen zwei­ten Lock­down.

Ma­rio Stäu­b­le Res­sort­lei­ter Po­li­tik und Wirt­schaft Zü­rich

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