Kan­ton Zü­rich soll Kli­ma-vor­rei­ter wer­den

Ana­ly­se Der Kan­tons­rat hat am Mon­tag ei­ne ei­gent­li­che «Son­der­ses­si­on» zum Kli­ma ab­ge­hal­ten. Über die Macht von Al­li­an­zen – und über die Gren­zen der Macht.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Li­lia­ne Mi­nor

Kan­tons­rat Ei­nen gan­zen Tag lang hat der Zürcher Kan­tons­rat ges­tern über Mass­nah­men ge­gen den Kli­ma­wan­del be­ra­ten und neun Vor­stös­se über­wie­sen. Un­ter an­de­rem soll der Kan­ton gros­se So­lar­an­la­gen för­dern, fos­sil be­heiz­te Ge­wächs­häu­ser ver­bie­ten und den CO2Aus­stoss im Ein­klang mit dem Kli­ma­ver­trag von Pa­ris per 2050 auf net­to null sen­ken. Ziel der rot-grü­nen Rats­mehr­heit: Der Kan­ton Zü­rich soll im Kli­ma­schutz ei­ne Vor­rei­ter­rol­le über­neh­men. Die Bür­ger­li­chen plä­dier­ten er­folg­los für Zu­rück­hal­tung, die SVP lehn­te gar al­le Vor­stös­se ab.

Die nicht mehr ganz neue rot-grü­ne Mehr­heit im Zürcher Kan­tons­rat macht Ernst mit der Kli­ma­po­li­tik, und sie tut dies auf be­mer­kens­wer­te Wei­se: SP, GLP, Grü­ne, EVP und AL ha­ben sich zur Kli­ma-al­li­anz zu­sam­men­ge­schlos­sen. Das ehr­gei­zi­ge Ziel: Der Kan­ton Zü­rich soll in der Kli­ma­po­li­tik vom hin­ters­ten Mit­tel­feld zum Vor­rei­ter auf­rü­cken. Und zwar schnell.

Die Kli­ma-al­li­anz ist ein ge­schick­ter Schach­zug. Die fünf Par­tei­en ko­or­di­nie­ren nicht nur Vor­stös­se, sie ste­hen auch hin­ter der Mons­ter­de­bat­te vom Mon­tag. Rund zwan­zig Trak­tan­den wa­ren zu be­spre­chen, die al­le den Kli­ma­wan­del zum The­ma hat­ten. Sol­che mo­no­the­ma­ti­schen Sit­zun­gen sind sonst nicht üb­lich. Und ob­wohl die Al­li­anz-par­tei­en längst nicht in al­len Punk­ten ei­nig sind – so wür­den die Grü­nen zum Bei­spiel lie­ber mehr, die GLP we­ni­ger re­gu­lie­ren –, ver­hin­dert der Zu­sam­men­schluss ein kräf­te­zeh­ren­des Hick­hack im rot-grü­nen La­ger.

Eben­falls un­ge­wöhn­lich: Zu­guns­ten der Sa­che ver­zich­ten die fünf Par­tei­en auf Pro­fi­lie­rungs­spiel­chen und Re­de­ma­ra­thons. Zu je­dem Vor­stoss spra­chen nur zwei Per­so­nen.

Da­mit hat die Al­li­anz ein star­kes Zei­chen ge­setzt, das zu be­grüs­sen ist. Die Kli­ma­kri­se ist an Be­deu­tung kaum zu un­ter­schät­zen, ra­sche, breit ab­ge­stütz­te Mass­nah­men tun not. Für par­tei­po­li­ti­sche Win­kel­zü­ge gibt es kei­nen Raum mehr.

Frei­lich hat das Po­wer­play Ha­ken. Die Mehr­heits­par­tei­en ha­ben es zum ei­nen ver­passt oder nicht ge­schafft, auch auf der bür­ger­li­chen Rats­sei­te ei­nen ver­läss­li­chen Part­ner zu fin­den. Zwar un­ter­stütz­ten die Al­li­anz-par­tei­en auch Ide­en der FDP. Zeit­wei­se aber fuhr Ro­tG­rün ei­ner La­wi­ne gleich durch den Kan­tons­rat; SVP, FDP und CVP, in die un­ge­wohn­te Rol­le der Op­po­si­ti­on ver­setzt, blieb nur, mit­zu­ma­chen oder zu un­ter­lie­gen. Da­bei soll­te Ro­tG­rün aus ei­ge­ner Er­fah­rung wis­sen: Wer so die Mus­keln spie­len lässt, ris­kiert, dass die Ge­gen­sei­te ab­blockt.

Und das tat die SVP prompt. Al­ler­dings tat sie es auf ei­ne Art und Wei­se, die ei­ner De­mo­kra­tie un­wür­dig ist. Ei­nem Kind im Trotz­al­ter gleich ver­such­te die Frak­ti­on auf je­de er­denk­li­che Wei­se, die De­bat­te zu ver­zö­gern und zu ver­tän­deln. Zu je­dem Trak­tan­dum schick­te die SVP vier, fünf Red­ner vor. Ein­mal ver­lang­te sie gar ei­ne Ab­stim­mung un­ter Na­mens­auf­ruf – nur weil sich so wei­te­re fünf­zehn Mi­nu­ten «ge­win­nen» lies­sen. Wo­bei: Ge­won­nen hat die SVP nichts. Ge­nau­so we­nig, wie sich die Kli­ma­kri­se von selbst löst, wenn man sie igno­riert, ver­schwin­den die Vor­stös­se. Sie wer­den bloss ver­scho­ben.

Ar­gu­men­te hat­te die SVP we­ni­ge, aus­ser der ewi­gen Be­haup­tung, Rot-grün wür­ge die Wirt­schaft ab und der Kli­ma­wan­del sei halb so schlimm. Dass die Frak­ti­on ei­nen Hans Eg­li re­den liess, der be­haup­te­te, auch auf dem Mars und dem Plu­to ge­be es ei­nen

Kli­ma­wan­del, spricht Bän­de. Mit die­ser pein­li­chen Vor­stel­lung hat sich die SVP aus der Kli­ma­de­bat­te end­gül­tig ver­ab­schie­det.

Der zwei­te Ha­ken: All die Vor­stös­se kön­nen nicht dar­über hin­weg­täu­schen, dass der Spiel­raum des Kan­tons re­la­tiv klein ist. Mass­nah­men, die wirk­lich ein­schen­ken, sind fast nur bei Ge­bäu­den mög­lich, und da hat der grü­ne Bau­di­rek­tor Martin Neu­kom be­reits kor­ri­giert, was sein SVPVor­gän­ger Mar­kus Kä­gi auf die lan­ge Bank ge­scho­ben hat­te. Häu­ser sol­len bes­ser ge­dämmt, fos­si­le Hei­zun­gen durch Wär­me­pum­pen er­setzt wer­den. Für bei­des gibt es Sub­ven­tio­nen.

Dass man­che Ide­en der Kli­maAl­li­anz, et­wa die «Kli­ma­ver­träg­lich­keits­ab­schät­zung» für Ge­set­ze, an­ge­strengt und ge­sucht wir­ken, ist im Ei­fer des Ge­fechts wohl nicht ver­meid­bar. An­de­re ren­nen of­fe­ne Tü­ren ein. So stün­de das Kli­ma­ziel von Pa­ris, net­to null CO2 bis im Jahr 2050, auch oh­ne die De­bat­te bald im Ge­setz.

Den­noch: Ins­ge­samt ist die Bi­lanz po­si­tiv. Rot-grün macht, an­ders als von vie­len Bür­ger­li­chen be­fürch­tet, in­halt­lich ei­ne sach­li­che Kli­ma­po­li­tik. Und ei­nes hat die De­bat­te ein­drück­lich ge­zeigt. Es gibt enorm viel Po­ten­zi­al für klei­ne Kli­ma­mass­nah­men. Wie der Volks­mund sagt: Auch Klein­vieh macht Mist. Oder freund­li­cher aus­ge­drückt: Hält die Al­li­anz, hat Zü­rich gu­te Chan­cen, Kli­ma­vor­rei­ter zu wer­den.

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