Bun­des­rat will Mas­ken­pflicht für grös­se­re Fa­mi­li­en­fes­te

Mass­nah­men ge­gen Co­ro­na Auf­grund der stark an­stei­gen­den An­ste­ckungs­zah­len soll ab Mon­tag ei­ne lan­des­wei­te Mas­ken­pflicht in al­len öf­fent­li­chen In­nen­räu­men gel­ten. Das be­trifft nicht nur Lä­den, son­dern auch Bahn­hö­fe, Gastrobe­trie­be und pri­va­te An­läs­se.

Tages Anzeiger - - Vorderseit­e - Mar­kus Brot­schi und Ste­fan Hä­ne

Der Bun­des­rat wech­selt in den Kri­sen­mo­dus: Er trifft sich am Sonn­tag zu ei­ner aus­ser­or­dent­li­chen Sit­zung. Aus­lö­ser sind die Pro­gno­sen der Co­ro­naTask­force des Bun­des: Mit bis zu 12’000 neu­en An­ste­ckun­gen pro Tag müs­se man rech­nen, wenn man nicht rasch hand­le, sag­te Task­force-prä­si­dent Mar­tin Acker­mann ges­tern vor den Me­di­en: «Es zählt je­der Tag.»

Be­reits ist durch­ge­si­ckert, wel­che Mass­nah­men die Lan­des­re­gie­rung am Sonn­tag dis­ku­tie­ren wird. So soll schon ab Mon­tag ei­ne lan­des­wei­te Mas­ken­pflicht in al­len öf­fent­lich zu­gäng­li­chen In­nen­räu­men gel­ten. Das be­trifft nicht nur Lä­den, son­dern et­wa auch Bahn­hö­fe, Gastrobe­trie­be und Mu­se­en. Dar­über hin­aus müss­ten nach den Plä­nen des Bun­des­ra­tes Mas­ken auch bei Fes­ten im Fa­mi­li­en- und Freun­des­kreis ge­tra­gen wer­den, wenn mehr als 15 Per­so­nen an­we­send sind.

Wie geht es wei­ter mit Gross­ver­an­stal­tun­gen?

Wie be­reits im Früh­jahr steht wie­der ein Ver­samm­lungs­ver­bot im öf­fent­li­chen Raum zur De­bat­te. Al­ler­dings nicht so ri­gid wie da­mals, als sich nicht mehr als 5 Per­so­nen ver­sam­meln durf­ten – nun ist von 15 Per­so­nen die Re­de. Eben­falls wie im Früh­ling will der Bund ei­ne Ho­me­of­fice-emp­feh­lung aus­spre­chen.

Wie es mit Gross­ver­an­stal­tun­gen wei­ter­geht, ist noch un­klar. Ei­ner­seits ha­ben die Schutz­kon­zep­te bis­lang funk­tio­niert. An­de­rer­seits dürf­te es für vie­le Leu­te schwer ver­ständ­lich sein, wenn in Fussball- und Eis­ho­ckey­sta­di­en Tau­sen­de von Zu­schau­ern zu­sam­men­kom­men dür­fen und gleich­zei­tig Pri­vat­an­läs­se mit mehr als 15 Per­so­nen streng re­gu­liert wer­den.

Wer ver­lässt zu­erst den Tisch und er­klärt die Ver­hand­lun­gen über ein Part­ner­schafts­ab­kom­men für ge­schei­tert? Das ist ei­ne der Fra­gen, um die sich in die­ser Schluss­pha­se in den nächs­ten Ta­gen vie­les dre­hen dürf­te. Ge­ra­de hat Bo­ris John­son wie­der ein­mal ein Ul­ti­ma­tum ver­strei­chen las­sen. Ei­gent­lich woll­te der bri­ti­sche Pre­mier die Ver­hand­lun­gen ab­bre­chen, soll­te es bis zum 15. Ok­to­ber kei­ne Ei­ni­gung ge­ben.

Nun will John­son wei­ter­re­den, so­fern sich die EU nur end­lich be­wegt. Der Chef­un­ter­händ­ler der EU sieht das na­tur­ge­mäss an­ders­rum, for­dert von den Bri­ten Fle­xi­bi­li­tät bei den Streit­punk­ten Fi­sche­rei, fai­rer Wett­be­werb und Streit­schlich­tung. Mi­chel Bar­nier denkt nicht dar­an, auf­zu­ge­ben.

Zwi­schen Lon­don und Brüs­sel will nie­mand den Schwar­zen Pe­ter, al­so am En­de für ein Schei­tern ver­ant­wort­lich sein. Und trotz­dem wird ein No De­al wahr­schein­lich. En­de Jahr läuft die Über­gangs­frist aus, in­nert der Gross­bri­tan­ni­en noch Teil des Bin­nen­mark­tes und der Zoll­uni­on ist. Ein An­schluss­ab­kom­men könn­te die ab­seh­ba­ren Frik­tio­nen im Per­so­nen­und Wa­ren­ver­kehr deut­lich lin­dern.

Wie soll das Sze­na­rio ei­nes No-de­al noch ver­hin­dert wer­den kön­nen, wenn je­de Sei­te nur von der an­de­ren Fle­xi­bi­li­tät er­war­tet? Für bei­de Sei­ten geht es letzt­lich um ei­ne Fra­ge der Sou­ve­rä­ni­tät. Die Br­ex­i­teers ha­ben den Bri­ten die vol­le Un­ab­hän­gig­keit ver­spro­chen, die Rück­kehr zur al­ten Grös­se ei­ner sou­ve­rä­nen Han­dels­na­ti­on. Für die 27 Eu-staa­ten wie­der­um ist der Bin­nen­markt mit den ge­mein­sa­men Spiel­re­geln bei Um­welt- und So­zi­al­stan­dards oder bei den Staats­bei­hil­fen Aus­druck eu­ro­päi­scher Sou­ve­rä­ni­tät, auch im Wett­be­werb mit Chi­na oder den USA.

Die Bri­ten wol­len als neu­er Wett­be­wer­ber mög­lichst freie Hand, gleich­zei­tig aber prak­tisch wie bis­her Zu­gang zum gröss­ten Bin­nen­markt der Welt. Die­ser Wi­der­spruch ist kaum auf­zu­lö­sen. Je mehr die EU auf die Bri­ten zu­geht und ih­re Spiel­re­geln zur Dis­po­si­ti­on stellt, des­to grös­ser die Ge­fahr für die In­te­gri­tät des Bin­nen­mark­tes, der gröss­te und viel­leicht ein­zi­ge Trumpf der Eu­ro­pä­er.

Was die Bri­ten und die EU ver­su­chen, ist über­haupt ei­ne Pre­mie­re, und das macht es so schwie­rig. Sonst geht es bei Han­dels­ab­kom­men im­mer um An­nä­he­rung und An­glei­chung von Stan­dards. Hier geht es je­doch um Dif­fe­ren­zie­rung. Gross­bri­tan­ni­en will von den Bin­nen­markt­re­geln, die es einst mit­ge­schrie­ben hat, in Zu­kunft je nach Lust und Lau­ne ab­wei­chen kön­nen.

Hin­zu kommt, dass die Bri­ten zwar im­mer von ei­nem Han­dels­ver­trag als Ziel re­den, aber ei­gent­lich ein um­fas­sen­des Part­ner­schafts­ab­kom­men wol­len, mit Zu­gang nicht nur zum Bin­nen­markt, son­dern auch zu al­len mög­li­chen Pro­gram­men, Eu-agen­tu­ren und Po­li­zei­da­ten­ban­ken. Die EU pocht des­halb auf ei­nen ho­ri­zon­ta­len Rah­men mit dy­na­mi­scher Rechts­über­nah­me, Streit­schlich­tung und Über­wa­chung der Spiel­re­geln, wie sie es auch ge­gen­über der Schweiz tut.

Dar­auf kann sich aber wie­der­um Bo­ris John­son kaum ein­las­sen, oh­ne sei­ne ro­ten Li­ni­en auf­zu­ge­ben und das Ge­sicht zu ver­lie­ren. Ist das NoDe­al-sze­na­rio al­so un­aus­weich­lich? Gut mög­lich, dass bei­de Sei­ten sich aus Angst vor dem Ab­grund in letz­ter Mi­nu­te auf ei­nen Mi­ni­de­al ei­ni­gen. Dort gin­ge es dann nur noch dar­um, am 1. Ja­nu­ar das gröss­te Cha­os zu ver­hin­dern, al­so zu re­geln, dass der Wa­ren- und der Luft­ver­kehr zum Jah­res­wech­sel nicht zu­sam­men­bre­chen.

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