Ab­schied nach 33 Jah­ren

Phil­ip­pe Boll­mann war seit 1985 für die So­zi­al­diens­te des Be­zirks Diels­dorf tä­tig.

Zürcher Unterländer - - Vorderseite - In­ter­view: Sha­ron Saa­me­li

Herr Boll­mann, Sie tra­ten 1985 als «Für­sor­ger» in die So­zi­al­diens­te des Be­zirks Diels­dorf ein – ein Jahr be­vor das Dro­gen­dra­ma am Platz­spitz und spä­ter auf dem Let­ten sei­nen Lauf zu neh­men be­gann. Das muss ein hap­pi­ger Start ge­we­sen sein.

Phil­ip­pe Boll­mann: Ja, wir ha­ben die­se Ent­wick­lung stark ge­spürt. Die of­fe­ne Dro­gen­sze­ne in Zü­rich läu­te­te ei­ne Zeit des Um­den­kens in der Be­ra­tung und Be­hand­lung von Dro­gen­pro­ble­men ein. Die «Be­ra­tungs- und Für­sor­ge­stel­le für Al­ko­hol­pro­ble­me», wie der Trä­ger­ver­ein da­mals noch hiess, wur­de als Re­ak­ti­on dar­auf 1987 auf «Be­ra­tungs­stel­le für Sucht­pro­ble­me» um­be­nannt und der Fo­kus auf an­de­re Dro­gen er­wei­tert. Ich ha­be ab die­sem Zeit­punkt die Lei­tung über­nom­men.

Der Kan­ton re­agier­te mit dem Vier-Säu­len-Prin­zip auf die of­fe­ne Dro­gen­sze­ne: Prä­ven­ti­on, Re­pres­si­on, Scha­den­min­de­rung und The­ra­pie. Rück­bli­ckend: Hat das funk­tio­niert?

Re­pres­si­on war im Mo­ment der Räu­mung nö­tig. Rück­bli­ckend war es ein Se­gen, dass in die­ser Zeit di­ver­se nie­der­schwel­li­ge Sub­sti­tu­ti­ons­an­ge­bo­te (Metha­do­nab­ga­be) auf­ge­baut wur­den. Ab 1993, nach der Schlies­sung des Let­ten, wur­de die Be­ra­tungs­stel­le im Rah­men der de­zen­tra­len Dro­gen­hil­fe mit dem be­treu­ten Woh­nen und Ar­bei­ten er­wei­tert. Das hat die Wie­der­ein­glie­de­rung be­trof­fe­ner Men­schen mas­siv er­leich­tert – re­spek­ti­ve ih­ren so­zia­len Aus­schluss ver­hin­dert. Die­se Zeit hat mir auch ge­zeigt, dass Be­völ­ke­rung und Po­li­tik be­reit sind, zu in­ves­tie­ren, wenn ein Pro­blem au­gen­fäl­lig ist. Un­ter die­sem Stern konn­ten wir 1995 sehr un­kom­pli­ziert zu­sam­men mit der da­ma­li­gen Kli­nik Hard ein psych­ia­tri­sches Am­bu­la­to­ri­um bei uns in­te­grie­ren.

Was wa­ren die Vor­tei­le die­ser Zu­sam­men­ar­beit?

Zu­nächst ein­mal hat es Haus­ärz­tin­nen und -ärz­te von den Sub­sti­tu­ti­ons­auf­ga­ben ent­las­tet. Für uns hiess es, ein in­ter­dis­zi­pli­nä­res Team un­ter ei­nem Dach zu ha­ben, das sich in ärzt­li­chen, psy­cho­lo­gi­schen, so­zi­al­ar­bei­te­ri­schen, pfle­ge­ri­schen und so­zi­al­päd­ago­gi­schen Fra­gen ge­gen­sei­tig un­ter­stütz­te. Für die Men­schen in der Be­ra­tung be­deu­te­te es vor al­lem, dass sie nicht an ver­schie­dens­ten An­lauf­stel­len «20mal» die­sel­be Ge­schich­te er­zäh­len muss­ten. Der­ar­ti­ge Schwel­len ab­zu­bau­en, ist ex­trem wich­tig, ei­ner­seits da­mit es den Be­trof­fe­nen nicht «ab­löscht», an­de­rer­seits da­mit wir ih­ren Pro­zess mög­lichst früh be­glei­ten kön­nen. Denn in ei­ner frü­hen Pha­se der Sucht er­in­nert man sich noch an al­ter­na­ti­ve Ver­hal­tens­wei­sen auf be­las­ten­de Si­tua­tio­nen – das sind Res­sour­cen, die man wie­der ak­ti­vie­ren muss.

Wie sieht ei­ne sol­che Be­glei­tung aus?

Das hängt stark von der Si­tua­ti­on des be­trof­fe­nen Men­schen ab, der zu uns kommt. Zu­nächst schaut man ge­mein­sam, wel­che Le­bens­fel­der – Woh­nen, Ar­beit, Ge­sund­heit, Fi­nan­zen, Be­zie­hun­gen, Frei­zeit – die Sucht be­las­tet und wo sie un­ter­stüt­zend wirkt. Dann geht es vor al­lem dar­um, die Ei­gen­mo­ti­va­ti­on auf­zu­bau­en und zu stär­ken und Rück­schlä­ge als Lern­er­fah­rung zu ver­ste­hen. Dass wir von «Be­glei­tung» spre­chen, ist üb­ri­gens ganz wich­tig, weil im­mer die be­trof­fe­nen Men­schen die Leis­tung er­brin­gen und nicht wir. Sie schaf­fen es, aus­zu­stei­gen oder ei­nen Um­gang mit der Sucht zu fin­den.

Gab es Fäl­le, die Ih­nen be­son­ders na­he­gin­gen?

Selbst­ver­ständ­lich ha­be ich Men­schen ken­nen ge­lernt, de­ren Schick­sa­le mich sehr be­wegt ha­ben. Für mich wur­de in den Ge­sprä­chen auch oft Ge­schich­te an sich kon­kret nach­voll­zieh­bar – ei­ni­ge, die ich ken­nen ge­lernt ha­be, wa­ren bei­spiels­wei­se Ver­ding­kin­der. Es macht ei­nen Un­ter­schied, wenn man je­man­den vor sich hat, der das per­sön­lich er­lebt hat und dar­über spricht. Am meis­ten ge­blie­ben ist mir aber der Kampf­wil­le der ein­zel­nen be­trof­fe­nen Men­schen. Im­mer wie­der auf­zu­ste­hen, die Kraft auf­zu­brin­gen, um den nächs­ten An­lauf zu neh­men – das war hoch­be­ein­dru­ckend.

Wie vie­le Men­schen schaf­fen den Aus­stieg aus der Sucht?

Wir ha­ben das nie ge­nau er­ho­ben. Vie­le Be­ra­tungs­ab­schlüs­se wa­ren er­folg­reich. Es stellt sich aber die Fra­ge, wor­an man das ge­nau mes­sen soll. Nicht je­der muss ab­sti­nent sein, um ein ei­ni­ger­mas­sen un­be­las­te­tes Le­ben füh­ren zu kön­nen. Wir hat­ten im­mer wie­der Men­schen in der Be­ra­tung, die den Pro­zess ab­ge­bro­chen ha­ben – und nach ei­nem hal­ben Jahr den Kon­takt wie­der auf­nah­men, weil sie rea­li­siert ha­ben, dass sie den nächs­ten Schritt ma­chen wol­len. Dies wer­te ich als Er­folg. So ha­ben sehr vie­le Men­schen ei­nen Weg aus der be­las­ten­den Sucht­si­tua­ti­on ge­fun­den.

Die Sta­tis­tik der Ne­u­mel­dun­gen im letz­ten Jah­res­be­richt zeigt un­ter an­de­rem, dass Al­ko­hol nach wie vor die meist­kon­su­mier­te Sub­stanz ist. Dann fol­gen Can­na­bis und Ko­ka­in. He­ro­in ist – we­nigs­tens im Be­zirk Diels­dorf – fast aus der Sta­tis­tik ver­schwun­den.

Ja, Al­ko­hol mach­te meis­tens et­wa zwei Drit­tel der Fäl­le aus. Nach der Räu­mung des Let­ten und der Ein­füh­rung der de­zen­tra­len Dro­gen­hil­fe nahm der An­teil der He­ro­in­ab­hän­gi­gen, die bei uns Un­ter­stüt­zung such­ten, si­cher zu. Der Ruf von He­ro­in als Ver­lie­rer­dro­ge hat aber da­zu bei­ge­tra­gen, dass es in der Sta­tis­tik kaum mehr auf­taucht. Dro­gen, die Men­schen leis­tungs­fä­hi­ger ma­chen – wie Ko­ka­in oder Am­phet­ami­ne –, sind heu­te ge­sell­schaft­lich eher ak­zep­tiert.

Die­sel­be Sta­tis­tik zeigt, dass auf je­de Frau in der Be­ra­tung un­ge­fähr drei Män­ner kom­men. Ist Sucht ein Män­ner­pro­blem?

Män­ner sind si­cher öf­ter von Sucht be­trof­fen, weil Frau­en grös­se­rem ge­sell­schaft­li­chem Wi­der­stand aus­ge­setzt sind, zu Sucht­mit­teln zu grei­fen. Ich se­he das als Fol­ge ei­ner ge­schicht­li­chen Ent­wick­lung: Es galt lan­ge nicht als chic, als Frau zu trin­ken. His­to­risch ge­se­hen ha­ben Frau­en auch viel mehr ge­gen die Al­ko­hol­pro­ble­ma­tik ge­kämpft: Es wa­ren Frau­en­ver­ei­ne, die al­ko­hol­freie Wirt­schaf­ten ge­führt ha­ben, und das zu ei­ner Zeit, in der vie­le Män­ner ih­ren Lohn in der Beiz in Schnaps um­ge­wan­delt ha­ben. Das hat sich all­mäh­lich ge­än­dert – und die Frau­en ho­len jetzt mas­siv auf –, aber un­se­re Zah­len bil­den die­se Ent­wick­lung noch nicht ab. In­ter­es­sant fin­de ich in die­sem Kon­text aber auch, dass von den An­ge­hö­ri­gen bis heu­te viel mehr Frau­en sind.

Un­ter dem Dach des Zweck­ver­ban­des liegt auch der Er­wach­se­nen­schutz. Wie passt das zum The­ma Dro­gen­be­ra­tung?

In bei­den Be­rei­chen geht es zu­nächst ein­mal um die Be­dürf­nis­se von Men­schen, die Un­ter­stüt­zung brau­chen, und um den Ver­such, op­ti­ma­le Be­din­gun­gen für sie zu schaf­fen. Per­so­nen, die er­wach­se­nen­schutz­recht­li­che Mass­nah­men ha­ben, kön­nen ge­nau­so wie Men­schen mit Dro­gen­pro­ble­men un­ter psy­chi­schen Er­kran­kun­gen oder an so­zia­len Pro­ble­men lei­den. An­sons­ten sind die Auf­ga­ben der Be­rufs­bei­stand­schaft und der Kesb ge­gen­über der per­sön­li­chen Be­ra­tung und der Be­ra­tung für Dro­gen­pro­ble­me sehr un­ter­schied­lich. Dies nicht zu­letzt, weil es sich im Schutz der Er­wach­se­nen nicht um frei­wil­li­ge Mass­nah­men han­delt und Drit­te für sie Ent­schei­dun­gen zu ih­rem Wohl tref­fen.

Wie ha­ben Sie die Um­struk­tu­rie­rung der Vor­mund­schafts­be­hör­den zur Kesb in den letz­ten Jah­ren er­lebt?

Äus­serst tur­bu­lent. An­ge­fan­gen hat es da­mit, dass die Ge­mein­de­prä­si­den­tin­nen und -prä­si­den­ten mas­si­ven Wi­der­stand ge­gen den ers­ten Vor­schlag zeig­ten, dass der Kan­ton die Kesb auf­baut und führt. Als die­se Ver­ant­wor­tung dann den Ge­mein­den über­tra­gen wur­de, gin­gen sie da­von aus, dass sie ih­re Vor­mund­schafts­be­hör­den mehr oder we­ni­ger wie bis­her wei­ter­füh­ren kön­nen, und ha­ben erst spä­ter rea­li­siert, dass sie ei­ne ei­ge­ne In­sti­tu­ti­on auf­bau­en und sel­ber be­rap­pen müs­sen. Das hat in der Deutsch­schweiz zu viel Un­mut auf Ge­mein­de­ebe­ne ge­führt.

Auch me­di­al wur­de die Kesb in­nert kür­zes­ter Zeit zur meist­ge­hass­ten Be­hör­de.

Ja, aber vor al­lem in der Deutsch­schweiz. Hier ha­ben im­mer noch vie­le Ge­mein­den das Ge­fühl, dass man ih­nen die Kesb auf­ge­drängt hat. In der Welsch­schweiz wird der Dis­kurs ganz an­ders ge­führt – wohl weil es dort selbst­ver­ständ­li­cher ist, Auf­ga­ben dem Staat zu über­ge­ben. Ei­ni­ge Ge­mein­den hier ha­ben Mü­he da­mit, ge­wis­se Ent­schei­dun­gen der Kesb zu ak­zep­tie­ren und für die Fi­nan­zie­rung auf­kom­men zu müs­sen. In­zwi­schen ist die De­bat­te aber et­was ru­hi­ger und sach­li­cher ge­wor­den. Nach dem Fall Flaach ha­ben zum Glück vie­le rea­li­siert, dass ei­ne Skan­da­li­sie­rung der Sa­che nicht ge­recht wird und nie­man­dem et­was bringt.

Wie hat sich das in der Ar­beit im Be­zirk Diels­dorf nie­der­ge­schla­gen?

Der gros­se Wech­sel war vor al­lem per­so­nel­ler Art: Das Team des Zweck­ver­ban­des hat sich mit dem Auf­bau der Kesb mehr als ver­dop­pelt. Das war ei­ne hoch­span­nen­de Zeit. Im Som­mer 2011 hat­ten wir den Auf­trag zum Auf­bau, im Herbst 2012 stand be­reits al­les, und seit­her wird die Kesb Be­zirk Diels­dorf als fach­lich un­ab­hän­gi­ge Stel­le mit ge­setz­li­chem Auf­trag un­ter dem Dach des Zweck­ver­bands ge­führt. Die ne­ga­ti­ven Schlag­zei­len mer­ken wir vor al­lem dar­an, dass es un­wahr­schein­lich viel Zeit braucht, um bei Be­trof­fe­nen Vor­ur­tei­le ab­zu­bau­en und ih­nen zu er­klä­ren, worum es über­haupt geht. Die Mit­ar­bei­ten­den der Kesb ste­hen von al­len Sei­ten im­mer wie­der mas­siv un­ter Druck. Dies ist für sie sehr be­las­tend und er­schwert ih­re Ar­beit. Das Kesb- Team hat aber auch von Be­ginn an den Kon­takt mit den po­li­ti­schen Be­hör­den im Rah­men ih­rer ge­setz­li­chen Mög­lich­kei­ten ge­sucht.

Wes­halb?

Der Zweck­ver­band ar­bei­tet im­mer im Auf­trag der 22 Trä­ger­ge­mein­den, das heisst: Oh­ne ih­re Un­ter­stüt­zung läuft bei uns gar nichts. Das be­deu­tet auch, das An­lie­gen der Ge­mein­den zu be­rück­sich­ti­gen, fi­nan­zi­ell nicht zu über­bor­den. Die Ge­sprä­che mit po­li­ti­schen Be­hör­den ha­be ich aber im­mer als sehr sach­lich und ehr­lich wahr­ge­nom­men. Die Par­tei­po­li­tik stand klar hin­ter den Sach­fra­gen zu­rück – wohl auch, weil man­che Po­li­ti­ke­rin, man­cher Po­li­ti­ker in der ei­ge­nen Fa­mi­lie Er­fah­run­gen mit dem The­ma Sucht oder Er­wach­se­nen­schutz ge­macht hat. In ir­gend­ei­ner Form be­rüh­ren die­se The­men sehr vie­le Fa­mi­li­en.

Was ge­ben Sie Ih­rem Nach­fol­ger Da­ni­el Frei auf den Weg, der per 1. April Ihr Amt über­nom­men hat?

Die Ver­net­zung mit den Ge­mein­den und den Part­ner­in­sti­tu­tio­nen zu pfle­gen, se­he ich nach wie vor als sehr wich­tig an. Da­zu darf er kei­ne Scheu da­vor ha­ben, neu zu den­ken und An­ge­bo­te im­mer wie­der zu über­prü­fen, im­mer im Hin­blick dar­auf, ob sie ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen so­wie den An­sprü­chen von Be­trof­fe­nen, An­ge­hö­ri­gen, Ar­beit­ge­bern und Ge­mein­den noch ge­recht wer­den. Das kann nie­mand im Al­lein­gang – al­les, was die So­zi­al­diens­te er­reicht ha­ben, ist das Ver­dienst al­ler, die mit­ge­ar­bei­tet ha­ben.

Fo­to: Leo Wy­den

Nach 33 Jah­ren bei den So­zi­al­diens­ten Be­zirk Diels­dorf geht Phil­ip­pe Boll­mann in den Ru­he­stand. Die freie Zeit will er nicht nur auf sei­ner Dach­ter­ras­se in Diels­dorf nut­zen – in Hol­land war­tet ein Schiff dar­auf, von ihm re­gel­mäs­si­ger be­nutzt zu wer­den.

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