Reiz­überf lu­tung als Kon­zept

Die ka­na­di­sche Band Ar­ca­de Fi­re spiel­te am Mitt­woch im Hal­len­sta­di­on. Von Eu­pho­rie bis Er­schöp­fung war al­les da.

Zürcher Unterländer - - Kultur & Gesellschaft - Be­ne­dikt Sar­t­ori­us

Sie lie­fen ein wie Schwer­ge­wichts­bo­xer, mit­ten durch die Are­na, wur­den stil­ge­recht aus­ge­ru­fen durch ei­nen An­sa­ger, so wie das eben ist, wenn ein gros­ser Wan­der­zir­kus in der Stadt halt­macht. Zwan­zig Mi­nu­ten spä­ter ist man dann nach ei­nem über­wäl­ti­gen­den Kon­zert­be­ginn be­reits ste­hend k. o., er­schla­gen von all dem Con­tent, den Ar­ca­de Fi­re am Mitt­woch­abend im ver­klei­ner­ten Hal­len­sta­di­on ze­le­brier­ten, das von bloss 4000 Zu­schau­ern be­sucht wur­de.

Die Reiz­über­flu­tung ist Kon­zept und The­ma ih­rer «In­fi­ni­te Con­tent»-Tour und ih­res Al­bums «Ever­y­thing Now», das im letz­ten Som­mer er­schie­nen ist. Schon vor Kon­zert­be­ginn flim­mer­ten Spots über den Vi­deo­wür­fel, die in bes­ter TV-Shop-Ka­nal-Ma­nier ima­gi­nä­re Pro­duk­te be­war­ben. Vor dem Ein­lauf der neun Mu­si­ker er­klang ein In­tro, in dem Beet­ho­ven, Dis­co und selbst ein Song der Band zu ei­nem un­de­fi­nier­ba­ren Ei­ner­lei zu­sam­men­ge­mixt wur­den. Die St­ro­bos blitz­ten, die Dis­co­ku­gel dreh­te und spie­gel­te, und dann gabs na­tür­lich die ers­ten Songs: Vom ver­schärf­ten Ab­baPop des Ti­tel­songs der ak­tu­el­len Plat­te ging es di­rekt wei­ter mit zwei Ur­me­lo­di­en der Band, die so prü­gelnd ge­spielt wur­den, als gäl­te es, al­les zu ex­or­zie­ren: die Trau­er, die Un­bill die­ser Welt, die Dä­mo­nen, die Sän­ger Win But­ler stets in sich trägt, bis hin zur Eu­pho­rie. Und die­ses Ul­ti­ma­ti­ve pass­te eben auch zum «Al­les jetzt»-Drang der durch­scrol­len­den und nir­gends an­kom­men­den Ge­sell­schaft, die Ar­ca­de Fi­re an die­sem Kon­zert spie­geln.

Al­les wird Con­tent

Aber es ist eben noch mehr als das al­les, was die­se ge­gen­warts­prä­gen­de Band um das Ehe­paar Win But­ler und Ré­gi­ne Chas­sa­gne 13 Jah­re nach ih­rem ers­ten Zürcher Kon­zert, da­mals noch im Mas­cot­te, schafft. Ar­ca­de Fi­re spie­len an die­sem Abend die Songs, die mit ih­ren Mit­sing­chö­ren in Rich­tung Fuss­ball­sta­di­on stür­men, und die von der Su­che nach ein we­nig Ge­bor­gen­heit er­zäh­len.

Sie sin­gen in den an­rüh­rends­ten Pas­sa­gen des Kon­zerts Stü­cke von ih­rem Meis­ter­werk «The Su­burbs», die­sem Epos der ver­lo­re­nen Ju­gend in ei­ner ge­sichts­lo­sen US-Vor­stadt. Chas­sa­gne und der blei­che Wan­der­pre­di­ger But­ler tan­zen ge­gen Kon­zer­ten­de ein­zeln durch die Hal­le, be­glei­tet von ei­nem Ka­me­ra­team, qua­si als Re­flek­to­ren der Ge­sell­schaft, die al­les zu Con­tent ver­ar­bei­tet. Und als das zy­ni­sche Ver­spre­chen des «Ever­y­thing Now» längst zur Dys­to­pie ge­wor­den ist, brennt das Haus auf dem Vi­deo­wür­fel: Auch wenn die Welt in Flam­men auf­geht, kann man bei die­ser Band noch mit­sin­gen und tan­zen.

Die Be­frei­ung folgt ganz zum Schluss mit «Wa­ke Up». Als die­se ab­klingt, tanzt die Band mit den Schel­len­rin­gen von der Büh­ne. Das ist dann längst kein Con­tent mehr, der in ir­gend­ei­ner Cloud ab­ge­spei­chert ist, son­dern ein Mo­ment, den man fort­an im Her­zen tra­gen wird.

Fo­to: En­nio Le­an­za (Keysto­ne)

Die Welt steht in Flam­men: Win But­ler von Ar­ca­de Fi­re.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.