Po­pu­list be­drängt Er­do­gan

Der Wahl­kampf ver­läuft ent­spannt, aber kei­nes­wegs fair. Op­po­si­ti­ons­kan­di­dat Mu­har­rem In­ce et­wa be­kommt kaum Platz in den Me­di­en. Ein kla­rer Sieg für Prä­si­dent Er­do­gan und sei­ne AKP ist aber nicht si­cher.

Zürcher Unterländer - - Ausland - Christiane Sch­löt­zer, Istan­bul

Aus­wahl ste­hen: Fah­nen mit dem Em­blem der Staats­par­tei AKP, gel­be Glüh­bir­ne auf weis­sem Grund, oder die tür­ki­sche Flag­ge. Jun­ge Frau­en in züch­ti­gen lan­gen Rö­cken ver­tei­len die Fähn­chen am Fähr­an­le­ger von Üs­küd­ar, ei­nem eher kon­ser­va­ti­ven Stadt­teil auf der asia­ti­schen Sei­te Istan­buls. Über den Platz dröhnt der Klas­si­ker der AKP, den sie bei al­len Wah­len spielt, der Re­frain des Songs lau­tet: Re­cep Tay­yip Er­do­gan. 50 Me­ter wei­ter hat die lin­ke Kur­den­par­tei HDP Laut­spre­cher auf­ge­stellt. Zu hö­ren, auch sehr laut, ist ein kur­di­sches Lied, ein paar Leu­te tan­zen. Die Po­li­zei ist auch da, mit Pan­zer­wa­gen, aber sie hält Ab­stand, sie wird nicht ge­braucht.

Die Tür­kei wählt am 24. Ju­ni Par­la­ment und Prä­si­dent, es ist die wohl wich­tigs­te Wahl seit Jah­ren. Er­do­gan hat sie um fast ein­ein­halb Jah­re vor­ge­zo­gen, er will sich da­mit die gan­ze Macht si­chern, wo­mög­lich auf Le­bens­zeit. Aber bis auf ei­nen Über­griff auf ein Wahl­kampf­bü­ro der neu­en rech­ten Iyi-Par­tei ver­läuft der Stras­sen­wahl­kampf er­staun­lich ent­spannt. Trotz Aus­nah­me­zu­stand. Das heisst nicht, dass es fair zu­geht, dass es glei­che Chan­cen gibt, auch wenn an ei­nem son­ni­gen Nach­mit­tag in Üs­küd­ar al­le Par­tei­en ih­re Stän­de di­rekt ne­ben­ein­an­der auf­ge­baut ha­ben und sich der Laut­spre­cher­lärm zu ei­ner ein­zi­gen Klang­wol­ke ver­dich­tet.

«Frem­de Mäch­te» am Werk

Die AKP hat die Macht der gros­sen Me­di­en, Er­do­gans Auf­trit­te lau­fen auf al­len Ka­nä­len gleich­zei­tig. «Da schaue ich gar nicht mehr hin», sagt ein Un­ter­neh­mer, der an­onym blei­ben will, weil er Nach­tei­le fürs Ge­schäft be­fürch­tet. Die Pro­pa­gan­da­ma­schi­ne aber wirkt. Fast 60 Pro­zent der AKP-An­hän­ger glau­ben laut Um­fra­gen, dass hin­ter dem jüngs­ten Ab­sturz der tür­ki­schen Li­ra «frem­de Mäch­te» ste­hen – wie die Re­gie­rung sagt.

Er­do­gans Geg­ner spre­chen von Zen­sur, weil ih­re Be­wer­ber in den gros­sen Ka­nä­len mit we­ni­gen Mi­nu­ten ab­ge­speist wer­den. Als Mu­har­rem In­ce, der Prä­si­dent­schafts­kan­di­dat der gröss­ten Op­po­si­ti­ons­par­tei, der CHP, kürz­lich in der Schwarz­meer­pro­vinz Düz­ce auf­trat, nah­men die Zu­hö­rer ih­re Han­dys und ver­brei­te­ten die Re­de live über so­zia­le Me­di­en. Aber: Mehr als ein Drit­tel der AKP-Wäh­ler geht nie ins In­ter­net, das hat ei­ne Stu­die er­ge­ben, die Mehr­heit von ih­nen hat ein ne­ga­ti­ves Bild von Eu­ro­pa, und 46 Pro­zent der AKP-An­hän­ger wäh­len die Par­tei we­gen Er­do­gan.

Die Hoff­nun­gen der Op­po­si­ti­on lie­gen nun auf ei­nem an­de­ren Po­pu­lis­ten, auf Mu­har­rem In­ce. Sei­ne CHP hat seit 1950 kei­nen Prä­si­den­ten mehr ge­stellt, ob­wohl sie die äl­tes­te Par­tei ist, Staats­grün­der Ke­mal Ata­türk hat sie vor fast 100 Jah­ren ge­grün­det. Die­ses Er­be war im­mer Ka­pi­tal und Last; ein paar Mal hat die CHP ver­sucht, sich vom Image der Eli­ten­par­tei zu be­frei­en, mit wech­seln­dem Er­folg. Bei Par­la­ments­wah­len ge­wann sie seit 2002, seit die AKP re­giert, nie mehr als 26 Pro­zent der Stim­men.

Nun hat sie in In­ce ei­nen Spit­zen­be­wer­ber, der durch Volks­nä­he über­rascht. «In­ce ist ein ty­pi­scher Tür­ke, wie man ihn über­all tref­fen kann, ei­ner, der Ra­ki trinkt, aber im Ra­ma­dan fas­tet, und der, wenn er Mu­sik hört, tanzt», so be­schrieb ein Ko­lum­nist der Zei­tung «Ha­ber­türk» den 54-Jäh­ri­gen. Das Lob er­staun­te, das Blatt ist nicht für gros­se Op­po­si­ti­ons­nä­he be­kannt.

In­ce, von Be­ruf Phy­sik­leh­rer, springt bei sei­nen Auf­trit­ten mit of­fe­nem Hemd auf die Büh­ne, um den Hals ei­nen Schal des ört­li­chen Fuss­ball­clubs. Ei­ne Zeit lang trug er auch ei­ne Schirm­müt­ze, wie tür­ki­sche Bau­ern in den 70erJah­ren. Die hat er wie­der ab­ge­nom­men, weil sich zu vie­le Leu­te dar­über lus­tig mach­ten. «Ich will die­se Na­ti­on ver­ei­nen und ver­söh­nen und un­ter ei­nen gros­sen Schirm brin­gen», sagt In­ce. Er ver­spricht, die Jus­tiz wie­der «von der Po­li­tik un­ab­hän­gig zu ma­chen», und: «Ich wer­de kein Prä­si­dent sein, der an­de­re Leu­te als ‹schmut­zig› be­zeich­net.»

«Ein Plan A, B, C»

«Schmut­zig» hat­te Er­do­gan die CHP ge­nannt. Mit Wor­ten wird sehr wohl hart ge­kämpft – und mit Wohl­ta­ten. Er­do­gan hat al­len Rent­nern zu den gros­sen re­li­giö­sen Fes­ten gross­zü­gi­ge Zu­wen­dun­gen ver­spro­chen. Heu­te be­ginnt das Zu­cker­fest zum En­de des Ra­ma­dan – neun Ta­ge vor der Wahl. Mit ihr will Er­do­gan sein um­strit­te­nes Prä­si­di­al­sys­tem durch­set­zen, ei­nen Pre­mier­mi­nis­ter wird es dann nicht mehr ge­ben, der Prä­si­dent al­lein be­stimmt und ent­lässt sei­ne Mi­nis- ter, die Zu­stim­mung des Par­la­ments braucht er nicht. Er­do­gan nennt das «ech­te Ge­wal­ten­tei­lung». So steht es in ei­ner «Stadt­zei­tung», die an al­len Schiffs­an­le­ge­stel­len am Bo­spo­rus aus­liegt. Sei­nen Schwie­ger­sohn Be­rat Al­bay­rak, bis­lang Ener­gie­mi­nis­ter, hat er nun auf Platz eins der AKPLis­te für Istan­buls wich­tigs­ten Wahl­kreis ge­setzt, der die gan­ze asia­ti­sche Sei­te um­fasst. Das war frü­her Er­do­gans Platz. Vie­le glau­ben, Al­bay­rak (40) sei als ein dy­nas­ti­scher Nach­fol­ger vor­ge­se­hen, das wä­re das zen­tral­asia­ti­sche Po­li­tik­mo­dell.

Die AKP sagt, Er­do­gan wer­de in der ers­ten Run­de der Prä­si­den­ten­wahl sie­gen, und auch im Par­la­ment zu­sam­men mit der ver­bün­de­ten Na­tio­na­lis­ten­par­tei MHP 55 bis 56 Pro­zent er­rei­chen. Meh­re­re Um­fra­gen sa­gen da­ge­gen, dass die Prä­si­den­ten­wahl im ers­ten Wahl­gang noch nicht ent­schie­den wird, es al­so am 8. Ju­li ei­ne zwei­te braucht – und dass die AKP im Par­la­ment ih­re ab­so­lu­te Mehr­heit ver­liert. Er­do­gan sagt, er ha­be schon «ei­nen Plan A, B, C», was so ge­deu­tet wird, dass er bei ei­nem Ver­lust der Par­la­ments­mehr­heit gleich wie­der zu ei­nem neu­en Ur­nen­gang ru­fen wird.

Fo­to: Ya­sin Ak­gul (AFP)

Die Hoff­nung der Op­po­si­ti­on: Mu­har­rem In­ce hin­ter der Wind­schutz­schei­be sei­nes Wahl­kampf­bus­ses in Istan­bul.

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