Ju­beln­de Rus­sen zum Start der WM

Ein 5:0, das die Zu­schau­er glück­lich macht und Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin stau­nen lässt: Dem Gast­ge­ber glückt ge­gen ein harm­lo­ses Sau­dia­ra­bi­en ein per­fek­ter Tur­nier­start.

Zürcher Unterländer - - Vorderseite - Pe­ter M. Bir­rer, Mos­kau

Er dreht sich um. Er reisst die Ar­me hoch. Er schaut mit weit auf­ge­ris­se­nen Au­gen ins Pu­bli­kum. Sein Blick sagt: «Habt ihr jetzt noch Fra­gen?»

Sta­nislaw Tschertsches­sow ist in die­sem Mo­ment kein kri­tisch be­ob­ach­te­ter Na­tio­nal­trai­ner Russ­lands mehr. Nein, er ist ein stol­zer, der sieht, wie sei­ne Spie­ler ge­gen Sau­dia­ra­bi­en Tor an Tor rei­hen, wie sie al­le Hem­mun­gen ab­le­gen, sich freit­an­zen und so gar nicht mehr an ei­ne ver­krampf­te Mann­schaft er­in­nern. Spä­ter mel­det er: «Das ist erst der An­fang.» Es tönt wie ei­ne Kampf­an­sa­ge. Aber wer hat ei­nen sol­chen An­fang schon er­war­ten kön­nen? Ein 5:0?

Auf die­sen Tag ha­ben sie in Russ­land lan­ge ge­war­tet, aber in die Vor­freu­de ha­ben sich im­mer wie­der ban­ge Fra­gen ge­mischt: Wie wird sich ih­re Mann­schaft an die­sem 14. Ju­ni prä­sen­tie­ren, wenn die Welt nach Mos­kau schaut? Wie da­nach? Wird das Tur­nier doch bes­ser als er­war­tet, viel­leicht gar ein klei­ner Tri­umph­zug? Oder en­det es gar be­reits in we­ni­gen Ta­gen mit ei­ner Bla­ma­ge?

Und Le­nin schaut zu

Die Zei­tung «Sport-Ex­press» ti­telt am Don­ners­tag: «Vor­wärts, Russ­land! Seid stolz!» Die Schlag­zei­le liest sich wie ein Fle­hen, dass die Fuss­bal­ler ihr Volk bloss nicht im Stich las­sen dür­fen, erst recht nicht zum Start ge­gen Sau­dia­ra­bi­en. «Es ist ei­gent­lich un­mög­lich, nicht zu ge­win­nen», fin­det Dmi­tri Ki­rit­schen­ko, «bei al­lem Re­spekt vor dem Geg­ner: Wir sind bes­ser, wir müs­sen viel bes­ser sein.» Für den frü­he­ren Na­tio­nal­spie­ler und heu­ti­gen Fi­faBot­schaf­ter im ers­ten Schwei­zer Spiel­ort Ros­tow am Don gibt es kei­ne güns­ti­ge­re Ge­le­gen­heit, um im Land für ei­nen schnel­len Stim­mungs­um­schwung zu sor­gen: «Ein Sieg – und al­le se­hen dar­über hin­weg, was in den letz­ten zwei Jah­ren nicht gut war.» Für Ki­rit­schen­ko, des­sen Tor 2004 ge­gen Grie­chen­land nach 67 Se­kun­den im­mer noch das schnells­te in der EM-Ge­schich­te ist, hat die teil­wei­se hef­ti­ge Kri­tik in den ver­gan­ge­nen Mo­na­ten auch et­was Gu­tes: «Das reisst die Spie­ler si­cher aus ih­rer Kom­fort­zo­ne her­aus und treibt sie an, ganz an­ders auf­zu­tre­ten als bis­her. Wir ge­win­nen 2:0.» Der Pro­gno­se lässt er gleich die nächs­te fol­gen: «Und am Sonn­tag setzt sich die Schweiz ge­gen Bra­si­li­en 1:0 durch.»

Es wird Nach­mit­tag, vor dem Lu­sch­ni­ki-Sta­di­on ha­ben die Fi­fa-Spon­so­ren an bes­ter La­ge ih­re Zel­te auf­ge­schla­gen, um Wer­bung zu ma­chen. Cheer­lea­der tan­zen, über­eif­ri­ge Ani­ma­to­ren über­tö­nen sich ge­gen­sei­tig, Fern­seh­re­por­ter scha­ren Fans hin­ter sich, die wie auf Knopf­druck Lärm ma­chen, wenn die Ka­me­ra läuft. Ir­gend­wie er­gibt das al­les ei­ne selt­sa­me Sze­ne­rie. Die­ser Kom­merz, die­se Auf­re­gung – und Le­nin schaut zu, ei­ne Sta­tue von ihm ist un­über­seh­bar vor dem Sta­di­on plat­ziert.

Ba­sam Al-Oh­man ist auch da, der 28-Jäh­ri­ge aus Sau­dia­ra­bi­en will mit sei­nen Freun­den 20 Ta­ge in Russ­land blei­ben. Er ruft: «Ich war in Frank­reich, in Deutsch­land, ich war an vie­len Or­ten – aber nir­gends ist es der­art un­kom­pli­ziert wie in Russ­land. Wir al­le soll­ten un­se­re Mei­nung ge­gen­über den Rus­sen än­dern.»

78 011 Men­schen fül­len das Sta­di­on, Rob­bie Wil­li­ams singt «Let me en­ter­tain you», die Am­bi­an­ce ist wun­der­bar. Dann wird es ru­hig in der mäch­ti­gen Are­na, weil Russ­lands Prä­si­dent Wla­di­mir Pu­tin et­was zu sa­gen hat, Sät­ze wie: «Die Rus­sen lie­ben Fussball.» Oder: «Wel­co­me to Rus­sia.» Ap­plaus.

Der Count­down tickt. Und dann pas­siert, was die Zu­schau­er glück­lich macht und Pu­tin in sei­nem feu­da­len Sitz stau­nen lässt.

Der un­ge­still­te Hun­ger

Gos­in­ski ist der ers­te Tor­schüt­ze des Tur­niers, der ein­ge­wech­sel­te Tsche­ri­schew der nächs­te kurz vor der Pau­se. Ds­ju­ba be­sei­tigt mit sei­nem 3:0 nach 71 Mi­nu­ten die letz­ten Zwei­fel – schief­ge­hen kann nichts mehr, nicht ge­gen die­se Mann­schaft, die nicht nur schlecht ver­tei­digt, son­dern auch harm­los ist, wenn es Rich­tung geg­ne­ri­schen Straf­raum geht.

Die Rus­sen rea­li­sie­ren, dass es tat­säch­lich kei­nen bes­se­ren Geg­ner ge­ben kann als Sau­dia­ra­bi­en, um das Pu­bli­kum zu un­ter­hal­ten und noch mehr Schwung für die nächs­ten Spie­le zu ho­len. Tsche­ri­schew zum zwei­ten Mal und Go­lo­win er­hö­hen in der Nach­spiel­zeit.

Pu­tin klatscht und reicht dem sau­di­schen Kron­prin­zen Mu­ham­mad bin Sal­man auf der Eh­ren­tri­bü­ne fast schon ent­schul­di­gend die Hand. Aber sein Mit­leid hält sich in Gren­zen. Russ­land ist auf der gros­sen Büh­ne nicht aus­ge­rutscht, im Ge­gen­teil: Russ­land hat so­gar viel ge­tan, um sich An­er­ken­nung zu ver­die­nen.

Als Coach Tschertsches­sow das 5:0 auf­ar­bei­tet, ver­zich­tet er dar­auf, Ge­nug­tu­ung zu de­mons­trie­ren und sich mit ei­nem Wort den Kri­ti­kern zu wid­men: «Wir ma­chen ein­fach un­se­ren Job. Jetzt freu­en wir uns ei­nen Abend lang. Dann wen­den wir die Sei­te und schrei­ben ein neu­es Ka­pi­tel.» Ägyp­ten ist am Di­ens­tag in Sankt Pe­ters­burg der zwei­te Geg­ner, «und das wird viel kom­ple­xer als ge­gen Sau­dia­ra­bi­en».

«Wir al­le soll­ten un­se­re Mei­nung ge­gen­über den Rus­sen än­dern.»

Kron­prinz Ba­sam Al-Oh­man

Fo­to: Reu­ters

Dop­pel­tor­schüt­ze De­nis Tsche­ry­schew: Russ­land hat das Er­öff­nungs­spiel der WM ge­gen Sau­dia­ra­bi­en mit 5:0 ge­won­nen.

Fo­to: Keysto­ne

Mann des Spiels, Held der Na­ti­on: De­nis Tsche­ri­sew war für die Sau­di­ara­bier zu wirb­lig und er­ziel­te zwei Tref­fer.

Fo­to: Keysto­ne

Er­öff­nungs­fei­er: Russ­land zeig­te sich in den schöns­ten Far­ben.

Fo­to: Get­ty Images

Ein­wech­sel­spie­ler und Tor­schüt­ze: Art­jom Ds­ju­ba.

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