«Ney­mar wird die­se WM prä­gen»

Jairz­in­ho stürm­te 1970 mit Bra­si­li­ens le­gen­dä­rem Team zum Ti­tel. In Rio er­zählt er, was er vom fünf­fa­chen Welt­meis­ter in Russ­land er­war­tet und wie er die Schweiz ein­stuft.

Zürcher Unterländer - - Wm 2018 - Fdr

Was er­war­ten Sie von Bra­si­li­en an der WM in Russ­land?

Jairz­in­ho: Den Ti­tel. Wir sind Bra­si­li­en, wir sind Re­kord­welt­meis­ter, für uns kann es im­mer nur ein Ziel ge­ben: den Sieg.

Seit 2002 war­tet Ihr Land aber auf den sechs­ten WM-Ti­tel.

Den­noch dür­fen wir selbst­be­wusst sein und müs­sen nicht auf an­de­re Na­tio­nen schau­en. Na­tür­lich sind Deutsch­land, Frank­reich, En­g­land stark, es gibt Ar­gen­ti­ni­en, Spa­ni­en, Por­tu­gal, ich hal­te Ko­lum­bi­en und Uru­gu­ay für ge­fähr­lich. Doch kei­ne die­ser Na­tio­nen be­sitzt ei­ne so gros­se Fuss­ball­tra­di­ti­on wie wir, nir­gend­wo gibt es so vie­le Ta­len­te.

Sie ha­ben die Schweiz nicht er­wähnt.

Das ist ei­ne un­an­ge­neh­me Mann­schaft, die den Fa­vo­ri­ten weh­tun kann. Das hat ja auch Ar­gen­ti­ni­en an der WM hier in Bra­si­li­en vor vier Jah­ren ge­se­hen. Aber ich den­ke, die Schweiz ist zu li­mi­tiert, um bis am En­de mit­zu­spie­len. Bra­si­li­en trifft gleich im ers­ten Spiel auf die Schweiz, das wird kein Selbst­läu­fer, der Auf­takt in ein Tur­nier ist oft har­zig. Ein Fehl­start wä­re dies­mal be­son­ders bit­ter.

War­um?

Es ist ei­ne star­ke Grup­pe, auch Ser­bi­en und Cos­ta Ri­ca sind kei­ne Exo­ten. Und es wä­re wich­tig für Bra­si­li­en, Ers­ter zu wer­den. Ei­nen Ach­tel­fi­nal ge­gen Deutsch­land möch­te in un­se­rem Land nie­mand. Das 1:7 im WMHalb­fi­nal 2014 wer­den wir nie mehr ver­ges­sen. Das war ei­ne Schan­de für un­se­ren Fussball.

«Wer Pelé live sah, der weiss, wer der bes­te Spie­ler der Ge­schich­te ist.»

Jairz­in­ho

Was lief da­mals falsch?

Der Druck war zu gross, die Spie­ler wa­ren ge­lähmt. Und dann fie­len mit dem ge­sperr­ten Thia­go Sil­va und dem ver­letz­ten Ney­mar noch die bes­ten und wich­tigs­ten Spie­ler aus. Un­ser Team ist dies­mal deut­lich stär­ker und brei­ter be­setzt. 2014 spiel­te Fred, das war ein To­tal­aus­fall, sein Er­satz war Jo. Die­se An­grei­fer wa­ren ei­ne Be­lei­di­gung für un­ser Land.

Das ak­tu­el­le Team ge­fällt Ih­nen?

Das sind al­les Welt­klas­se­spie­ler, sie be­sit­zen Er­fah­rung und Ta­lent, sind von sich über­zeugt. Es gibt nicht mehr nur Ney­mar in der Of­fen­si­ve, auch Cou­tin­ho, Wil­li­an, Dou­glas Cos­ta, Fir­mi­no sind erst­klas­si­ge An­grei­fer. Und erst recht Ga­b­ri­el Je­sus. Al­lein die­ser Nach­na­me sorgt ja für Hoff­nung. Das passt al­les, die Stim­mung ist bes­ser als vor vier Jah­ren, auch die Leu­te im Land sind op­ti­mis­ti­scher. 2014 war al­les zu gross, zu mäch­tig, zu viel. Die meis­ten Bra­si­lia­ner sind ja so­gar mit dem Na­tio­nal­trai­ner zu­frie­den.

Was zeich­net Trai­ner Ti­te aus?

Er ist im Ge­gen­satz zu frü­he­ren Na­tio­nal­trai­nern nicht stur. Er ist ein Freund der Spie­ler, re­det mit ih­nen, gibt ih­nen Frei­hei­ten, nimmt sie auch mal in den Arm. Das sind klei­ne Ges­ten mit gros­ser Wir­kung. Denn ob­wohl die­se Spie­ler be­reits mit 20 Jah­ren mehr­fa­che Mil­lio­nä­re sind, möch­ten sie wie nor­ma­le Men­schen be­han­delt wer­den. Und sei­ne fach­li­chen Qua­li­tä­ten sind un­be­strit­ten.

Was macht er be­son­ders gut?

Er kann ein Spiel le­sen, ist klug und er­fah­ren. Er hat ja eher spät Er­folg ge­habt, ist schon 57, aber hat vor ein paar Jah­ren mit Corin­thi­ans al­les ge­won­nen, so­gar die Club-WM. Ti­te ist tak­tisch ver­siert, er kann drei ver­schie­de­ne Sys­te­me in ei­nem Spiel an­wen­den, wenn es not­wen­dig ist. Er ist die bes­te Wahl als Coach Bra­si­li­ens. Und glau­ben Sie mir, es gibt kei­nen schwie­ri­ge­ren Trai­ner­job, als an ei­ner WM die Se­leção zu be­treu­en. Ich hof­fe nur, er wird in Russ­land mu­tig blei­ben und of­fen­siv auf­stel­len.

In Bra­si­li­en wird lust­voll dar­über de­bat­tiert, ob Cou­tin­ho auch ge­gen star­ke Geg­ner im 4-3-3-Sys­tem im Mit­tel­feld auf­ge­stellt wer­den soll.

Das ist ei­ne wich­ti­ge Dis­kus­si­on. Für mich ist klar, dass Cou­tin­ho im­mer im Mit­tel­feld spie­len muss. Wir ha­ben dort mit Cas­emi­ro ei­nen über­ra­gen­den Bal­le­r­obe­rer, da­zu Fer­nandin­ho oder Paul­in­ho, das reicht für die Sta­bi­li­tät. Und vor Cou­tin­ho spie­len dann Ney­mar, Ga­b­ri­el Je­sus, Wil­li­an. Das ist fan­tas­tisch, fast wie frü­her zu un­se­ren Zei­ten.

Das klingt bei­na­he ro­man­tisch.

Mir ist klar, dass sich die Zei­ten ge­än­dert ha­ben. Als wir 1970 Welt­meis­ter wur­den, hat­ten wir mit Pelé, Tos­tão, Ger­son, Ri­ve­li­no und mir im Prin­zip fünf Num­mer-10-Spie­ler. Spiel­ma­cher, die in ih­ren Clubs al­le Frei­hei­ten be­sas­sen. Das war ein Feu­er­werk. Aber wenn du mit Pelé spielst, ist klar, wer die 10 be­kommt.

Nun trägt Ney­mar die my­thi­sche 10. Die Er­war­tun­gen an ihn sind rie­sen­gross. Kann er dar­an zer­bre­chen?

Das ist ein gu­ter Jun­ge, ein lo­cke­rer Kerl, er kann da­mit um­ge­hen. Und vor al­lem be­sitzt er über­ra­gen­de Fä­hig­kei­ten, er wird die­se WM prä­gen, ihr den Stem­pel auf­drü­cken. Viel­leicht war sei­ne Ver­let­zung im Fe­bru­ar so­gar gut für Bra­si­li­en, so konn­te er sich in Ru­he vor­be­rei­ten.

Sein Auf­bau­trai­ning war wo­chen­lang das be­herr­schen­de The­ma in Bra­si­li­en, das gan­ze Land ver­folg­te ge­bannt sei­ne Fort­schrit­te.

Er ist so be­liebt, weil er trotz al­lem ein nor­ma­ler Typ ist, der viel lacht. Okay, er hat ein paar Flau­sen im Kopf, viel­leicht nicht im­mer die bes­ten Freun­de, ab und zu ei­ne Frau­en­geschich­te. Aber, hey, er ist 26. Und es ist ja nicht sei­ne Schuld, ist der Fussball ein sol­ches Ge­schäft ge­wor­den. Er kos­te­te Pa­ris rund ei­ne Vier­tel­mil­li­ar­de

Jairz­in­ho, mit vol­lem Na­men Jair Ven­tura Fil­ho,

lebt in Rio de Janei­ro, wo er auf­wuchs, als Ta­lent am Strand ent­deckt wur­de und vie­le Jah­re für Bo­ta­fo­go spiel­te. In sei­ner lan­gen Kar­rie­re war er auch ein Jahr bei Olym­pi­que Mar­seil­le in Frank­rei­ch­en­ga­giert. Für Bra­si­li­en be­stritt der flin­ke Of­fen­siv­spie­ler

81 Län­der­spie­le

Dol­lar Ab­lö­se­sum­me, das ist un­mo­ra­lisch. Da­zu passt, dass Welt­meis­ter­schaf­ten in Russ­land und in Ka­tar aus­ge­tra­gen wer­den. Die­se Ent­wick­lung ist un­ge­sund. Aber ich bin ein äl­te­rer Mann, sich dar­über auf­zu­re­gen, lohnt sich nicht.

Was fehlt Ney­mar, um zu den ganz Gros­sen der bra­si­lia­ni­schen Fuss­ball­ge­schich­te zu ge­hö­ren?

Er ist schon heu­te ei­ner der bes­ten Spie­ler, die un­ser Sport je ge­se­hen hat. Er wird der nächs­te Welt­fuss­bal­ler nach Cris­tia­no Ro­nal­do und Lio­nel Mes­si. Die­se bei­den sind üb­ri­gens bes­ser als Die­go Ma­ra­do­na, Jo­han Cruyff, Al­f­re­do Di Ste­fa­no, Franz Be­cken­bau­er.

Sie ha­ben kei­ne Bra­si­lia­ner ge­nannt.

Wis­sen Sie, wer Pelé live hat spie­len se­hen, den lang­wei­len die­se Dis­kus­sio­nen, wer der bes­te

und schoss 33 To­re.

Welt­meis­ter wur­de Jairz­in­ho 1970 in Me­xi­ko, als er in je­der Be­geg­nung traf (7-mal in 6 Par­ti­en). Der 73-Jäh­ri­ge ist im Stadt­teil Le­me, gleich ne­ben der Co­paca­ba­na, oft in klei­nen Bars an­zu­tref­fen. Er ist ein ge­sel­li­ger Mensch, der sich im­mer noch in Fa­ve­la­pro­jek­ten für Ju­gend­li­che en­ga­giert. Zu­dem ist Jairz­in­ho in Bra­si­li­en ein be­kann­ter Wer­be­trä­ger und als Fuss­ball­ex­per­te für di­ver­se Me­di­en tä­tig. Fuss­bal­ler der Ge­schich­te ist. Pelé ist und bleibt ein­ma­lig. Ich ha­be lan­ge mit ihm ge­spielt, das war ein Traum. Er steht über al­len an­de­ren, wur­de drei­mal Welt­meis­ter. Sie ha­ben vor­hin ge­fragt, was Ney­mar fehlt, und die Ant­wort ist ein­fach: ein WMTi­tel. Auch un­ser Ro­nal­do und Ro­nald­in­ho spiel­ten über­ra­gend und wur­den Welt­meis­ter. Aber für mich wa­ren Zi­co und So­cra­tes die noch grös­se­ren Fuss­bal­ler. Lei­der ste­hen sie für ei­ne gross­ar­ti­ge Ge­ne­ra­ti­on Bra­si­li­ens, die wun­der­bar spiel­te, aber kei­ne WM ge­wann.

Es gibt Men­schen, die be­haup­ten, Bra­si­li­en ha­be nie schö­ner ge­spielt als 1982 und 1986 an der WM.

Soll das ein Witz sein? So et­was kann nur je­mand sa­gen, der 1970 noch nicht leb­te. Was wir da­mals zeig­ten, ist un­er­reicht, das war wie ein Rausch, im Fi­nal sieg­ten wir 4:1 ge­gen Ita­li­en.

Sie tra­fen 1970 in je­dem der sechs WM-Spie­le, ins­ge­samt er­ziel­ten Sie sie­ben To­re. Wel­che Er­in­ne­run­gen ha­ben Sie an das End­spiel?

Es war ei­ne un­glaub­li­che At­mo­sphä­re im Az­te­ken­sta­di­on in Me­xi­ko-Stadt, weit über 100 000 Zu­schau­er. Pelé traf früh, Ita­li­en glich aus, nach der Pau­se wa­ren wir nicht mehr zu brem­sen, spä­tes­tens nach mei­nem Tor zum 3:1 war die Be­geg­nung ent­schie­den. Im­mer vor Welt­meis­ter­schaf­ten wer­den die Bil­der die­ses Tur­niers am bra­si- lia­ni­schen TV rauf und run­ter ge­spielt. Das ist schön, so se­hen die Jun­gen, was wir ge­leis­tet ha­ben.

Wür­den Sie ger­ne heu­te spie­len, da mit­tel­mäs­si­ge Fuss­bal­ler in ei­ner Wo­che lo­cker so viel ver­die­nen wie Sie da­mals in ei­nem Jahr?

Ich wür­de ger­ne noch spie­len, weil ich dann an der WM teil­neh­men könn­te. Aber, nein, ich bin nicht der Typ, der sol­chen Din­gen nach­trau­ert. Ich le­be in Bra­si­li­en, ich se­he je­den Tag, wie Geld den Cha­rak­ter ver­dirbt.

Es sind sehr schwie­ri­ge Zei­ten für un­ser Land, die wirt­schaft­li­chen Pro­ble­me sind enorm, es gibt kaum ei­ne Per­spek­ti­ve für die Te­enager in den Fa­ve­las. Sie lan­den lei­der oft in ei­ner Gang. Auch des­halb ist der Fussball so wich­tig. Er gibt den Jun­gen Hoff­nung und Freu­de.

Aber ich ver­ste­he auch, dass jun­ge Spie­ler Mü­he ha­ben mit dem Reich­tum und das Geld mit bei­den Hän­den aus­ge­ben. Sie stam­men oft aus ärm­li­chen Ver­hält­nis­sen.

Sie en­ga­gie­ren sich seit vie­len Jah­ren für Pro­jek­te in den Fa­ve­las, den Ar­men­vier­teln. Wie be­ur­tei­len Sie die Ent­wick­lung des Lan­des mit die­sen Er­fah­run­gen?

Es ist schlimm, rich­tig schlimm. Vie­le Jun­ge er­war­tet ein trau­ri­ges Le­ben. Nur ein paar we­ni­ge wer­den Fuss­bal­ler, in die Te­le­no­ve­las am Fern­se­hen schaf­fen es im­mer noch nur weis­se Men-

«Er wird der nächs­te Welt­fuss­bal­ler nach Cris­tia­no Ro­nal­do und Mes­si», sagt Alt­star Jairz­in­ho über Lands­mann Ney­mar (Mit­te).

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