Das U-Haft-Re­gime soll we­ni­ger hart wer­den

Nir­gends ist der All­tag so hart wie in den Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis­sen. Man­che In­sas­sen bre­chen nach kur­zer Zeit zu­sam­men – und die Zahl der psy­chisch Er­krank­ten steigt. Nun re­agiert das kan­to­na­le Amt für Jus­tiz­voll­zug.

Zürcher Unterländer - - Vorderseite - Hz

Der Kan­ton Zü­rich will die Be­din­gun­gen in den Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis­sen ver­bes­sern. Das teil­te ges­tern das Amt für Jus­tiz­voll­zug an sei­ner Jah­res­me­di­en­kon­fe­renz im Ge­fäng­nis Zü­rich mit. Die In­sas­sen sol­len bes­ser be­treut und die So­zi­al­ar­beit aus­ge­baut wer­den. Wei­ter dürf­ten Häft­lin­ge, von de­nen kei­ne Ver­dun­ke­lungs­ge­fahr mehr aus­ge­he, mehr Zeit aus­ser­halb der Zel­len ver­brin­gen. Aus­ser­dem wird im Ge­fäng­nis Lim­mat­tal auf An­fang Jahr ei­ne spe­zi­el­le Ab­tei­lung für Kri­sen­in­ter­ven­ti­on er­öff­net. Sie bie­tet Platz für neun Per­so­nen, die sich in ei­ner aku­ten Kri­se be­fin­den, aber zu we­nig sui­zi­dal sind für ei­ne psych­ia­tri­sche Kli­nik. Laut dem Amt für Jus­tiz­voll­zug hat die Zahl der psych­ia­tri­schen Kon­sul­ta­tio­nen zu­letzt ste­tig zu­ge­nom­men.

Wer in Un­ter­su­chungs­haft sitzt, ist noch nicht ver­ur­teilt. Für ihn gilt die Un­schulds­ver­mu­tung. Trotz­dem be­kommt er die vol­le Här­te des Jus­tiz­voll­zugs zu spü­ren. Be­son­ders hart ist der Auf­ent­halt im Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis Zü­rich. Es ist deut­lich äl­ter als je­ne in Dielsdorf, Die­ti­kon, Pfäf­fi­kon und Win­ter­thur.

Mar­ké­ta Ho­ra, die stell­ver­tre­ten­de Di­rek­to­rin, führt durch die al­ten Ge­mäu­er des vier­stö­cki­gen, beim Be­zirks­ge­richt ge­le­ge­nen Ge­bäu­des. Kabel und schie­fe Lam­pen hän­gen von der De­cke, die Luft ist dick. Erst recht in den klei­nen Zel­len. Wer ei­ne Dop­pel­zel­le be­legt, teilt mit sei­nem Mit­in­sas­sen La­vabo, WC, TV-Ge­rät und ei­nen klei­nen Tisch mit Bänk­chen und Stuhl.

An Wo­che­n­en­den ver­brin­gen die In­sas­sen teils bis zu 23 St­un­den in der acht Qua­drat­me­ter klei­nen Zel­le. An den Wo­chen­ta­gen, wenn mehr Per­so­nal im Ein­satz ist, sind es 18 St­un­den. Mehr als ei­ne St­un­de auf dem Spa­zi­er­hof liegt nicht drin (sie­he un­ten).

So et­was wün­sche er nie­man­dem, sag­te Ex-Raiff­ei­sen-Chef Pie­rin Vin­cenz, nach­dem er aus der U-Haft ent­las­sen wur­de.

Haft­schock nach Ein­tritt

Im Durch­schnitt ver­brin­gen die In­sas­sen 54 Ta­ge in Un­ter­su­chungs­haft. Bei man­chen dau­ert der Auf­ent­halt so­gar Jah­re. Ei­ne Ober­gren­ze gibt es in der Schweiz nicht. Haupt­zweck ist es, zu ver­hin­dern, dass der oder die In­haf­tier­te flüch­tet, rück­fäl­lig wird, sich ab­spre­chen oder auf Be­weis­mit­tel ein­wir­ken kann.

In U-Haft wer­den Kon­tak­te mit Per­so­nen aus­ser­halb der Ge­fäng­nis­mau­ern strik­ter ge­hand­habt als in In­sti­tu­tio­nen mit rechts­kräf­tig ver­ur­teil­ten Häft­lin­gen. Da sie noch auf ihr Ur­teil war­ten, dür­fen sie auch nicht an Re­so­zia­li­sie­rungs­pro­gram­men teil­neh­men.

Am schwie­rigs­ten sei­en die ers­ten Ta­ge, sagt Jé­rô­me En­drass, Fo­ren­si­ker und St­abs­chef beim Amt für Jus­tiz­voll­zug. Man­che er­leb­ten ei­nen re­gel­rech­ten Haft­schock. Die Sui­zid­ge­fahr sei dann am gröss­ten. Ge­gen­über ei­nem her­kömm­li­chen Ge­fäng­nis er­hö­he sich das Ri­si­ko um den Fak­tor zehn. Das schwie­ri­ge Um­feld sei si­cher­lich mit ein Grund.

«Schlech­ter zwäg»

Laut En­drass kom­men im­mer mehr In­sas­sen be­reits be­las­tet ins Ge­fäng­nis. Sei es, weil sie an psy­chi­schen Er­kran­kun­gen wie De­pres­si­on oder Schi­zo­phre­nie lei­den oder Dro­gen kon­su­mie­ren. «Ge­gen­über frü­he­ren Jah­ren ist zu be­ob­ach­ten, dass sie ten­den­zi­ell schlech­ter zwäg sind und mehr Be­treu­ung be­an­spru­chen.»

Das ver­deut­licht die Zahl der psych­ia­tri­schen Kon­sul­ta­tio­nen in den Zürcher Ge­fäng­nis­sen. 2013 wa­ren es 4700, seit­her stieg die Zahl kon­ti­nu­ier­lich auf 6730 im Jahr 2017.

Mehr Platz, bes­ser be­treu­en

Nun re­agiert das Amt für Jus­tiz­voll­zug. Es will die Un­ter­su­chungs­haft lo­ckern. Laut Ro­land Zur­kir­chen, Di­rek­tor der Zürcher Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis­se, wer­de man un­ter an­de­rem die Be­treu­ung ver­bes­sern, heisst: Die Auf­se­her sol­len of­fe­ner auf die In­sas­sen zu­ge­hen. «Et­was, das tra­di­tio­nell nicht un­be­dingt zu den Stär­ken der Mit­ar­bei­ten­den zählt», sagt Zur­kir­chen.

Zu­dem sol­len noch mehr So­zi­al­ar­bei­ter ein­ge­setzt wer­den. Die­se wür­den sich künf­tig nicht nur um die Häft­lin­ge küm­mern, son­dern auch um de­ren fa­mi­liä­res Um­feld. Der Aus­bau soll durch an­der­wei­ti­ge Ein­spa­run­gen fi­nan­ziert wer­den.

Wei­ter kün­digt Zur­kir­chen per En­de Jahr die Ein­füh­rung ei­nes Zwei­pha­sen­mo­dells an. In­haf­tier­te, bei de­nen kei­ne Ver­dun­ke­lungs­ge­fahr be­steht, sol­len mehr Zeit aus­ser­halb der Zel­le ver­brin­gen kön­nen.

Da­für ge­eig­net sei der Stand­ort Die­ti­kon. Das Ge­fäng­nis Lim­mat­tal ist das mo­derns­te der fünf Un­ter­su­chungs­ge­fäng­nis­se. Ein lo­cke­re­res Re­gime lässt sich dort ein­fa­cher um­set­zen.

Neue Ab­tei­lung in Die­ti­kon

Im Ge­fäng­nis Lim­mat­tal wird aus­ser­dem per An­fang 2019 – mit ei­nem Jahr Ver­zö­ge­rung – ei­ne Ab­tei­lung für Kri­sen­in­ter­ven­ti­on er­öff­net. Pro­fi­tie­ren sol­len In­sas­sen, die sich in ei­ner aku­ten Kri­se be­fin­den, aber nicht so stark sui­zi­dal ge­fähr­det sind, dass sie in ei­ne psych­ia­tri­sche Kli­nik ein­ge­wie­sen wer­den müs­sen. In die­sen wer­de je län­ger, je mehr er­war­tet, dass der Jus­tiz­voll­zug die­se Pa­ti­en­ten nach Mög­lich­keit sel­ber be­treue, sagt En­drass.

Die neue Ab­tei­lung im Lim­mat­tal bie­tet Platz für neun Häft­lin­ge. Sie sol­len nicht nur mehr Frei­raum ha­ben, son­dern auch mehr so­zia­le Kon­tak­te pfle­gen und bei­spiels­wei­se ge­mein­sam es­sen dür­fen.

Fotos: Amt für Jus­tiz­voll­zug / PD

In der acht Qua­drat­me­ter klei­nen Zel­le im Ge­fäng­nis Zü­rich ver­brin­gen die In­sas­sen täg­lich 18 St­un­den oder mehr. Auf den Spa­zi­er­hof dür­fen sie le­dig­lich ein­mal am Tag – für ma­xi­mal ei­ne St­un­de.

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