Von Plas­tik­sack und Bio-Sek­te

Zürcher Unterländer - - Samstag Extra -

«Mir ein Ki­lo Ba­na­nen für 1.50 Fran­ken zu ver­kau­fen und mir gleich­zei­tig ein­zu­re­den, das sei bio­lo­gisch und öko­lo­gisch un­be­denk­lich –

das ist die Auf­ga­be der Gross­ver­tei­ler.»

Sich die ei­ge­ne Ge­sund­heit und die Ret­tung des Pla­ne­ten gleich­zei­tig durch ei­nen mo­de­ra­ten Auf­preis auf Le­bens­mit­tel er­kau­fen. Das ist der Traum der Bio- und Öko-Fe­ti­schis­ten, dass das so ein­fach wär. Mag sein, dass die Korin­then­ka­cker jetzt zwi­schen dem Bio-Kun­den («Ich will ge­sund le­ben») und dem ÖkoKun­den («Mei­ne Nach­kom­men sol­len ge­sund le­ben kön­nen») un­ter­schei­den – seis drum. Das Ziel­pu­bli­kum der je­wei­li­gen Le­bens­mit­tel ist doch das­sel­be. So zu­min­dest lässt sich die neus­te Mass­nah­me vom Gross­ver­tei­ler Co­op er­klä­ren. Wie die Gra­tis­zei­tung «20 Mi­nu­ten» An­fang Wo­che er­zähl­te, sol­len ab Herbst Früch­te und Ge­mü­se mit Bio-La­bel nur noch oh­ne Plas­tik­ver­pa­ckung an­ge­bo­ten wer­den. Ir­gend­wie nach­voll­zieh­bar: Ei­ne weisse Öko-Wes­te lässt sich den «Bi­os» wohl nicht so leicht ver­mit­teln, wenn je­der Blu­men­kohl oder Sel­le­rie ein­zeln in Plastik ver­packt wird.

In der Kom­men­tar­spal­te

kam die Ak­ti­on an! «Su­per», schreibt die Nut­ze­rin Bea, «Na end­lich!», be­fin­det Nög­gi, «Na al­so, geht doch!», sagt Pant­ho­mas – als hät­te die Hips­ter-Front ewig nur dar­auf ge­war­tet. Mich per­sön­lich freu­en sol­che Kom­men­ta­re auch je­des Mal. Ich freue mich dar­über, in ei­nem Land le­ben zu dür­fen, in dem über­ver­wöhn­te Kon­su­men­ten ge­nug Zeit ha­ben, um sich in al­ler Öf­fent­lich­keit ge­gen­sei­tig den Schein­hei­li­gen­schein vom Kopf zu reis­sen.

Na­tür­lich

sind Plas­ti­k­ab­fäl­le nicht toll. Und mit 100 Ki­lo Plas­ti­k­ab­fall pro Kopf bei 25 Pro­zent Re­cy­cling­quo­te steht die Schweiz be­stimmt nicht auf dem Sie­ger­trepp­chen der Pla­ne­ten­ret­ter. Wie ich zu sa­gen pfle­ge: Bio­lo­gisch ab­bau­bar ist letzt­lich al­les – bloss dau­erts beim Kunst­stoff halt ein paar Jähr­chen län­ger. Mich stört ja nicht, dass Co­op auf Ver­pa­ckungs­plas­tik ver­zich­ten will. Was mich stört, ist die­se ewi­ge Wich­tig­tue­rei aus der Sek­tenE­cke der Pla­ne­ten­ret­ter.

Bei Lich­te be­trach­tet

ist das doch al­les scheuss­lich un­ehr­lich! Das Ein­zi­ge, was pas­siert: Ich brauch beim Ein­kau­fen ei­nen Schritt mehr, in­dem ich mei­nen Bio-Blu­men­kohl jetzt vor dem Wä­gen sel­ber in das Plas­tik­säck­lein ste­cken muss, das ich ne­ben­an von der Rol­le ab­rup­fe – ich leg den Kohl doch nicht so auf das schmut­zi­ge För­der­band, gehts noch? Da könn­ten Pes­ti­zi­de und Fun­gi­zi­de vom Nicht-Bio-Broc­co­li mei­nes Vor­der­manns rü­ber­sprin­gen. Und wenn ich schon da­bei bin, nehm ich von den Obst- und Ge­mü­se-Plas­tik­säck­li gleich noch drei wei­te­re mit, da­mit ich die 5 Rap­pen für das an­de­re Plas­tik­säck­li an der Kas­se nicht be­zah­len brau­che. Das ist doch Cha­bis!

Es ist nun­mal

nicht die Auf­ga­be der Gross­ver­tei­ler und Wa­ren­haus­ket­ten, die Welt­mee­re oder den Dschun­gel zu ret­ten. Das Kunst­stück fer­tig­zu­brin­gen, mir ein Ki­lo Ba­na­nen für 1.50 Fran­ken zu ver­kau­fen und mir gleich­zei­tig noch ein­zu­re­den, das sei bio­lo­gisch, öko­lo­gisch oder ethisch un­be­denk­lich – das ist ih­re Auf­ga­be. Und die er­le­di­gen sie schon ver­dammt gut. «Bio» und «Öko», das heisst über­setzt nur ei­nes: An­ge­bot und Nach­fra­ge. Man rech­net sta­tis­tisch hoch, wie viel Pro­zent der Kun­den das wol­len und wie viel Auf­preis sie zah­len. Und dann bie­tet man den Lauch mit Bio­kle­ber und oh­ne Bio­kle­ber an – stets im Wis­sen dar­um, dass die Schwei­zer oh­ne­hin ein Drit­tel des ge­sam­ten Ge­mü­ses wie­der weg­wer­fen.

Es geht um Op­tio­nen.

Wir ha­ben uns doch längst dar­an ge­wöhnt, aus 120 Ho­nig­s­or­ten aus­wäh­len zu müs­sen. Stört mich das? Mich stö­ren all die­se Bio-Bes­ser­wis­ser im 20-Mi­nu­ten-Fo­rum, die ih­re Hem­den für 9.90 Fran­ken tra­gen und sich dann auf dem al­le an­dert­halb Jah­ren er­setz­ten Chi­na-Smart­pho­ne in der Trend-Com­mu­ni­ty dar­über aus­las­sen, dass ein re­gio­nal pro­du­zier­ter Sel­le­rie ei­ne Plas­tik­ver­pa­ckung hat. Sol­che Leu­te nehm ich nicht ernst.

Steht mir da

die gros­se Moral­pre­digt zu? Auf kei­nen Fall! Im Ge­gen­teil. Ich ver­lan­ge von nie­man­dem, dass er die Welt ret­tet! Das Ein­zi­ge, was ich ver­lan­ge, ist Ehr­lich­keit! Und ich sa­ge gleich of­fen: Ich wei­ge­re mich, auf Lu­xus zu ver­zich­ten. Ich flie­ge ger­ne und oft ins Aus­land, und ich neh­me für die Stadt das pri­va­te Au­to, weil es ei­ne funk­tio­nie­ren­de Kli­ma­an­la­ge hat und weil die Bahn oh­ne Halb­tax ein­fach zu teu­er ist. Aber ich kau­fe zum Bei­spiel kei­ne Eier aus Bo­den­hal­tung, denn so was tut man nicht!

In­kon­se­quent?

Ja na­tür­lich! Al­les an­de­re ist gar nicht prak­ti­ka­bel. Ei­ne Nicht-Bi­oSa­lat­gur­ke aus Holland mit ei­ge­ner Schutz­fo­lie? Kein Pro­blem. Bei Ra­dies­chen oder Hei­del­bee­ren schaue ich viel eher auf Re­gio­na­les. Da­für es­se ich wei­ter­hin Fleisch – wohl das Ers­te, was man als um­welt­be­wuss­ter Mensch am Tag 1 ein­stel­len müss­te.

Ich sa­gen Ih­nen auch,

wen ich durch­aus ernst neh­men kann: Ve­ge­ta­ri­er, die ihr ei­ge­nes Bio-Ge­mü­se im Gar­ten an­pflan­zen, mit dem Rad zur Ar­beit fah­ren, ein 7 Jah­re al­tes Smart­pho­ne ver­wen­den, ih­re Pull­over aus ein­hei­mi­scher Wol­le sel­ber stri­cken und ih­re Som­mer­fe­ri­en im Tog­gen­burg ver­brin­gen. Von de­nen müss­te ich mir so­gar sa­gen las­sen, dass ich ein schlech­ter Mensch bin – das frei­lich ret­tet die Welt auch nicht.

Flo­ri­an Scha­er Re­dak­tor

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