Châ­teau d’Yquem? Nein dan­ke!

Zum Des­sert Süss­wei­ne ser­vie­ren? Zu kleb­rig – und zwar nicht nur im Som­mer.

Zürcher Unterländer - - Kulinarik - Daniel Bö­ni­ger

Es liest sich, als wür­de Sham­poo be­wor­ben: «Üp­pi­ge Na­se, die an rei­fe Früch­te er­in­nert und zu­gleich lieb­lich duf­tet.» Von kan­dier­ter Oran­gen­scha­le, Apri­ko­se, Pfir­sich und Kon­fi­tü­re ist die Re­de. Von Süsse und Reich­hal­tig­keit, die durch die «Fri­sche von Man­da­ri­nen» aus­ba­lan­ciert wird. Das Pro­dukt, das hier be­schrie­ben wird, ver­wen­det man je­doch nicht zum Haa­re­wa­schen, es wird in ganz no­blen Lo­ka­len zum Des­sert aus­ge­schenkt. Es han­delt sich um Aus­zü­ge aus ei­ner De­gus­ta­ti­ons­no­tiz ei­nes Mas­ters of Wi­ne für ei­nen Süss­wein aus dem Hau­se Châ­teau d’Yquem. Et­was vom Edels­ten, was man in Frank­reich in Fla­schen kau­fen kann.

Bloss: Wann will man sich sol­che Süss­wei­ne zu Ge­mü­te füh­ren?

Die Re­de soll hier auch von we­sent­lich güns­ti­ge­ren Pro­ve­ni­en­zen sein. Als Apé­ro sind sie in al­ler Re­gel zu kleb­rig. Zu Vor­und Haupt­spei­sen sind sie de­fi­ni­tiv zu süss. Und ser­viert man sie als flüs­si­ge Be­glei­tung zu Des­serts, hilft dies eben­so we­nig. Denn die Fra­ge sei er­laubt: Möch­te man, wenn man auf dem Tel­ler schon Ana­nascar­pac­cio und Pfir­sich­pü­ree hat, süsse Va­nil­leg­lace und ei­ne Ver­zie­rung aus Ka­ra­mell, im Glas noch mehr Süsse? Nein, und jetzt im Som­mer erst recht nicht.

Kein Wun­der, ist es dem Au­tor die­ser Zei­len auch schon pas­siert, dass er ei­nen süs­sen Weiss­wein im Kühl­schrank ge­fühl­te 54 Mo­na­te ge­la­gert hat.

War­um? Weil nie die rich­ti­ge Si­tua­ti­on ein­traf, um ihn zu ent­kor­ken. Und wenn dann tat­säch­lich mal Gäs­te im Haus wa­ren und Blau­schim­mel­kä­se auf dem Tisch stand – die wohl ein­zi­ge Si­tua­ti­on, in der Süss­wein funk­tio­nie­ren wür­de –, dann hat­ten die Freun­de bis da­hin schon so viel Weissen und Ro­ten in­tus, dass für ei­nen ed­len To­ka­jer nicht der rich­ti­ge Zeit­punkt war.

Süss­wei­ne schaf­fen noch an­de­re Pro­ble­me:

Ein Wein­pro­du­zent hat mal er­zählt, dass er mit der Süss­wein­pro­duk­ti­on auf­ge­hört ha­be, weil er ers­tens we­gen des dar­in ent­hal­te­nen Hist­amins im­mer Kopf­weh be­kom­me. Aber auch, zwei­tens, weil er sei­ne Li­kör­wei­ne meist gar nicht ver­kauf­te, son­dern über die Hälf­te der Fla­schen an Wein­mes­sen der kauf­freu­di­gen Kund­schaft am Stand aus­ge­schenkt ha­be. Im Sin­ne von: Jetzt ha­ben Sie so viel be­stellt, jetzt zeig ich Ih­nen noch et­was Be­son­de­res...

Hört mir al­so bit­te auf mit Süss­wein!

Wenn man dem Gast am En­de ei­nes Es­sens noch et­was Gu­tes an­bie­ten will, kann dies ne­ben dem Des­sert noch ein Glas Cham­pa­gner sein. Und soll­te je­mand noch auf mehr Pro­mil­le aus sein, dann gebt ihm noch ei­nen Schnaps oben­drauf. Aber Châ­teau d’Yquem und Co.? Die braucht der Ge­nies­ser so drin­gend wie der Win­zer ein Loch im Fass.

Fo­to: PD

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