«Ich bin der Ge­gen­pol zu den Wild­west-Ma­chos»

Zürcher Unterländer - - Agenda - In­ter­view: Mar­tin Al­le­mann

Sie stan­den sich im Zwei­kampf ge­gen­über: Old Shat­ter­hand und Win­ne­tou. Dar­aus wur­de ei­ne wun­der­ba­re Bluts­brü­der­schaft. Jetzt tref­fen sie sich wie­der in En­gel­berg und rei­ten mit Ri­b­an­na – Gi­usy Brin­gold – in ein neu­es Aben­teu­er.

Gi­usy Brin­gold, Sie stam­men ur­sprüng­lich aus Si­zi­li­en (Ita­li­en). Da könn­te man jetzt zy­nisch sa­gen, Sie soll­ten sich mit schiess­wü­ti­gen Jungs aus­ken­nen . . . Wel­ches sind Ih­re Kind­heits­er­in­ne­run­gen an Win­ne­tou-Hör­spie­le oder -Fil­me?

Gu­sy Brin­gold (45): Wenn ich sa­ge, ich kom­me aus Si­zi­li­en, se­hen die Leu­te wohl im­mer wild bal­lern­de Ma­fio­si und über­mo­ti­vier­te, be­schüt­zen­de Brü­der vor dem in­ne­ren Au­ge vor­bei­zie­hen. Der Wil­de Wes­ten mit den lo­cke­ren Fin­gern am Ab­zug der Fl­in­ten ist ja nicht weit ent­fernt da­von. Win­ne­tou kann­te ich als Kind nur von den Fil­men, und die ha­be ich ge­liebt. Win­ne­tou selbst fand ich un­glaub­lich schön, in sich selbst ru­hend, so er­ha­ben – ein Traum­mann. Ri­b­an­na (von Ka­rin Dor ge­spielt) fand ich auch sehr schön und war ent­täuscht, da sie nicht mit Win­ne­tou zu­sam­men­ge­kom­men ist.

Als Kind ha­ben Sie Bal­lett ge­tanzt und woll­ten ei­nes von die­sen Girls in ita­lie­ni­schen Abend­shows wer­den. Was ha­ben Sie von der eher sanf­ten, gra­ziö­sen Kunst­form in die raue Män­ner­welt des Wil­den Wes­tens mit­ein­ge­bracht?

Vom Tan­zen neh­me ich ei­ni­ges mit ins Spiel. Hal­tung, Be­we­gung und Weib­lich­keit. Bei Win­ne­tou kann ich so ge­nau die­ser Ge­gen­pol zu den Ma­chos im Wil­den Wes­ten sein. Bal­lett ist ja auch eher kon­trol­liert und viel­leicht manch­mal ein biss­chen über­heb­lich. Das tut den Rau­bei­nen gut, de­nen ich in die­ser Ge­schich­te be­geg­ne.

Ein gros­ser Vor­teil: Sie kön­nen rei­ten und die Pfer­de not­falls auch psy­cho­lo­gisch (aus­ge­bil­det) be­treu­en. Ha­ben Sie des­halb die Rol­le der Ri­b­an­na be­kom­men, oder hat sich der Pro­du­zent, der sel­ber mit­spielt, von Ih­rem Na­men Brin­gold blen­den las­sen?

(Lacht.) Ich hof­fe nicht, der ist näm­lich an­ge­hei­ra­tet. Dass ich rei­ten konn­te, war si­cher­lich ein Plus, aber es war kein Aus­schluss­kri­te­ri­um bei der Rol­len­ver­ga­be. Heu­te, nach den gan­zen Pro­ben und ers­ten Auf­füh­run­gen, muss ich sa­gen, dass dies oh­ne Rei­ter­fah­rung für mich nicht funk­tio­niert hät­te. Ich bin trotz Reit- und Pfer­de­kennt­nis­sen wäh­rend der Pro­ben vom Pferd ge­fal­len und ha­be jetzt noch Nach­we­hen da­von. Aber das kann halt pas­sie­ren. Nicht aus­zu­den­ken, wie es ei­nem Reit­an­fän­ger ge­hen wür­de.

Sie sind eher we­nig thea­ter­er­fah­ren, ha­ben mehr Kurz- und Wer­be­fil­me ge­dreht. Was hat Sie bei die­ser Pro­duk­ti­on be­son­ders ge­reizt?

Die Ge­schich­te um Win­ne­tou und Pfer­de. Das Freilichtspiel als neue Er­fah­rung und nicht zu­letzt die Chan­ce ei­nes Wie­der­ein­stiegs in die Thea­ter­welt. Ich hat­te ja nie ganz auf die Kar­te Schau­spie­le­rei ge­setzt, ging im­mer ei­ner ge­re­gel­ten Tä­tig­keit nach.

Wel­ches wa­ren oder sind im­mer noch die be­son­de­ren Her­aus­for­de­run­gen?

Mein Auf­tritt mit dem Pferd. Es ist doch ein er­heb­li­cher Un­ter­schied, ob ich mit ei­nem Pferd pri­vat aus­rei­te, mich an Blüm­chen und Vö­gel­chen er­freu­en kann oder ob ich ei­ne auf­rei­ben­de Vor­stel­lung, in der ge­bal­lert wird – mit ei­nem sprit­zi­gen, da­für sen­si­ble­ren Pferd –, oh­ne Zwi­schen­fäl­le über die Büh­ne brin­ge.

Wie wür­den Sie die Fi­gur der Ri­b­an­na cha­rak­te­ri­sie­ren?

Die Häupt­ling­s­toch­ter Ri­b­an­na ist selbst­si­cher, mu­tig und doch sen­si­bel. Ei­ne er­wach­se­ne, an­mu­ti­ge Frau. Ei­gent­lich braucht sie nie­man­den, ist aber of­fen für die Lie­be, wenn sie sich zeigt. Sie weiss um ih­ren Stand und die Ver­ant­wor­tung, die da­mit ein­her­geht.

Die Pre­mie­re ist vor­bei.

Vor Ih­nen lie­gen mehr als 30 Auf­füh­run­gen. Was tun Sie ge­gen die Rou­ti­ne?

Die schon ge­spiel­ten Shows ha­ben ge­zeigt: Kei­ne ist wie die an­de­re. Es gibt im­mer wie­der Über­ra­schun­gen, auch sol­che, die das Pu­bli­kum gar nicht mit­kriegt. Als Schau­spie­ler musst du im­mer wach­sam und kon­zen­triert sein. Denn wenn dir kein Feh­ler pas­siert, könn­te es doch sein, dass du auf ei­nen Feh­ler oder ei­ne neue Ge­ge­ben­heit, die von aussen kommt, re­agie­ren musst. Ich ha­be bis jetzt noch kei­ne Auf­füh­rung er­lebt, in wel­cher nicht die ei­ne oder an­de­re sol­che Si­tua­ti­on ent­stan­den ist.

Wor­auf freu­en Sie sich je­des Mal von neu­em?

Auf mei­ne Mit- und Ge­gen­spie­ler, auf un­se­re ge­gen­sei­ti­gen Re­ak­tio­nen auf­ein­an­der, eben die­se fei­nen Nuan­cen, die sich even­tu­ell von Spiel zu Spiel ent­wi­ckeln. Und na­tür­lich be­son­ders auf die Re­ak­tio­nen der Zu­schau­er, die glän­zen­den Au­gen nach den Vor­stel­lun­gen, die mich kei­nes­wegs nur von Kin­der­ge­sich­tern an­strah­len. Das ist herr­lich und be­rüh­rend. Dann möch­te ich sie am liebs­ten al­le um­ar­men.

Woh­nen Sie wäh­rend der Spiel­zeit im Ti­pi (In­dia­ner­zelt), ha­ben sich die Rol­le al­so ein­ver­leibt, oder mö­gen Sie es dann je nach Wet­ter­la­ge doch eher, im Tro­cke­nen zu näch­ti­gen?

Ich ge­be es zu, ich bin ein Schön­wet­ter-Out­door-Typ. Schön­wet­ter­wan­de­rin, Schön­wet­ter­ski­fah­re­rin, Schön­wet­ter­gärt­ne­rin. Wenn es reg­net und kalt ist, dann ku­sche­le ich mich am liebs­ten den gan­zen Tag mit ei­nem Buch un­ter ei­ne flau­schi­ge De­cke oder schaue ei­nen von den 100 Fil­men und Se­ri­en, die ich noch ger­ne schau­en wür­de. Aber ich kann auch auf die Zäh­ne beis­sen und bei Re­gen und Käl­te mein Ding durch­zie­hen. Viel­leicht flu­che ich in­ner­lich, aber auf der Büh­ne ist das eh al­les ver­ges­sen.

Wie hat sich der wild zu­sam­men­wür­fel­te Cast – ge­gen 100 Darstel­ler tun mit – zu­sam­men­ge­rauft, und konn­ten Sie sich zu­min­dest für zwei St­un­den in Win­ne­tou ver­lie­ben?

Aber na­tür­lich. Ich ver­lie­be mich im­mer wie­der von neu­em in Win­ne­tou und er­wär­me mich ehr­lich für Old Fi­re­hand. Ich muss so­gar auf­pas­sen, dass ich mich nicht je­weils doch noch in Par­ra­noh ver­gu­cke, weil ich ei­gent­lich Bad Boys auch ir­gend­wie heiss fin­de. Der Cast, in­klu­si­ve Kom­par­sen, funk­tio­niert im Üb­ri­gen wun­der­bar zu­sam­men. Es men­schelt wie über­all, und das ist schön und span­nend.

Was den­ken Sie, bleibt von die­sem Aben­teu­er?

Wun­der­vol­le Er­in­ne­run­gen und schö­ne, hof­fent­lich an­hal­ten­de Freund­schaf­ten. Ei­ne be­son­de­re Ver­bin­dung zu En­gel­berg und sei­nen Men­schen. Ich hof­fe auch, den ei­nen oder an­de­ren Mit­wir­ken­den in künf­ti­gen Pro­jek­ten wie­der zu tref­fen.

Karl-May-Frei­licht­spie­le – «Win­ne­tou II – Ri­b­an­na und das Kriegs­beil

der Pon­cas» Bis 12. Au­gust. En­gel­berg, kos­ten­lo­ser Shut­tle­bus zur Spiel­stät­te .

Ti­ckets: www.ti­cket­cor­ner.ch, Te­le­fon 0900 800 800 (1.19 Fr./Min.). In­fos/Da­ten: www.win­ne­tou.ch.

«Ich freue mich bei je­der Auf­füh­rung, neue Spiel­nu­an­cen zu ent­de­cken.»

Gi­usy Brin­gold

Fo­to: PD

Gi­usy Brin­gold ist mit der Rol­le der Ri­b­an­na in die Schau­spie­le­rei, die Thea­ter­welt «zu­rück­ge­rit­ten».

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