Ber­gung von Am­phi­bi­en

Un­zäh­li­ge Am­phi­bi­en und Kreb­se, dar­un­ter be­droh­te Ar­ten, werden vor der jähr­li­chen Ba­de­wei­her­rei­ni­gung in Boppelsen vom Na­tur­schutz­ver­ein ge­ret­tet. Ges­tern stand die stun­den­lan­ge Such­ak­ti­on im Schlamm wie­der auf dem Pro­gramm.

Zürcher Unterländer - - Vorderseite - Kas

Der Ba­de­wei­her in Boppelsen wird je­des Jahr im Herbst ge­rei­nigt. Das Was­ser wird ab­ge­las­sen, Neo­phy­ten ver­nich­tet, der Schlamm ab­ge­saugt. Vor der Putz­ak­ti­on müs­sen aber mög­lichst vie­le in die­sem Ge­wäs­ser le­ben­de Am­phi­bi­en ge­bor­gen werden, be­vor sie nach er­folg­ter Rei­ni­gung des Wei­hers wie­der in die­sem aus­ge­setzt werden. Seit über 15 Jah­ren sam­meln Frei­wil­li­ge des Na­tur­schutz­ver­eins Boppelsen die Tie­re aus dem Schlamm, da­mit die­se die Putz­ak­ti­on über­le­ben. Ges­tern war es wie­der so weit.

Bop­pel­sens be­lieb­ter Ba­de­wei­her ober­halb des Dor­fes ist gleich­zei­tig auch ein Am­phi­bi­en­ge­wäs­ser mit re­gem und sel­te­nem Tier­le­ben. Erd­krö­te, Was­se­r­und Grünfrosch, Berg­molch le­ben und lai­chen hier, Li­bel­len­lar­ven lie­gen jah­re­lang im Was­ser, be­vor sie zu den glit­zern­den flie­gen­den Schön­hei­ten werden. Auch sel­te­ne und be­droh­te Tier­ar­ten wie der St­ein­krebs und die Ge­burts­hel­fer­krö­te fin­den hier ih­ren Le­bens­raum.

Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter wird un­ter­sucht

Da­mit die Ba­de­gäs­te im Som­mer sau­be­res Was­ser ha­ben und die Tau­sen­den Am­phi­bi­en mit ih­nen den­noch ko­exis­tie­ren kön­nen, wird der künst­lich er­schaf­fe­ne Wei­her ein­mal jähr­lich von der Ge­mein­de ge­rei­nigt. Das Was­ser wird ab­ge­las­sen, der Neo­phyt Was­ser­pest, der bis an die Was­ser­ober­flä­che ra­gen kann, weil er durch die mit dem Bach­was­ser hin­ein­flies­sen­den Dün­ger sehr schnell wächst, wird ent­sorgt, der Schlamm ab­ge­saugt, die St­ein­plat­ten werden ge­putzt.

Nach­dem das Was­ser ab­ge­flos­sen ist, ver­rich­tet der Na­tur­schutz­ver­ein Boppelsen ei­ne wich­ti­ge Ar­beit. Seit über 15 Jah­ren sam­meln Frei­wil­li­ge die Tie­re aus dem Schlamm, da­mit die­se die Putz­ak­ti­on über­le­ben. Wer­ner Ochs­ner, Prä­si­dent des Ver­eins, sei­ne Frau Su­san­ne und acht wei­te­re Hel­fer, dar­un­ter Zi­vil­dienst­leis­ten­de, gin­gen ih­rer Ar­beit auch letz­ten Don­ners­tag nach. In Gum­mi­stie­feln, mit Hand­schu­hen und Kü­beln aus­ge­rüs­tet, durch­such­ten sie in der un­be­que­men Bück­po­si­ti­on den Schlamm Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter nach den Tie­ren, die da­nach ar­ten­ge­trennt in Was­ser­be­häl­tern auf­be­wahrt wur­den.

Bei der jähr­li­chen Ret­tungs­ak­ti­on kommt laut Ochs­ner vor al­lem ei­ner Art ei­ne be­son­de­re Be­deu­tung zu: der ein­hei­mi­schen, vom Aus­ster­ben be­droh­ten Ge­burts­hel­fer­krö­te, de­ren Kaul­quap­pen sich zu Hun­der­ten im Schlamm be­weg­ten. «Es ist die ein­zi­ge Am­phi­bi­en­art, die Brut­pfle­ge be­treibt – und spe­zi­ell noch vom Männ­chen.» Nach der Paa­rung über­nimmt der männ­li­che Part­ner die Eier, bin­det sie sich mit Ei­schnü­ren um die Hin­ter­bei­ne und be­wacht die Brut so rund drei Wo­chen lang. Kurz vor dem Schlüp­fen der Kaul­quap­pen bringt die Krö­te sie zu­rück ins Was­ser.

»Die Ge­burts­hel­fer­krö­te ist die ein­zi­ge Am­phi­bi­en­art, die Brut­pfle­ge be­treibt – und spe­zi­ell noch vom Männ­chen.»

Wer­ner Ochs­ner, Prä­si­dent Na­tur­schutz­ver­ein Boppelsen

«Jetzt geht es dar­um, ein­hei­mi­sche Tie­re zu ret­ten, statt im­mer nur Neo­phy­ten aus­zu­reis­sen.»

Lu­ca Rey, Zi­vil­dienst­leis­ten­der

«Es ist mal ei­ne schö­ne Ab­wechs­lung», fand der Zi­vil­dienst­leis­ten­de Lu­ca Rey aus Zü­rich. «Bei un­se­ren üb­li­chen Auf­trä­gen geht es um Pflan­zen. Und jetzt geht es dar­um, ein­hei­mi­sche Tie­re zu ret­ten, statt im­mer nur Neo­phy­ten aus­zu­reis­sen.»

Über­le­bens­si­che­rung trotz gros­ser Ge­fah­ren

Die Tie­re werden im­mer ar­ten­ge­trennt auf­be­wahrt, auch weil man­che To­des­ge­fahr für an­de­re ber­gen. «Die Li­bel­len­lar­ven klam­mern sich an an­de­re Tie­re und sau­gen sie aus», er­klär­te Su­san­ne Ochs­ner. Aber auch die Berg­mol­che, zu er­ken­nen an ih­ren oran­gen Bäu­chen, wür­den klei­ne Kaul­quap­pen fres­sen. Oh­ne die Neo­phy­ten werden die Tie­re im Wei­her ei­ne Zeit lang kei­nen Schutz mehr vor den Räu­bern ha­ben, an­de­re fin­den zu we­nig Pflan­zen­fut­ter an den ab­ge­putz­ten St­ei­nen.

«Nur weil sie wie­der ins Was­ser frei­ge­las­sen werden, ist die Stress­zeit für sie al­so nicht vor­bei. Es werden et­li­che ster­ben, aber wir kön­nen so je­des Mal Hun­der­te Ge­burts­hel­fer­krö­ten ret­ten», sag­te Wer­ner Ochs­ner. «Trotz­dem ha­ben wir hier ein Gleich­ge­wicht, dass zu­guns­ten der Krö­te passt», ist er über­zeugt. Durch die Rei­ni­gung sei der Wei­her im­mer et­was ver­än­dert, und die Ge­burts­hel­fer­krö­te be­vor­zu­ge in der wil­den Na­tur Pio­nier­ge­wäs­ser – dy­na­mi­sche, sich ver­än­dern­de Land­schaf­ten.

Fo­tos: Balz Mu­rer

Ein Berg­molch scheint ein we­nig ver­wun­dert dar­über zu sein, dass er aus dem Schlamm ge­fischt wur­de.

Der Schlamm wird Zen­ti­me­ter für Zen­ti­me­ter nach den Tie­ren durch­sucht.

Kaul­quap­pen werden bei der Ret­tungs­ak­ti­on vor Krö­ten ge­schützt.

Was­ser­frö­sche war­ten, bis sie ins Was­ser zu­rück­kön­nen.

Auch St­ein­kreb­se werden vor der Putz­ak­ti­on eva­ku­iert.

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