«Es­sens­rat­ge­ber tren­nen die Spreu vom Wei­zen»

Zürcher Unterländer - - Samstag Extra - den­nis.frasch@zu­on­line.ch

IDie­se Wo­che ist der «Gault Mil­lau Gui­de» 2019 er­schie­nen. Da­rin werden die 850 (!) bes­ten Re­stau­rants der Schweiz prä­sen­tiert. Wür­de man je­de Wo­che ei­nes da­von be­su­chen, wä­re der all­wö­chent­li­che Zmit­tagsus­flug am Sonn­tag für die nächs­ten 16 Jah­re ge­re­gelt. Hät­te man den «Gault Mil­lau» und an­de­re Gour­met-Füh­rer nicht, so müss­te man über 400 Jah­re lang die rund 23 000 Re­stau­rants der Schweiz durch­pro­bie­ren. Nur zwei­mal im Jahr wä­re ei­nes der 850 bes­ten da­bei. Ku­li­na­risch düs­te­re Aus­sich­ten.

Okay, ich weiss.

Das ist et­was über­trie­ben. Und ja, klar, im hei­me­li­gen Re­stau­rant St­üb­li in Op­fi­kon, wo die Gros­s­el­tern schon vor 50 Jah­ren an den Ge­burts­ta­gen di­nier­ten, schmeckt die Rös­ti nicht schlecht. Doch wie wä­re es, den Ho­ri­zont mal et­was zu er­wei­tern? Da­zu muss man die gut­bür­ger­li­che Schwei­zer Kü­che gar nicht ver­las­sen, wenn man das nicht will. Zehn Au­to­mi­nu­ten ent­fernt zum Bei­spiel, im Re­stau­rant Ri­as in Klo­ten, gibts Hack­bra­ten nach Gro­sis Art mit Kar­tof­fel­stock. Nur zehn­mal bes­ser als bei Gro­si (aus­ser, sie war 16-Punk­te-Koch). Das weiss die Le­ser­schaft dank dem «Gault Mil­lau». Und jetzt auch dank mir.

Heut­zu­ta­ge ver­kommt al­les

ein biss­chen zu ei­nem Ein­heits­brei, wenn es ums Es­sen geht. Und das, ob­wohl sich al­le mög­lichst in­di­vi­du­ell prä­sen­tie­ren wol­len. Ob man die Avo­ca­do-Gra­nat­ap­fel-Cre­me jetzt aber mit Go­ji-Bee­ren oder ti­be­ti­schem Hoch­land­ho­nig ver­fei­nert, spielt nicht so ei­ne Rol­le. Das lang­wei­li­ge Dem-Trend-Hin­ter­her­lau­fen bleibt über­all gleich. Gut gibt es in die­sen Zei­ten Rat­ge­ber, die von Leu­ten ge­schrie­ben werden, die sich nicht Foo­dIn­flu­en­cer nen­nen und ihr Es­sen so lan­ge fo­to­gra­fie­ren, bis es kalt ist, son­dern lang­jäh­ri­ge Er­fah­rung mit den Fein­hei­ten gu­ten Es­sens be­sit­zen. Laut «Gault Mil­lau» stösst pro Jahr im Durch­schnitt ge­nau ei­ne Per­son zum Tes­ter­team – und dies nach sorg­fäl­ti­ger Prü­fung.

Es­sens­rat­ge­ber kön­nen

zu­dem die Be­zie­hung ver­bes­sern. Statt der bes­se­ren Hälf­te zum Jah­res­tag ei­nen teu­ren Städ­te-Trip oder ei­ne Gold­ket­te zu schen­ken, soll­te man es mal mit ei­nem wasch­ech­ten Coq-au-vin pro­bie­ren. Nicht selbst ge­kocht in ei­ner Schach­tel ver­packt, son­dern beim ed­len Gour­me­tKoch in der Stadt. Die Ge­schmacks­knos­pen werden Sal­sa tan­zen und neu­es Feu­er in die Be­zie­hung brin­gen. Den bes­ten ku­li­na­ri­schen Tanz­leh­rer da­für fin­det man na­tür­lich im «Gault Mil­lau».

«Oh­ne Gour­met-Füh­rer müss­te man 400 Jah­re lang die 23 000 Re­stau­rants der Schweiz durch­pro­bie­ren.»

Den­nis Frasch Re­dak­tor

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