«Ich will nicht zum Bau­ern­op­fer werden»

Kaum hat Mar­kus Schir­mer sein Amt als künst­le­ri­scher Lei­ter der Ky­bur­gia­de über­nom­men, gibt er es ab. Ein Fa­mi­li­en­zwist im Hin­ter­grund ha­be die Ar­beit be­las­tet.

Zürcher Unterländer - - Zürich - Me­la­nie Koll­brun­ner

Die tra­di­ti­ons­rei­che Ky­bur­gia­de steckt in Schwie­rig­kei­ten. Das Fes­ti­val für Kam­mer­mu­sik, das die­sen Som­mer zum 26. Mal über die Schloss­büh­ne ging, kann zwar auf ei­ne treue Be­su­cher­schaft zäh­len, auf der Sei­te der Be­leg­schaft ist der­zeit das Ge­gen­teil der Fall: Der Vor­stand des Trä­ger­ver­eins wur­de gera­de neu ge­wählt, und er be­ginnt sei­ne Ar­beit mit ei­ner denk­bar schwie­ri­gen Auf­ga­be. Sein Amt ab­ge­ge­ben hat nach ei­ner ein­zi­gen Aus­ga­be in sei­ner Hand­schrift nicht nur der künst­le­ri­sche Lei­ter Mar­kus Schir­mer. Auch Ge­schäfts­füh­re­rin Ruth Zen­ger hat sich voll­stän­dig aus dem Fes­ti­val zu­rück­ge­zo­gen. Sie will kei­ne wei­te­ren An­fra­gen be­ant­wor­ten und ih­ren Rück­tritt aus al­len Äm­tern im Ver­ein nicht kom­men­tie­ren.

Nicht zu Zen­gers Zuf­rie­den­heit

Zen­ger ist Ste­phan Go­er­ners Schwes­ter, der sich nach 25-jäh­ri­ger künst­le­ri­scher Lei­tung und Mit­grün­dung ver­ab­schie­det hat, zu­mal ein Streit den Fa­mi­li­en­be­trieb zu zer­stö­ren droh­te. Go­er­ner hät­te nach ei­ge­nen An­ga­ben ger­ne wei­ter­ge­ar­bei­tet, das Kli­ma aber war ver­gif­tet.

Ihn er­reich­te nun ei­ne An­fra­ge des neu ge­wähl­ten Vor­stands, es sei um ei­ne er­neu­te Zu­sam­men­ar­beit in künst­le­ri­schen Be­lan­gen ge­gan­gen, sagt Go­er­ner. Er will sich noch nicht da­zu äus­sern, wie es sei­ner An­sicht nach wei­ter­ge­hen soll­te. Fest steht aber ge­mäss Zen­ger, dass sich der Ver­eins­vor­stand in rund zwei Wo­chen dar­über be­ra­ten wird, wie es wei­ter­ge­hen soll. Schir­mer in­des­sen sagt: «Es wür­de dem Fes­ti­val gera­de jetzt gut zu Ge­sicht ste­hen, mei­nen hoch­ge­schätz­ten Kol­le­gen zu­rück­zu­ge­win­nen.» Go­er­ner sei ein her­vor­ra­gen­des Pro­gramm ge­lun­gen in all den Jah­ren. Ihm, Schir­mer, sei dies je­den­falls nach An­sicht von Zen­ger nicht ge­glückt, so sehr er selbst über­zeugt sei von der 26. Aus­ga­be, so gut die Rück­mel­dun­gen aus dem Pu­bli­kum ge­we­sen sei­en. Sie ha­be sich we­ni­ger Klas­sik und ein viel­sei­ti­ge­res Pro­gramm ge­wünscht, sei zu­dem mit den Be­su­cher­zah­len un­zu­frie­den ge­we­sen.

Schir­mer be­dau­ert den Ab­gang, weil er «gros­se Freu­de an der Ky­bur­gia­de hat­te», ge­he aber «kei­nes­wegs mit wei­nen­dem Au­ge»: Zu sehr sei er im Span­nungs­feld der kon­trä­ren An­sich­ten in­ner­halb der Fa­mi­lie ge­stan­den, die er im­mer wie­der zu spü­ren be­kom­men ha­be, auch me­di­al. «So kann, so möch­te ich nicht ar­bei­ten. Ich will im Kreuz­feu­er fa­mi­liä­rer Strei­tig­kei­ten nicht zum Bau­ern­op­fer werden», sagt er, das ha­be er nicht nö­tig – Schir­mer ver­weist auf Fes­ti­val­er­fol­ge in sei­ner Hei­mat Ös­ter­reich. Wie sein Vor­gän­ger do­ziert er an der Kun­st­uni­ver­si­tät in Graz, wo Go­er­ner ne­ben Un­ter­richt­s­tä­tig­kei­ten an der Zürcher Hoch­schu­le der Küns­te ei­ne Pro­fes­sur für Kam­mer­mu­sik in­ne­hat.

«Ich woll­te ei­ne an­de­re Li­nie»

Die Strei­tig­kei­ten in­ner­halb der Fa­mi­lie hin­ter der Ky­bur­gia­de sind nicht der ein­zi­ge Grund für Schir­mers Rück­zug, der ge­mäss Zen­ger in «gu­tem ge­gen­sei­ti­gen Ein­ver­neh­men» von­stat­ten ge­gan­gen sei. «Ich woll­te ei­ne ganz an­de­re Li­nie als sie.» Ihm sei die Tra­di­ti­on im Sin­ne der Kam­mer­mu­sik mit Cross­over­ein­schlag sym­pa­thisch, er ha­be sich aber ent­schie­den, dies am Part­ner­fes­ti­val in Lenz­burg, der Lenz­bur­gia­de, noch poin­tier­ter um­zu­set­zen, so wie dies auch Go­er­ner ge­tan ha­be. «Ruth Zen­ger hat dies nicht ge­fal­len, auch wenn sie sich in E-Mails zu Be­ginn der Pro­gram­mie­rung be­geis­tert zum Pro­gramm ge­äus­sert hat», sagt Schir­mer. Be­reits sei­en die Pro­gram­me für die Ky­bur­gia­de und die Lenz­bur­gia­de für nächs­ten Som­mer weit fort­ge­schrit­ten, zu­mal auch die Spon­so­ren­su­che an­ge­lau­fen sei. Auf der Lenz­burg hat man ei­ne Nach­fol­ge für Schir­mer ge­fun­den. Ob für die Ky­bur­gia­de der Vor­gän­ger zum Nach­fol­ger wird, ob das künst­le­ri­sche Kraft­werk des Fes­ti­vals Ste­phan Go­er­ner ei­nen neu­en An­lauf nimmt, um Ru­he in die tur­bu­len­ten Zei­ten sei­nes Werks zu brin­gen, bleibt of­fen: «Es hängt auch da­von ab, was mich da nach mei­ner Ab­we­sen­heit im De­tail er­war­ten wür­de», sagt Go­er­ner, das gel­te es nun her­aus­zu­fin­den.

Fo­to: En­zo Lo­par­do

Ky­bur­gia­de 2018: Gu­te Kri­ti­ken, trotz­dem gibt es ein Ses­sel­rü­cken in der Fes­ti­val­lei­tung.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.