Büh­ne für Bü­cher und Bü­cher­men­schen

An der Mes­se in Frank­furt trifft man ne­ben Brand­stif­tern min­des­tens auch ei­nen sehr glück­li­chen Schwei­zer Ver­le­ger.

Zürcher Unterländer - - Kultur & Gesellschaft - Mar­tin Ebel

Der deut­sche Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er liebt Bü­cher und um­gibt sich gern mit Li­te­ra­ten. Die nüch­ter­ne Pro­sa sei­ner Re­den hat da­von bis­her noch nicht pro­fi­tiert. Zur Er­öff­nung des «Frank­furt Pa­vi­li­on», des schne­cken­för­mi­gen neu­en In-Or­tes der Buch­mes­se, ge­lang ihm im­mer­hin ein Bon­mot: De­nen mit den leich­ten Lö­sun­gen soll­ten wir es schwer ma­chen. Al­so Rech­ten, Po­pu­lis­ten und Het­zern.

Ei­ner von de­nen stand we­ni­ge St­un­den gleich ge­gen­über im Spie­gel­zelt vor ei­nem streng nach Waf­fen ge­check­ten Pu­bli­kum, um­ge­ben von viel Se­cu­ri­ty: Thi­lo Sar­ra­zin las vier­zig Mi­nu­ten steif und lei­ernd vom Pa­pier ab, was sein neu­es Buch «Feind­li­che Über­nah­me» so um­wer­fend macht: es sei «em­pi­risch dicht», kei­ne ein­zi­ge Be­haup­tung oh­ne Be­leg. Der In­halt, aus sei­nem Vor­trag zu schlies­sen, ist eher schlicht als dicht. Der Koran prä­ge die Men­ta­li­tät der Mus­li­me und hal­te sie in Rück­stän­dig­keit fest. Aus Rück­stän­dig­keit fol­ge Kin­der­reich­tum: Sar­ra­zins de­mo­gra­fi­sche Ob­ses­si­on zieht sich durch den Vor­trag, macht ihn red­un­dant und so lang­wei­lig, dass man das Brand­stif­te­ri­sche im bie­de­ren Ge­wand fast über­hört. Na­tür­lich re­de er nur vom Durch­schnitt, von der Sta­tis­tik, im Ein­zel­fall mö­ge es durch­aus net­te, gar in­te­gra­ti­ons­fä­hi­ge Mus­li­me ge­ben. Das sei aber wie mit dem Rau­chen: sta­tis­tisch hoch­gra­dig schäd­lich, auch wenn ein star­ker Rau­cher wie Hel­mut Schmidt 95 ge­wor­den sei. Der Is­lam al­so: to­xisch wie Ni­ko­tin.

In der Ecke

Sar­ra­zins Ge­sin­nungs­ge­nos­sen, die im ver­gan­ge­nen Jahr Tu­mult, ver­ba­le und kör­per­li­che Aus­ein­an­der­set­zun­gen pro­vo­ziert hat­ten, hat­te die Mes­se­lei­tung in ei­ne Ecke plat­ziert, an der kein Be­su­cher ein­fach so vor­bei­sch­len­dert, son­dern die man ge­zielt auf­su­chen muss. Der «be­rüch­tig­te» An­tai­os-Ver­lag von Götz Ku­bit­schek, vor­geb­lich der Mes­se fern­ge­blie­ben, tauch­te dann plötz­lich doch mit­ten in Hal­le 4.1. auf: m Vor­tag der Er­öff­nung hat­te er sich vom Lo­ci-Ver­lag kau­fen las­sen (den ein süd­deut­scher Zahn­arzt und AfDMit­glied kürz­lich ge­grün­det hat) und sein Lo­go un­über­sicht­lich am Lo­ci-Stand plat­ziert. Nur die Bü­cher wa­ren bei un­se­rem Be­such «noch nicht» da.

Ge­lieb­te «In­ten­siv­le­ser»

Trotz die­ses Ver­steck­spiels wa­ren «die Rech­ten» kein gros­ses The­ma auf der Buch­mes­se. Eher die Schock­wel­len, die die Stu­die des Bör­sen­ver­eins aus­ge­löst hat­te, nach der der Bran­che in den letz­ten Jah­ren sechs Mil­lio­nen Buch­käu­fer ver­lo­ren ge­gan­gen sind. Nach in­ten­si­ver Mo­tiv­for­schung mit dem vor­her­seh­ba­ren Er­geb­nis: «kei­ne Zeit» (denn die wird ja von den neu­en Auf­merk­sam­keits­die­ben Smart­pho­ne und Net­flix be­an­sprucht), sucht man jetzt nach Ge­gen­stra­te­gi­en. Der Holtz­brinck-Kon­zern (mit S. Fi­scher, Ro­wohlt, Kie­pen­heu­er & Witsch und Dro­emer Knaur) et­wa will sich mehr um die «In­ten­siv­le­ser» küm­mern, sein «ei­gent­li­ches Ziel­pu­bli­kum», das sich viel­fach in Le­se­krei­sen or­ga­ni­siert. Ge­schätz­te 25 000 sol­cher Krei­se gibt es in Deutsch­land; mit der neu­en Web­site Zu­sam­men­le­sen.de will man sie an­spre­chen, mit In­for­ma­tio­nen und Buch­tipps ver­sor­gen und mit Au­to­ren und Buch­händ­lern zu­sam­men­brin­gen.

Das Pro­jekt Doors setzt wie­der­um auf den Trai­ler-Ef­fekt: Von ei­ner neu­en Fan­ta­sy-Thril­lerT­ri­lo­gie ih­res Er­folgs­au­tors Mar­kus Heitz liess Dro­emer Knaur 10 000 Pi­lot­fol­gen dru­cken und gra­tis ver­tei­len, um die Neu­gier der Fans an­zu­hei­zen. We­ni­ger Käu­fer, die da­für mehr kau­fen: Das ist das ei­ne. Dass sie aber ver­stärkt das­sel­be kau­fen: Das ist ei­ne viel­leicht noch bri­san­te­re Ten­denz. «Die Leu­te wol­len das le­sen, was sie schon ken­nen», sagt die Lek­to­rin ei­nes re­nom­mier­ten Hau­ses, und ein Kol­le­ge stellt die Kon­zen­tra­ti­on auf ganz we­ni­ge Ti­tel fest, die hoch be­wor­ben, viel be­spro­chen und in Sta­peln plat­ziert werden, zum Scha­den al­ler an­de­ren, eben­so gu­ten Bü­cher. Die Su­che nach dem Best­sel­ler, dem ei­nen Ti­tel, der die Sai­son ret­tet, wird im­mer dring­li­cher.

Der Ro­wohlt-Ver­lag hat gleich meh­re­re Best­sel­ler im Pro­gramm (ak­tu­ell et­wa Bob Wood­wards Trump-Ana­ly­se «Furcht») und gera­de mit In­ger-Ma­ria Mahl­kes «Ar­chi­pel» den Deut­schen Buch­preis ge­won­nen. Aber ge­re­det wird auf der Mes­se vor al­lem über den Raus­schmiss der er­folg­rei­chen Ver­le­ge­rin Bar­ba­ra Laug­witz. In­tern wird er als «PRGAU» ge­se­hen, von ganz oben in ge­kann­tem Ma­nage­ment-Sprech ab­ge­tan: Laug­witz ha­be gross­ar­ti­ge Ar­beit ge­leis­tet, sagt Holtz­brinck-Chef John Sar­gent auf ei­nem «CEO -Talk», die Per­so­nal­ent­schei­de sei­en Sa­che je­des ein­zel­nen Ver­la­ges, und die blie­ben auch wei­ter un­ab­hän­gig.

Die Trotz­dem-Par­ty

Dass die spa­ren müs­sen, merkt man abends: Vie­le der tra­di­tio­nel­len Emp­fän­ge fal­len aus. Fi­scher, Ro­wohlt, Han­ser: al­les Fehl­an­zei­ge. Da­für hat das Frank­fur­ter Li­te­ra­tur­haus sei­ne To­re ge­öff­net, und Ver­tre­ter klei­ner wie gros­ser Ver­la­ge schlep­pen Bier­kis­ten her­bei zu ei­ner im­pro­vi­sier­ten, gut ge­laun­ten, to­tal über­füll­ten «Trotz­dem»-Par­ty. Noch spä­ter kann man in der Zou­zou-Bar ei­nen rich­tig glück­li­chen Schwei­zer Ver­le­ger tref­fen: Da­ni­el Kam­pa fei­ert die Pre­mie­re sei­nes ers­ten Pro­gramms. Vor al­lem: «Dass die Bü­cher al­le recht­zei­tig fer­tig ge­wor­den sind.»

Die Su­che nach dem Best­sel­ler, dem ei­nen Ti­tel, der die Sai­son ret­tet, wird im­mer dring­li­cher.

Fo­to: Han­ne­lo­re Förs­ter / Get­ty Images

«Die Leu­te wol­len das le­sen, was sie schon ken­nen»: Die Viel­falt des Bü­cher­an­ge­bots ge­hört zur Ver­gan­gen­heit, die gros­sen Ver­la­ge set­zen auf ganz we­ni­ge Ti­tel.

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