Ent­las­sung hat Nach­spiel

Nach der Ent­las­sung von Jus­tiz­mi­nis­ter Jeff Ses­si­ons liegt die Auf­sicht über die Russ­land-Un­ter­su­chung bei Mat­t­hew Whi­ta­ker. In Wa­shing­ton be­fürch­ten vie­le, dass er die Er­mitt­lun­gen jetzt stop­pen oder be­hin­dern wird.

Zürcher Unterländer - - Vorderseite - Alan Cas­sidy, Wa­shing­ton

Die US-De­mo­kra­ten im Kon­gress ha­ben zur Ent­las­sung von Jus­tiz­mi­nis­ter Jeff Ses­si­ons dring­li­che An­hö­run­gen ge­for­dert. Es dro­he ei­ne Ver­fas­sungs­kri­se, hiess es am Don­ners­tag in ei­nem Brief an Bob Good­lat­te, re­pu­bli­ka­ni­scher Vor­sit­zen­der des Jus­tiz­aus­schus­ses im Re­prä­sen­tan­ten­haus. «Durch die er­zwun­ge­ne Ent­las­sung des Jus­tiz­mi­nis­ters be­droht der Prä­si­dent jetzt die Rechts­staat­lich­keit», hiess es. Ei­ne Stel­lung­nah­me Good­lat­tes lag zu­nächst nicht vor. Da die Re­pu­bli­ka­ner noch bis An­fang Ja­nu­ar die Mehr­heit im Re­prä­sen­tan­ten­haus ha­ben, ent­schei­den sie über An­hö­run­gen. Der Brief war vom de­mo­kra­ti­schen Ab­ge­ord­ne­ten Jer­rold Nad­ler for­mu­liert wor­den. Im neu­en Kon­gress dürf­te er die Lei­tung des Jus­tiz­aus­schus­ses von Good­lat­te über­neh­men. Prä­si­dent Do­nald Trump hat­te am Mitt­woch – dem Tag nach der Wahl – Ses­si­ons’ Ent­las­sung an­ge­kün­digt. Nun ge­hen die lau­fen­den Er­mitt­lun­gen über ei­ne mut­mass­li­che rus­si­sche Ein­mi­schung in die Prä­si­den­ten­wahl 2016 auf den am­tie­ren­den Jus­tiz­mi­nis­ter Mat­t­hew Whi­ta­ker über. Die­ser hat die Russ­land-Er­mitt­lun­gen kri­ti­siert.

Ra­sier­ter Schä­del, brei­te Brust, ste­chen­der Blick: Mat­t­hew Whi­ta­ker könn­te auch als Tür­ste­her durch­ge­hen oder als pro­fes­sio­nel­ler Bo­dy­guard. Auf sei­nem Twit­ter-Pro­fil sieht man ihn, wie er mit ge­rö­te­tem Kopf ei­ne Langhan­tel in die Hö­he stemmt. Ob der Viel-Twit­te­rer Do­nald Trump sich das Bild an­ge­se­hen hat, ist nicht be­kannt. Doch mit der Er­nen­nung des 49-Jäh­ri­gen zum in­te­ri­mis­ti­schen Jus­tiz­mi­nis­ter hat der ame­ri­ka­ni­sche Prä­si­dent ein kla­res Zei­chen ge­ge­ben, was für ei­ne Per­son er sich als Nach­fol­ger des ent­las­se­nen Jeff Ses­si­ons wünscht: ei­nen Tür­ste­her. Ei­nen Bo­dy­guard.

Whi­ta­ker hat ab so­fort die Auf­sicht über die Russ­land-Un­ter­su­chung des Son­der­er­mitt­lers Ro­bert Mu­el­ler in­ne. Die­se hat­te bis­her bei Vi­ze­jus­tiz­mi­nis­ter Rod Ro­sen­stein ge­le­gen, weil Ses­si­ons sich schon früh für be­fan­gen er­klärt hat­te. Whi­ta­ker hat es nun in der Hand, Mu­el­lers Un­ter­su­chung ein­zu­stel­len oder zu­rück­zu­stu­fen. Er könn­te auch Mu­el­lers Wunsch ab­leh­nen, Trump als Zeu­gen zu ver­neh­men. All dies wür­de nicht un­be­dingt be­deu­ten, dass Trump das Pro­blem aus der Welt ge­schafft hät­te: Mu­el­ler hat be­reits ei­ni­ges Be­weis­ma­te­ri­al an die Staats­an­wäl­te in meh­re­ren Bun­des­staa­ten über­reicht, die ge­son­dert von ihm er­mit­teln.

Den­noch wä­re ein An­griff auf Mu­el­ler die bis­her schwers­te Es­ka­la­ti­on im Kon­flikt Trumps mit der ame­ri­ka­ni­schen Jus­tiz. Und in Whi­ta­kers frü­he­ren Aus­sa­gen gibt es ei­ni­ge deut­li­che Hin­wei­se dar­auf, was der neue Mann von Mu­el­lers Er­mitt­lun­gen hält: eher we­nig.

«Ein Lynch-Mob»

Das be­gann mit ei­nem Gast­bei­trag, den Whi­ta­ker im Au­gust 2017 auf der Web­site von CNN ver­öf­fent­lich­te. Dar­in be­zog er sich auf Be­rich­te, wo­nach Mu­el­ler in­zwi­schen nicht nur die mög­li­chen Ver­bin­dun­gen der Wahl­kam­pa­gne Trumps zu Russ­land un­ter­su­che, son­dern auch die frü­he­ren Ge­schäfts­be­zie­hun­gen Trumps. Da­mit über­schrei­te Mu­el­ler ei­ne «ro­te Li­nie», so Whi­ta­ker. Trumps Fi­nan­zen oder je­ne sei­ner Fa­mi­lie wür­den den Son­der­er­mitt­ler nichts an­ge­hen. Es sei Zeit für Ro­sen­stein, den Spiel­raum für Mu­el­ler ein­zu­schrän­ken.

In ei­nem TV-In­ter­view wur­de Whi­ta­ker noch kon­kre­ter. Es ge­be ver­schie­de­ne Mög­lich­kei­ten, die Er­mitt­lun­gen zu­rück­zu­stu­fen, sin­nier­te er. Da­bei sei es nicht ein­mal nö­tig, Mu­el­ler selbst zu feu­ern. Nach ei­ner all­fäl­li­gen Ent­las­sung von Ses­si­ons könn­te des­sen Nach­fol­ger auch ein­fach das Bud­get für Mu­el­lers Leu­te so sehr zu­sam­men­strei­chen, dass de­ren Er­mitt­lun­gen von al­lei­ne zum Still­stand kä­men. Auf Twit­ter ver­brei­te­te Whi­ta­ker, der bis 2009 als USStaats­an­walt in Io­wa ar­bei­te­te, schliess­lich ei­ne «Le­se­emp­feh­lung» für ei­nen Ar­ti­kel mit dem Ti­tel: «An­mer­kung an Trumps An­wäl­te: Ko­ope­riert nicht mit Mu­el­lers Lynch-Mob».

Als Whi­ta­ker all die­se Din­ge sag­te, war er noch Di­rek­tor ei­nes we­nig be­kann­ten kon­ser­va­ti­ven Thinktanks. Nur kurz dar­auf heu­er­te der Re­pu­bli­ka­ner, der vor ei­ni­gen Jah­ren ver­geb­lich für ei­nen Sitz im Se­nat kan­di­diert hat­te, al­ler­dings beim Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um an – als St­abs­chef von Ses­si­ons, den er jetzt er­setzt. Theo­re­tisch kann Whi­ta­ker ma­xi­mal 210 Ta­ge als In­te­rims-Jus­tiz­mi­nis­ter tä­tig sein, da­nach muss Trump ei­nen per­ma­nen­ten Nach­fol­ger vom Se­nat be­stä­ti­gen las­sen.

In Wa­shing­ton ver­mu­ten vie­le, dass Trump in Whi­ta­ker das sieht, wor­un­ter er sich ei­nen gu­ten Jus­tiz­mi­nis­ter vor­stellt: ei­nen Loya­lis­ten, der sich nicht in ers­ter Li­nie der po­li­ti­schen Un­ab­hän­gig­keit der Jus­tiz ver­pflich­tet fühlt, son­dern Trump per­sön­lich. In all den Mo­na­ten, in de­nen der Prä­si­dent über den Um­gang Ses­si­ons mit der Russ­land-Un­ter­su­chung schimpf­te, soll er im­mer wie­der ge­klagt ha­ben: «Wo ist mein Roy Cohn?» Cohn war ein skru­pel­lo­ser An­walt, der in den 1950er-Jah­ren als Hel­fer des Kom­mu­nis­ten­jä­gers Joe McCar­thy un­ter­wegs war. Spä­ter ver­trat er be­rühm­te Ma­fia­bos­se und wur­de schliess­lich zum Men­tor des jun­gen Trump, als der mit sei­nen Ge­schäf­ten in New York in Pro­ble­me ge­riet.

Mas­sa­ker in Zeit­lu­pe

Wird Whi­ta­ker zu Trumps neu­em Cohn, zum Bo­dy­guard, der ihn vor ge­fähr­li­chen An­grif­fen schützt, wie sie ihm durch die Un­ter­su­chung Mu­el­lers dro­hen? So sieht das et­wa Da­vid Lauf­man, der bis vor kur­zem als Spit­zen­be­am­ter im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um an den Russ­land-Er­mitt­lun­gen be­tei­ligt war. In der Zeit­schrift «At­lan­tic» be­zeich­ne­te er die In­stal­la­ti­on Whi­ta­kers als «vor­be­rei­ten­den An­griff auf die Mög­lich­kei­ten des Son­der­er­mitt­lers, sei­ne not­wen­di­ge Ar­beit zu be­en­den».

Ein­mal mehr macht des­halb nun der Ver­gleich mit dem Wa­ter­ga­te-Skan­dal die Run­de. Die Ab­set­zung Ses­si­ons und die Er­nen­nung Whi­ta­kers sei­en ein «Sa­tur­day Night Mas­sa­cre» in Zeit­lu­pe, sag­te ein Kom­men­ta­tor bei CNN. Es ist ei­ne Re­fe­renz an je­ne Ta­ge im Herbst 1973, als Prä­si­dent Richard Ni­xon den Son­der­er­mitt­ler Ar­chi­bald Cox los­wer­den woll­te, der den Wa­ter­ga­te-Fall un­ter­such­te – und zu die­sem Zweck ei­ne Rei­he von Rück­trit­ten im Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um er­zwang.

Heu­te wol­len die De­mo­kra­ten ver­mei­den, dass es über­haupt so weit kommt. Sie ha­ben Whi­ta­ker auf­ge­for­dert, es an­ge­sichts sei­ner frü­he­ren Aus­sa­gen über Mu­el­ler zu hand­ha­ben wie sein Vor­gän­ger Ses­si­ons – und sich bei den Russ­land-Er­mitt­lun­gen für be­fan­gen zu er­klä­ren.

Whi­ta­ker hat es nun in der Hand, Mu­el­lers Un­ter­su­chung ein­zu­stel­len oder zu­rück­zu­stu­fen.

Fo­to: Char­lie Nei­ber­gall (AP)

Wür­de als Tür­ste­her durch­ge­hen: Mat­t­hew Whi­ta­ker.

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