Auch Brü­cken brau­chen Ru­he

We­gen Schä­den muss die Gru­ben­mann-Brü­cke in Rüm­lang ent­las­tet wer­den.

Zürcher Unterländer - - Vorderseite - Si­byl­le Ratz

Käpt’n Ig­lu der Zwei­te pol­tert mäch­tig los. So­eben hat sich der Möch­te­gern-Tau­send­sas­sa ein Schiff ge­kauft und muss fest­stel­len, dass ihm da­für die Crew fehlt. Al­so muss der Ma­na­ger und selbst er­nann­te Käpt’n Leu­te an­heu­ern. Da­bei fin­det ei­ne Grup­pe von Men­schen zu­sam­men, die bis­her ei­gent­lich nichts mit der See­fahrt zu tun hat­ten. Je­der Ein­zel­ne macht sich auf den Weg, um sei­nem Le­ben ei­ne neue Rich­tung zu ge­ben. Das Thea­ter­stück «Us em Rue­der glof­fe» er­hält gera­de den letz­ten Schliff.

Auch die Ju­gend­li­chen, die dar­in mit­spie­len, sind mit­ten in ei­nem Ve­rän­de­rungs­pro­zess. Das Thea­ter­stück ver­än­dert auch ihr Le­ben. Zu­min­dest ist das die Ab­sicht, wie Chris­ti­an Nau­er (42), Lei­ter der Ju­gend­ar­beit Rafz, er­läu­tert: «Un­ser Ziel ist es, die Kin­der und Ju­gend­li­chen zu för­dern, ih­nen zu mehr Selbst­si­cher­heit zu ver­hel­fen, Team­fä­hig­keit zu er­pro­ben. All das hilft ih­nen letzt­lich auch im Be­wer­bungs­pro­zess, der in der Ober­stu­fe an­steht.»

Das Pro­jekt ist aus ei­ner Thea­ter­wo­che im letz­ten Som­mer ent­stan­den. Die da­mals teil­neh­men­de Kern­grup­pe wur­de qua­si vom Thea­ter­vi­rus in­fi­ziert und woll­te un­be­dingt wei­ter­ma­chen. Chris­ti­an Nau­er hat nun zu­sam­men mit sei­ner Stel­len­part­ne­rin Eve­li­na Els (55) und den Ju­gend­li­chen das Pro­jekt mög­lich ge­macht – mit mi­ni­ma­lem Bud­get und ma­xi­ma­ler Un­ter­stüt­zung von vie­len Pri­va­ten und Fir­men.

Mass­ge­schnei­der­te Rol­len

Und mit Hil­fe von Ser­ge Lju­be­no­vic (58), ei­nem Kunst­schaf­fen­den aus Rafz. Er hat das Stück ge­schrie­ben. «Zu­erst woll­ten wir Im­pro­vi­sa­ti­ons­thea­ter auf­grund ei­nes be­ste­hen­den Stü­ckes ma­chen. Es ka­men aber mehr Kin­der als ge­plant, so­dass die­ses Vor­ha­ben nicht mehr zu rea­li­sie­ren war», sagt er. Dar­auf­hin hat Lju­be­no­vic kur­zer­hand ein ei­ge­nes Stück ge­schrie­ben. Da gibt es ein Schiff, ei­ne Ha­va­rie und ei­ne Ret­tung.

Die Rol­len und die Hand­lung aber wur­den mit den Kin­dern zu­sam­men ent­wi­ckelt. Die Cha­rak­te­re ge­stal­te­te er mass­ge­schnei­dert auf die Per­sön­lich­kei­ten der Kin­der. Tim, der im Stück den Al­fons Z’Grag­gen spielt, sagt in der Pau­se: «Mir hat be­son­ders Spass ge­macht, dass wir auch die Re­qui­si­ten sel­ber her­ge­stellt ha­ben.» Die Kin­der und Ju­gend­li­chen sind in der Pau­se voll En­thu­si­as­mus und wohl auch schon ein we­nig ner­vös in Be­zug auf die Auf­füh­run­gen am Wo­chen­en­de. Sie al­le be­su­chen die Schu­le zwi­schen der sechs­ten Klas­se und der drit­ten Ober­stu­fe. Beim heu­ti­gen Durch­lauf des ers­ten Teils auf der Büh­ne wa­ren sie aber al­le voll kon­zen­triert. Noe ali­as Bas­ti­an er­gänzt: «Jetzt mit Licht zu pro­ben, fühlt sich 100 Pro­zent bes­ser an.»

Sich nicht sel­ber spie­len

«Zwi­schen­durch wa­ren sie schon auch de­mo­ti­viert, weil es sich so lan­ge hin­zog», sagt Re­gis­seur Lju­be­no­vic. «Bes­ser wur­de es dann, als mit Ko­s­tü­men ge­spielt wur­de und sie nicht mehr mit dem Skript auf der Büh­ne her­um­spa­ziert sind.» Das gröss­te Pro­blem war die Dis­zi­plin. Da war je­mand krank, hat die Pro­be ver­ges­sen, oder es gab ei­nen an­de­ren Ab­sen­zen­grund. Die Ju­gend­li­chen muss­ten auch er­ken­nen, dass sie sich nicht sel­ber spie­len soll­ten, son­dern ei­ne Rol­le. Mitt­ler­wei­le klappt das mit der Iden­ti­fi­ka­ti­on ganz gut, und die jun­gen Darstel­ler ste­hen Er­wach­se­nen von Lai­en­thea­tern in nichts nach oder über­zeu­gen so­gar deut­lich mehr. Zei­t­rau­bend wa­ren De­tails. «Wir ha­ben uns dumm und däm­lich ge­sucht für ei­ne be­zahl­ba­re Bahn­hofs­vor­ste­her-Müt­ze», er­zählt der Re­gis­seur.

Ser­ge Lju­be­no­vic hat ein Stück mit vier Ak­ten mit Zwi­schen­spie­len und ei­nem Epi­log ent­ste­hen las­sen. Seit Herbst 2017 ar­bei­te­te er dar­an und brauch­te da­für et­wa 200 Stun­den. Sel­ber be­zeich­net er es als ei­ne «tra­gi­sche Tra­gö­die, die sich nicht ernst nimmt und so­mit ei­ne Ko­mö­die mit tra­gi­schem In­halt» sein soll.

Mitt­ler­wei­le gibt es ers­te Kon­tak­te nach Deutsch­land. Es be­steht In­ter­es­se, das Stück als Ju­gend­thea­ter für den ge­sam­ten deutsch­spra­chi­gen Raum ver­füg­bar zu ma­chen. «Da­zu muss ich den Text noch ins Hoch­deut­sche tran­skri­bie­ren. Das geht nicht so ein­fach, weil ver­schie­de­ne Wort­wit­ze nicht gleich funk­tio­nie­ren wie im Schwei­zer Dia­lekt.» Und so wird sich am En­de auch noch das Thea­ter­stück vi­el­leicht auf die ei­ne oder an­de­re Wei­se ver­än­dern.

Fo­to: Balz Mu­rer

Ju­gend­li­che aus Rafz ha­ben sich auf das Ex­pe­ri­ment Thea­ter ein­ge­las­sen und ha­ben viel Freu­de dar­an.

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