Bü­cher statt Me­di­ka­men­te

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Vorderseite - Li­nus Schöp­fer

An­na Stern er­forscht An­ti­bio­ti­ka-Re­sis­ten­zen. Aus­ser­dem schreibt sie Bü­cher.

LITERATUR An­na Stern er­forscht An­ti­bio­tika­re­sis­ten­zen an der ETH. Nun nimmt die Ost­schwei­ze­rin am wich­tigs­ten deut­schen Li­te­ra­tur­wett­be­werb teil. Wie passt das zu­sam­men?

So ein Bein ist schnell futsch. Kno­chen ge­bro­chen, ei­ne Pri­se re­sis­ten­ter Kei­me ins Fleisch be­kom­men, und schon rit­schratscht die Am­pu­ta­ti­ons­sä­ge. Die Be­schäf­ti­gung mit An­ti­bio­tika­re­sis­ten­zen in­ter­es­siert uns al­le, weil es ans Le­ben­di­ge geht. An­na Stern forscht da­zu an der ETH Zü­rich, sie ist be­reits an der Dok­tor­ar­beit.

Die 28-Jäh­ri­ge darf zu Re­sul­ta­ten nichts sa­gen, be­vor der ent­spre­chen­de Fach­ar­ti­kel er­schie­nen ist. Sie sitzt in ei­nem Bis­tro gleich ne­ben der Hoch­schu­le, spricht sanf­ten Ost­schwei­zer Dia­lekt – sie ist in Ror­schach auf­ge­wach­sen –, trägt ei­nen Kür­zes­t­haar­schnitt, ein schlich­tes, schwar­zes, är­mel­lo­ses Ober­teil, am Arm ei­nen mat­ten Reif und in der Ohr­mu­schel ein Pier­cing. Sie kommt ge­ra­de aus ei­nem PCRaum, wo sie com­pu­ter­ba­sier­te Mo­del­le von Epi­de­mi­en be­trach­tet hat.

Aus­ser­dem schreibt sie Bü­cher. Die Toch­ter ei­ner Kin­der­gärt­ne­rin und ei­nes Arz­tes heisst ei­gent­lich Bi­schof­ber­ger. Die Wahl des Künst­ler­na­mens war denk­bar un­ei­tel, fast kind­lich: Der ers­te Ver­le­ger fand, «Bi­schof­ber­ger» sei kein gu­ter Au­to­ren­na­me, und die jun­ge Frau war schon im­mer von Ster­nen und vom Wel­tall fas­zi­niert – al­so «An­na Stern». Zwei Ro­ma­ne hat sie be­reits im klei­nen Sa­lis-Ver­lag ver­öf­fent­licht. All­zu vie­le Le­ser hat sie noch nicht, die Bü­cher wur­den kaum re­zen­siert. Doch in­ner­halb des klei­nen Zir­kels ist die Be­geis­te­rung gross. In der FAZ fei­er­te der be­kann­te Kul­tur­jour­na­list Diet­mar Dath den Er­zähl­band «Beim Auf­tau­chen der Him­mel». Die «Grund­re­chen­ar­ten deut­scher Literatur» wür­den Stern «aus der Hand fres­sen wie zu­trau­li­che Tie­re».

Je­de Ge­schich­te ist ein Ver­such

Lob ist be­rech­tigt: An­na Stern schreibt mit der Leich­tig­keit ei­ner Ju­dith Her­mann. Zugleich ent­wi­ckeln ih­re Tex­te von Pär­chen, die sich aus­ein­an­der­le­ben, und von Ein­zel­nen, die die Ver­gan­gen­heit ein­holt, ei­nen fast dä­mo­ni­schen Sog. Wie in Brechts Er­zäh­lung vom «Augs­bur­ger Krei­de­kreis» ahnt der Le­ser, dass die Ge­schich­te ei­ne schlim­me Wen­dun­gen neh­men wird, dass ein gu­ter Aus­gang un­wahr­schein­lich, aber nicht un­mög­lich ist – und kann nicht von den Zei­len las­sen. An­na Stern weiss ge­nau, wie Span­nung ent­steht, ihr ers­ter Ro­man war ein von Ge­or­ges Si­me­non in­spi­rier­ter Kri­mi. Und da­zwi­schen ei­ne klei­ne Er­zäh­lung wie «Die Ge­schich­te vom Um­ge­dreh­ten Land», die die Schweiz-Dys­to­pi­en der letz­ten Jah­re (Chris­ti­an Kracht, Urs Zürcher) ziem­lich ab­ge­schmackt er­schei­nen lässt. «Je­de Ge­schich­te, die ich schrei­be, ist ein Ver­such. Sie soll neu sein und ganz an­ders wir­ken als al­les, was ich bis­her ge­schrie­ben ha­be», sagt Stern. Auch das for­ma­le Re­per­toire ist gross, es reicht vom be­schau­li­chen Rea­lis­mus zum ex­pe­ri­men­tel­len Stak­ka­to-Stil. Fest­le­gen auf ei­ne be­stimm­te Literatur will sie sich nicht. War­um auch? «Ich wie­der­ho­le im La­bor ja auch kei­ne Ex­pe­ri­men­te, die sich be­währt ha­ben.»

Hil­de­gard Kel­ler, Li­te­ra­tur­pro­fes­so­rin und «Li­te­ra­tur­club»-Kri­ti­ke­rin, wur­de auf An­na Stern auf­merk­sam und no­mi­nier­te sie für den Bach­mann­preis. Stern wird An­fang Ju­li nach Kla­gen­furt rei­sen, um am be­rühm­tes­ten Wett­le­sen der deut­schen Literatur teil­zu­neh­men. «Bach­mann­preis», das be­deu­tet: har­tes Schein­wer­fer­licht, har­te Ur­tei­le. 3sat über­trägt live, ei­ne Ju­ry wird An­na Stern ge­gen­über­sit­zen und im Kopf das Kri­ti­kerBe­steck wet­zen, wäh­rend sie aus ih­rem neu­en Ro­man vor­liest. In Kla­gen­furt wur­den Au­to­ren schon übel fer­tig­ge­macht, an­de­re nutz­ten die Büh­ne zu spe­zi­el­len Auf­trit­ten – ei­ner ass ein Blatt auf. «Ich wer­de kei­ne Per­for­mance ab­lie­fern, son­dern schlicht aus mei­nem Text vor­le­sen», sagt Stern. Es ge­he ihr dar­um, ih­ren Tex­ten ei­ne Büh­ne zu ver­schaf­fen. Da­für ge­he sie auch ins Fern­se­hen. Sie ist wohl zu zu­rück­hal­tend für die­se Show, ihr Schrei­ben zu sub­til, oh­ne Knall­ef­fek­te und Spring­teu­fel-Po­in­ten. «Ich tre­te nicht an, weil ich mir gros­se Chan­cen aus­rech­ne», sagt Stern. Es hän­ge für sie auch nicht al­les ab von die­sem Preis. «Ich ge­he jetzt ein­fach mal da hin.» Bis Kla­gen­furt sieht ihr Pro­gramm so aus: Mor­gens schwim­men, dann im La­bor der ETH von acht bis acht­zehn Uhr Kei­me züch­ten und ana­ly­sie­ren, abends schrei­ben. Sterns neu­er Ro­man wird «Denn du bist wild wie die Wel­len des Mee­res» heis­sen und im Ja­nu­ar er­schei­nen. Sie mon­tiert da­bei erst­mals Bil­der und hand­schrift­li­che No­ti­zen in die Ge­schich­te hin­ein. «Dass mei­ne Tex­te frag­men­ta­ri­scher ge­wor­den sind, kommt mir ge­le­gen. Auch wenn ich nur ei­ne hal­be St­un­de schrei­be, kann ich klei­ne Sze­nen ab­schlies­sen.» Das Le­ben ei­nes jun­gen Men­schen mit Aus­gang et ce­te­ra ge­be es schon auch. Aber halt deut­lich re­du­zier­ter im Ver­gleich zu Freun­din­nen und Freun­den.

Kei­ne Angst, sich zu ver­zet­teln, ihr Po­ten­zi­al auf kei­nem Feld aus­zu­rei­zen? «Müss­te ich mich auf ei­ne Lei­den­schaft kon­zent- rie­ren, fehl­te mir die an­de­re.» Ein Ger­ma­nis­tik­stu­di­um brach sie nach dem ers­ten Se­mes­ter ab, die Ge­dan­ken­welt wur­de ihr zu ein­sei­tig. Sie sieht sich auch nicht in der Tra­di­ti­on der na­tur­wis­sen­schaft­lich ver­sier­ten Schrei­ber, wie es sie in der deutsch­spra­chi­gen Literatur ja gibt, vom St­eine­pflü­cker Goe­the über den Ner­ven­arzt Dö­blin bis zum Psych­ia­trief­an Rai­nald Goetz.

An­na Stern sieht sich an­ders, als Schrei­be­rin und Na­tur­wis­sen­schaft­le­rin. Sie ist in al­len Fel­dern auf Ent­de­ckung aus, stösst stän­dig auf neue Fra­gen und Ge­heim­nis­se. «An­ti­bio­ti­ka zum Bei­spiel wa­ren kei­ne de­fi­ni­ti­ve Ant­wort auf In­fek­ti­ons­krank­hei­ten, ob­wohl das lan­ge die Hoff­nung war. An­ti­bio­ti­ka, wie wir sie heu­te ken­nen, ver­lie­ren ih­re Wir­kung. Neue Her­aus­for­de­run­gen kom­men auf uns zu. Rät­sel, die mit un­se­ren Kör­pern zu tun ha­ben und der Welt.»

Ein gu­tes Buch hilft und heilt

Die Literatur sieht Stern als ei­nen Raum, in dem Mög­lich­kei­ten denk­bar wer­den. «Schrei­be ich über ei­nen Po­li­zis­ten, will ich füh­len wie ein Po­li­zist. Und der Le­ser soll sich auch hin­ein­füh­len kön­nen.» Das Le­ben po­ten­ziert sich, ge­winnt an Far­be und Tie­fe. Je­der Satz ist ein Keim. Sie er­zählt, wie sie beim Schwim­men im Bo­den­see ei­nen Schwan er­blick­te und ihr so­fort ein Satz aus ei­nem Ro­man ih­res Lieb­lings­schrift­stel­lers ein­fiel, des Ame­ri­ka­ners Ho­ward Nor­man: «Die un­ver­meid­li­che Selt­sam­keit des Schwim­mens mit Schwä­nen.» Fik­ti­on und Rea­li­tät ge­hen ei­ne Ver­bin­dung ein – ein Mo­ment der Ver­blüf­fung, ein Glücks­ge­fühl.

Ein rich­tig gu­tes Buch, sagt An­na Stern, wir­ke wie ein Me­di­ka­ment. Es hel­fe und hei­le. Ein sol­ches Buch zu ent­wi­ckeln, ist das Fern­ziel der vie­len Ex­pe­ri­men­te, die die Schrift­stel­le­rin noch an­stel­len will.

Fo­to: Do­ris Fan­co­ni

«Müss­te ich mich auf ei­ne Lei­den­schaft kon­zen­trie­ren, fehl­te mir die an­de­re», sagt An­na Stern.

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