Uner­war­te­ter Durch­bruch bei der Kon­zern­in­itia­ti­ve

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Schweiz - Chris­toph Lenz

Schwei­zer Kon­zer­ne müs­sen künf­tig auch im Aus­land Mensch und Um­welt schüt­zen. So will es der Na­tio­nal­rat.

Es gibt die nor­ma­le Bun­des­po­li­tik. Tro­cken. Tech­nisch. Auf­re­gungs­arm. Und dann gibt es Ge­schäf­te, bei de­nen al­les ein biss­chen an­ders ist, bei de­nen die po­li­ti­schen Na­tur­ge­set­ze auf­ge­ho­ben schei­nen und sich die Über­ra­schun­gen und Ku­rio­si­tä­ten ja­gen bis zu ih­rer Er­le­di­gung. Die Kon­zern­in­itia­ti­ve ist ein sol­ches Ge­schäft. Seit Mo­na­ten lob­by­iert der Wirt­schafts­dach­ver­band Eco­no­mie­su­is­se ge­gen die von NGOs und Hilfs­wer­ken ge­sam­mel­te Volks­in­itia­ti­ve, die Schwei­zer Kon­zer­ne ver­pflich­ten will, im Aus­land Men­schen­rech­te und Um­welt­stan­dards ein­zu­hal­ten. Trotz die­ses Wi­der­stands ver­ab­schie­de­te der bür­ger­lich do­mi­nier­te Na­tio­nal­rat ges­tern ein Ge­setz, das den Initi­an­ten weit ent­ge­gen­kommt. So weit, dass die Hilfs­wer­ke und NGOs ver­spro­chen ha­ben, ihr Volks­be­geh­ren zu­rück­zu­zie­hen, falls das Ge­setz ge­nau so in Kraft tritt, wie es ver­ab­schie­det wur­de. SVP-Spre­cher Clau­dio Za­net­ti warn­te ges­tern zwar, dass die­ser in­di­rek­te Ge­gen­vor­schlag zur Kon­zern­in­itia­ti­ve wirt­schafts­schäd­lich sei und Schwei­zer Un­ter­neh­men in­ter­na­tio­nal an­greif­bar und er­press­bar ma­che. Doch be­reits bei der FDP, die für sich im­mer­hin das Eti­kett Wirt­schafts­par­tei be­an­sprucht, sties­sen die­se War­nun­gen auf tau­be Oh­ren. Ei­ne deut­li­che Mehr­heit des Frei­sinns sprach sich – ge­mein­sam mit BDP, GLP, CVP und der ge­schlos­se­nen Lin­ken – für den Kom­pro­miss bei der Kon­zern­in­itia­ti­ve aus.

Für die bür­ger­li­che Mit­te stan­den da­bei zwei Ar­gu­men­te im Vor­der­grund: Ei­ner­seits er­laubt es der Ge­gen­vor­schlag, den de­li­ka­ten Ab­stim­mungs­kampf ge­gen ei­ne «Lex Glen­co­re» zu ver­mei­den. An­de­rer­seits ha­ben SVP-Rechts­pro­fes­sor Hans-Ue­li Vogt und CSP-Na­tio­nal­rat Karl Vog­ler, die Vä­ter des Ge­gen­vor­schlags, ei­nen Kom­pro­miss aus­ge­ar­bei­tet, der von zahl­rei­chen Un­ter­neh­men ge­tra­gen wird. Die­se Lö­sung, er­klär­te Beat Flach (GLP) ges­tern, ent­spre­che der Er­war­tung der Bür­ger, dass die Schwei­zer Kon­zer­ne «mit An­stand, Ethik und Moral im Aus­land Ge­schäf­te ma­chen».

Kon­kret: Die Kon­zern­in­itia­ti­ve wür­de meh­re­re Tau­send Schwei­zer Un­ter­neh­men da­zu ver­pflich­ten, ihr Han­deln im Aus­land re­gel­mäs­sig nach Ri­si­ken für Mensch und Um­welt zu über­prü­fen und dar­über Be­richt zu er­stat­ten. Der Ge­gen­vor­schlag schränkt die­sen Kreis der Be­trof­fe­nen auf die rund 700 gröss­ten Schwei­zer Fir­men ein. Auch bei der Scha­dens­haf­tung gibt es wich­ti­ge Un­ter­schie­de: Ge­mäss der Initia­ti­ve müss­ten Schwei­zer Kon­zer­ne auch für

Hilfs­wer­ke und NGOs ha­ben ver­spro­chen, ihr Volks­be­geh­ren zu­rück­zu­zie­hen.

Schä­den an Men­schen oder Um­welt haf­ten, die von ju­ris­tisch un­ab­hän­gi­gen Zu­lie­fer­be­trie­ben im Aus­land ver­ur­sacht wer­den. Die Lö­sung des Na­tio­nal­rats will die Haf­tung auf Toch­ter­ge­sell­schaf­ten des Kon­zerns be­schrän­ken. Ein­klag­bar sind zu­dem nur Schä­den an Leib, Le­ben oder Ei­gen­tum.

Der Ge­gen­vor­schlag hat ges­tern al­so ei­ne wich­ti­ge Hür­de ge­nom­men. Ob er tat­säch­lich rea­li­siert wird, steht aber noch nicht fest. Das Ge­setz geht nun in den Stän­de­rat. Des­sen Rechts­kom­mis­si­on hat sich be­reits ein­mal da­für aus­ge­spro­chen, ei­ne Über­ein­kunft mit den NGOs und Hilfs­wer­ken zu su­chen. Doch sind die Stän­de­rä­te kaum be­reit, den Kom­pro­miss zwi­schen Na­tio­nal­rat und Initi­an­ten un­be­se­hen ab­zu­ni­cken. FDP-Stän­de­rat Andrea Ca­ro­ni et­wa will sich nicht ein­schrän­ken las­sen vom An­ge­bot der Initi­an­ten, ihr Volks­be­geh­ren zu­rück­zu­zie­hen. Ers­tens ste­he bei die­sem Pro­jekt sehr viel auf dem Spiel. «Es gibt die Ge­fahr, dass die Schweiz ih­re Rah­men­be­din­gun­gen schwächt, weil sie im Al­lein­gang sehr stren­ge Re­geln für hie­si­ge Un­ter­neh­men er­lässt.» Fir­men könn­ten sich dem durch Sitz­ver­le­gung ins Aus­land ent­zie­hen. Zwei­tens brau­che es oh­ne­hin nicht à tout prix ei­nen Ge­gen­vor­schlag. «Ich ha­be kei­ne Angst vor der Kon­zern­in­itia­ti­ve.» Na­tür­lich ge­be es im­mer Kas­san­dra­ru­fe, dass ei­ne Initia­ti­ve beim Volk ei­ne Mehr­heit fin­den kön­ne. «Aber seit vier Jah­ren ist kei­ne Initia­ti­ve mehr durch­ge­kom­men.» Auch CVP-Stän­de­rat Ste­fan Eng­ler, der sich schon 2017 für ei­nen Ge­gen­vor­schlag ein­ge­setzt hat, sagt: «Ich er­war­te von den Initi­an­ten schon noch Dis­kus­si­ons­be­reit­schaft.» Ver­schie­de­ne Fa­cet­ten des Ge­set­zes be­dürf­ten noch ei­ner in­halt­li­chen Über­prü­fung. «Das ist ei­ne er­geb­nis­of­fe­ne Dis­kus­si­on.»

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