Wenn Twit­ter-Nach­rich­ten aus dem Was­ser­ko­cher kom­men

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Ausland - Christiane Sch­löt­zer, Istan­bul

Kur­den­po­li­ti­ker De­mir­tas kan­di­diert aus sei­ner Zel­le her­aus für das höchs­te tür­ki­sche Staats­amt.

Die Stadt Edir­ne liegt ganz im Wes­ten der Tür­kei, dort ist Se­lahat­tin De­mir­tas in­haf­tiert. Es gab wohl kein Gefängnis, das wei­ter weg ist von der kur­di­schen Me­tro­po­le Diyarba­k­ir, wo De­mir­tas und sei­ne Par­tei HDP ih­re Macht­ba­sis ha­ben. Ge­nau: 1685 Ki­lo­me­ter. Falls die­se Dis­tanz da­zu die­nen soll­te, den 45-Jäh­ri­gen aus der Öf­fent­lich­keit zu ver­ban­nen, ist die Ope­ra­ti­on ge­schei­tert. De­mir­tas ist Spit­zen­kan­di­dat der ein­zi­gen le­ga­len tür­ki­schen Kur­den­par­tei. Dass ein Po­li­ti­ker aus ei­ner Zel­le für das höchs­te tür­ki­sche Staats­amt kan­di­diert, ist ei­ne Pre­mie­re, aber wie De­mir­tas die Nach­tei­le ei­ner Kam­pa­gne aus dem Knast zu sei­nem Vor­teil nutzt, das ist ein po­li­ti­sches Kunst­stück. Auf den Bil­dern sitzt De­mir­tas in ei­nem schlich­ten weis­sen Hemd an ei­nem Plas­tik­tisch, dar­auf Bü­cher und Tee­glas. Sei­ne An­wäl­te twit­tern nach je­dem Be­such, auch Wahl­pro­gramm und po­li­ti­sche Kom­men­ta­re, häu­fig vol­ler Hu­mor oder Spott, fin­den so ih­ren Weg an die Öf­fent­lich­keit. Ver­är­gert über die vie­len Tweets, liess die Re­gie­rung sei­ne Zel­le durch­su­chen, oh­ne ein Han­dy zu fin­den. Das ein­zi­ge elek­tri­sche Ge­rät sei ein Was­ser­ko­cher, er­klär­te De­mir­tas, aber er kön­ne da­mit be­kannt­lich Twit­terNach­rich­ten ab­set­zen, nur bei Whats­app ver­sa­ge der Ko­cher.

Be­vor­zug­tes An­griffs­ziel des Spöt­ters hin­ter Git­tern: Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan, der De­mir­tas im­mer wie­der ei­nen «Ter­ro­ris­ten» nennt. Mit sei­ner Prä­senz drängt sich De­mir­tas auch in die Agen­da der an­de­ren Op­po­si­ti­ons­kan­di­da­ten: Sie ver­spre­chen, die Wün­sche der Kur­den, et­wa 15 bis 20 Pro­zent der Be­völ­ke­rung, nicht mehr zu igno­rie­ren.

142 Jah­re Haft ge­for­dert

Für Er­do­gan und sei­ne AKP läuft die Cau­sa De­mir­tas of­fen­bar aus dem Ru­der. Er­do­gan hat über­ra­schend ge­for­dert, das Ver­fah­ren ge­gen den Kur­den­po­li­ti­ker «so schnell wie mög­lich» zu be­en­den. «Die­ser Mann sitzt in Un­ter­su­chungs­meint haft, oder? Ja, er ist ein­ge­sperrt. Ehr­lich ge­sagt, muss die Jus­tiz ih­re Ent­schei­dung so schnell wie mög­lich tref­fen», sag­te Er­do­gan bei ei­ner Wahl­ver­an­stal­tung. Aus der Men­schen­men­ge war der Ruf «To­des­stra­fe» zu hö­ren.

Die To­des­stra­fe ist in der Tür­kei ab­ge­schafft. Staats­an­wäl­te ha­ben 142 Jah­re Haft für De­mir­tas ge­for­dert, we­gen «Ter­ror­pro­pa­gan­da und Mit­glied­schaft in ei­ner be­waff­ne­ten Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on». GeZur ist die kur­di­sche PKK. De­mir­tas’ An­wäl­te wei­sen die Vor­wür­fe zu­rück. Sie ha­ben den Eu­ro­päi­schen Ge­richts­hof für Men­schen­rech­te in Strass­burg we­gen der Län­ge der Un­ter­su­chungs­haft – nun 19 Mo­na­te – an­ge­ru­fen.

Er­do­gans Ab­sicht un­klar

Was al­so be­zweckt Er­do­gan mit sei­ner Auf­for­de­rung an die Jus­tiz? Hoff­nung auf ei­ne Frei­las­sung von De­mir­tas oder ein ra­sches, har­tes Ur­teil? Das ei­ne wür­de Er­do­gan Stim­men von Kur­den brin­gen, auf die es in ei­ner zwei­ten Run­de der Prä­si­den­ten­wahl an­kommt. Das an­de­re wür­de stram­me Na­tio­na­lis­ten be­geis­tern, die Er­do­gan eben­falls braucht. Und es wür­de bür­ger­li­che Wäh­ler ab­schre­cken, die HDP bei der Par­la­ments­wahl zu un­ter­stüt­zen. Kommt die HDP über die Zehn­pro­zent­hür­de, ist die ab­so­lu­te Mehr­heit für die AKP un­ge­wiss. Im In­ter­net tau­chen wohl des­halb jetzt Fo­tos des äl­te­ren Bru­ders von De­mir­tas auf, in Gue­ril­la­kluft. Nu­ret­tin De­mir­tas soll im Nord­irak le­ben, er sass schon ein­mal mehr als elf Jah­re we­gen PKK-Mit­glied­schaft in Haft. Se­lahat­tin De­mir­tas stu­dier­te Recht und be­müh­te sich meist deut­li­cher als an­de­re HDP-Po­li­ti­ker um Dis­tanz zur PKK. 2015 sag­te er: «Wir ver­tre­ten nicht die PKK, und die PKK ver­tritt nicht uns.» Sich selbst be­zeich­ne­te der hy­per­ak­ti­ve Häft­ling als «po­li­ti­sche Gei­sel» – in ei­nem Tweet.

Fo­to: Keysto­ne

Se­lahat­tin De­mir­tas: Kan­di­dat und Häft­ling.

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