Das ewi­ge Le­ben er­rei­chen

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Region -

An die­sem Sonn­tag wird in den (ka­tho­li­schen) Got­tes­diens­ten ein in­ter­es­san­tes Evan­ge­li­um ge­le­sen. Da kommt ein jun­ger Mann zu Je­sus und möch­te das «ewi­ge Le­ben» er­rei­chen. Und ob­wohl er nach aus­sen ein ta­del­lo­ses und vor­bild­li­ches re­li­giö­ses Le­ben führt, kon­fron­tiert ihn Je­sus mit der Tat­sa­che: Das ge­nügt nicht. – «Geh und ver­kauf al­les, was du be­sitzt, und gib es den Ar­men.» Mög­li­cher­wei­se geht es hier nicht un­be­dingt um das Los­las­sen von Geld und ma­te­ri­el­lem Reich­tum. Je­sus möch­te viel­mehr von dem jun­gen Mann, dass er all das, was er sich in sei­nem Le­ben an Din­gen, Ge­wohn­hei­ten und Über­zeu­gun­gen zu­ge­legt hat, los­lässt und noch ein­mal ganz von vor­ne be­ginnt. Denn nur das ver­setzt ihn in die La­ge, sich mit dem not­wen­di­gen kind­li­chen Ver­trau­en, mit Neu­gier und Ri­si­ko­be­reit­schaft in die Nach­fol­ge Je­su zu be­ge­ben.

In ei­ner Zeit, in der die ka­tho­li­sche Kir­che in der viel­leicht tiefs­ten Kri­se seit der Re­for­ma­ti­on steckt; in ei­ner Zeit, in der auf­grund der un­fass­ba­ren Miss­brauchs­fäl­le ein gros­ser Teil der Glaub- und Ver­trau­ens­wür­dig­keit schon nicht mehr auf dem Spiel steht, son­dern be­reits ver­spielt ist; in ei­ner Zeit, in der viel­fach die kirch­li­che Bü­ro­kra­tie im­mer noch die Sehn­sucht der Men­schen nach Le­ben und Glück er­stickt – in ei­ner sol­chen Zeit ist das Evan­ge­li­um von mor­gen Sonn­tag für die Kir­che selbst ge­schrie­ben.

Dann be­deu­tet die Auf­for­de­rung Je­su, «al­les zu ver­kau­fen», für die Kir­che: vie­les von dem, was sich im Lau­fe der Jahr­hun­der­te an Ge­wohn­hei­ten, Tra­di­tio­nen und Rechts­vor­schrif­ten an­ge­sam­melt hat, kri­tisch zu hin­ter­fra­gen und – wenn not­wen­dig – aus dem Weg zu räu­men, weil es ei­ne ech­te und le­ben­di­ge Nach­fol­ge ver­hin­dert. Da­zu ge­hört, ei­ner un­se­li­gen Kul­tur des Kle­ri­ka­lis­mus den Kampf an­zu­sa­gen, in der Miss­brauch, Ver­tu­schung und Feig­heit über­haupt erst ge­dei­hen konn­ten. Da­zu ge­hört, end­lich den Frau­en in der Kir­che die­sel­ben Rech­te ein­zu­räu­men wie den Män­nern. Und ja: Da­zu ge­hört auch, end­lich das lei­di­ge The­ma des Pflicht­zö­li­bats an­zu­ge­hen und Mög­lich­kei­ten zu schaf­fen, dass auch ver­hei­ra­te­te Pries­ter mit Fa­mi­lie mit ih­rer Ge­mein­de Eucha­ris­tie fei­ern kön­nen.

Nein, das wird nicht al­le Pro­ble­me lö­sen. Aber es hilft der Kir­che, end­lich glaub­wür­di­ger zu le­ben und da­rin der al­ler­wich­tigs­ten Fra­ge wie­der Raum zu ge­ben: Was heisst es, uns als Chris­tin­nen und Chris­ten in der heu­ti­gen Zeit in die Nach­fol­ge Je­su zu be­ge­ben? So­lan­ge ei­ne kirch­li­che Kul­tur oder Struk­tur die Men­schen und die Ge­mein­den vor Ort da­rin nicht un­ter­stützt, son­dern eher be­hin­dert, hat der «jun­ge Mann» aus dem Evan­ge­li­um noch nicht ge­nug von sei­nen Din­gen «ver­kauft».

ist Pfar­rei­be­auf­trag­ter der Seel­sor­ge­ein­heit Rap­pers­wil­Jo­na in Kem­pra­ten.

Ro­bert Schätz­le Kem­pra­ten

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