VW spielt mit dem At­las

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Auto - Tho­mas Gei­ger

VOLKS­WA­GEN An der Mon­te­rey Car Week ha­ben die Wolfs­bur­ger zwei Stu­di­en auf Ba­sis des ame­ri­ka­ni­schen Best­sel­ler-SUV At­las ge­zeigt. Da­mit zielt die Mar­ke auf das gröss­te Ab­satz­seg­ment in den USA.

Nir­gends in der Au­to­welt sind die Gren­zen so weich und die Grau­zo­nen so gross wie rund um den Con­cours d’Ele­gan­ce in Peb­b­le Beach in Ka­li­for­ni­en. Denn zwi­schen über­re­stau­rier­ten Old­ti­mern, vi­sio­nä­ren De­sign­stu­di­en und auf­wen­dig zu­recht­ge­schnit­te­nen Schön­hei­ten kann man schnell die Ori­en­tie­rung zwi­schen den Wel­ten ver­lie­ren. Da­selbst bat VW jüngst zur ers­ten Test­fahrt mit zwei Au­tos, die es so (noch) gar nicht gibt: Denn nur vier Mo­na­te nach der At­lasWelt­pre­mie­re an der New York Mo­tor­show fla­nier­ten die bei­den At­las-Stu­di­en Cross Sport und Ta­no­ak am Peb­b­le Beach über den 17-Mi­les-Dri­ve und soll­ten dort aus­lo­ten, wie ein schnit­ti­ges Cou­pé und ein Mid-Si­ze-Pick-up aus dem Werk in Chat­ta­noo­ga beim Pu­bli­kum an­kom­men könn­ten.

Wie tief VW sich da­mit in die US-Volks­see­le ein­schmei­cheln will, zeigt ins­be­son­de­re der Ta­no­ak. Als eben­so rus­ti­ka­ler wie ro­bus­ter Pick-up be­dient er schliess­lich nicht nur das liebs­te Kli­schee, son­dern vor al­lem das gröss­te Seg­ment des US -Mark­tes. Da­für hat VW den mo­du­la­ren Qu­er­bau­kas­ten, der ei­gent­lich für die Golf-Klas­se ent­wi­ckelt wur­de, bis ans Ul­ti­mo ge­dehnt: Statt­li­che 5,44 Me­ter misst der Prit­schen­wa­gen mit Dop­pel­ka­bi­ne und über­ragt so­gar den At­las um 34 Zen­ti­me­ter. Und da­mit man auch in der zwei­ten Rei­he noch halb­wegs gut sit­zen kann, wächst der Rad­stand um 28 Zen­ti­me­ter auf in die­ser Ar­chi­tek­tur noch nie da ge­we­se­ne 3,26 Me­ter.

Eu­ro­pa­taug­lich?

Na­tür­lich sind die Lichtspiele an der Front und die LED-Ins­ze­nie­rung an der La­de­klap­pe über­zeich­net, der Na­mens­zug un­ter dem Küh­ler könn­te auch ein biss­chen de­zen­ter aus­fal­len und die schwar­zen Rad­läu­fe sind buch­stäb­lich ein we­nig dick auf­ge­tra­gen – doch im Grun­de gibt es vom 280 PS star­ken V6-Mo­tor bis zum di­gi­ta­len In­te­ri­eur kaum et­was an der Stu­die, was nicht in Se­rie ge­hen könn­te.

Zu­mal VW mit ei­ner Pro­duk­ti­on im At­las-Werk Chat­ta­noo­ga die lei­di­ge Chi­cken-Tax um­ge­hen könn­te, die den ge­winn­brin­gen­den US-Im­port des Ama­rok mit ei­nem Straf­zoll von 25 Pro­zent un­mög­lich macht. Spä­tes­tens wenn die Stu­die den Strand von Peb­b­le Beach ent­lan­grollt, hat man den Ama­rok oh­ne­hin ver­ges­sen. Ob­wohl noch ein Ein­zel­stück und weit­ge­hend von Hand ge­baut, wirkt der At­las-Pick-up viel kom­for­ta­bler und kul­ti­vier­ter als der Ama­rok. Kein Wun­der, bei ei­ner selbst­tra­gen­den Ka­ros­se­rie und ei­nem Fahr­werk, das eher auf Leis­tung als auf Las­ten ab­ge­stimmt ist. Aus­ser­dem fährt sich das Au­to hand­li­cher und ist na­tür­lich – zu­min­dest als Stu­die – viel bes­ser aus­ge­stat­tet. Denn von di­gi­ta­len In­stru­men­ten zum Bei­spiel kön­nen sie bei der Nutz­fahr­zeug­spar­te von VW der­zeit nur träu­men. Träu­men müs­sen mög­li­cher­wei­se auch die Ta­no­ak-Fans, denn US-Chef Hin­rich Wo­eb­cken spricht der­zeit nur von ei­nem Ge­dan­ken­spiel, mit dem VW zei­gen will, wie ernst es der Mar­ke mit den Ame­ri­ka­nern ist. Doch es gibt ja noch ei­ne zwei­te At­las-Stu­die, für die Wolfs­burg be­reits grü­nes Licht und 340 Mil­lio­nen Dol­lar zur Er­wei­te­rung des Wer­kes in Chat­ta­noo­ga ge­ge­ben hat – den At­las Cross Sport. Um 25 Zen­ti­me­ter ge­kürzt, mit fünf statt sie­ben Sit­zen, die dank der um zehn Zen­ti­me­ter ver­setz­ten Rück­bank spür­bar mehr Platz bie­ten, so­wie ei­nem et­was schnit­ti­ge­ren Heck bei trotz­dem rie­si­gem Kof­fer­raum ver­spricht er mehr Sport als Uti­li­ty und wird so zu ei­nem Au­to, an dem auch Eu­ro­pä­er Ge­fal­len fin­den kön­nen – zu­mal er mit 4,85 Me­tern selbst in un­se­re Park­plät­ze pas­sen soll­te.

So­gar auf den aus gu­tem Grund nicht ein­mal er­wähn­ten Die­sel un­ter der Hau­be könn­te man da gut ver­zich­ten. Nicht um­sonst rollt der Show­car mit ei­nem Plu­gin-Hy­brid-Trieb. Weil es ne­ben dem 280 PS star­ken VR6- Mo­tor noch zwei E-Ma­schi­nen mit 75 PS vorn und 115 PS hin­ten gibt, hat der Cross Sport All­rad­an­trieb und kann bis zu 70 Ki­lo­me­ter oh­ne Ver­bren­ner fah­ren.

At­las als Ret­tungs­an­ker

Zwar wird es noch ein biss­chen dau­ern, bis der Cross Sport in den USA auf die Stras­sen rollt. Aber die Wolfs­bur­ger wä­ren schlecht be­ra­ten, wenn sie nicht auch den Ta­no­ak auf den Weg bräch­ten. Denn nach wie vor kommt kein Au­to in Ame­ri­ka so gut an wie ein Pick-up, und kei­ne Mar­ke kann den Zu­spruch der Ame­ri­ka­ner so gut ge­brau­chen wie der vom Die­selskan­dal ge­beu­tel­te VW-Kon­zern. Zu­mal sich der At­las für die Deut­schen in Ame­ri­ka oh­ne­hin als Glücks­fall er­wie­sen hat: Wäh­rend Pas­sat und Jet­ta un­ter dem Nie­der­gang der Li­mou­si­nen lei­den und der neue Ti­gu­an noch nicht so rich­tig prä­sent ist, sieht man den gros­sen SUV tat­säch­lich an je­der Ecke – kein Wun­der, weil VW in­nert zwei­er Jah­re im­mer­hin 100000 Au­tos ver­kauft hat, der­zeit je­den Mo­nat 6000 da­zu­kom­men und es bald noch mehr werden könn­ten, wenn der Cross Sport oder gar so­gar der Pick-up in Se­rie ge­hen.

Die­ser Er­folg macht mitt­ler­wei­le an­de­re Märk­te nei­disch, zu­mal es den At­las als Ter­ra­mont auch in Chi­na gibt. Des­halb hört man selbst aus Deutsch­land ers­te Stim­men, die sich den At­las für die Au­to­bahn wün­schen. Viel­leicht nicht das Stan­dard­mo­dell, weil das mit sei­nen knapp 5,10 Me­tern wo­mög­lich ein biss­chen lang ist. Und viel­leicht erst recht nicht den 5,44 Me­ter lan­gen Pick­up, weil der Markt für zwei Prit­schen­wa­gen aus Wolfs­burg wo­mög­lich noch zu klein ist und es zu­min­dest ei­ne Zeit­lang noch den Ama­rok gibt. Aber der Cross Sport könn­te zur eben­so ele­gan­ten wie preis­wer­ten Toua­reg-Al­ter­na­ti­ve werden, hört man aus dem Wolfs­bur­ger Vor­stands­bau. Gut mög­lich al­so, dass der At­las dem­nächst den gan­zen Glo­bus ken­nen lernt.

Fo­to: PD

Die Pick­up­Stu­die Ta­no­ak (links) sei vo­r­erst nur ein Ge­dan­ken­spiel, der Cross Sport (rechts) hin­ge­gen wird in Se­rie kom­men. Er dürf­te auch für Eu­ro­pa ein span­nen­des Mo­dell sein.

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