Ei­ne Dis­kus­si­on, die kei­ne war

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Region - Si­byl­le Sa­xer

KILCHBERG Soll Co­op beim Bahn­hof Kilchberg ei­nen Neu­bau er­stel­len dür­fen und ei­ne Be­geg­nungs­zo­ne rea­li­siert wer­den? In die­ser Fra­ge ist das Dorf ge­spal­ten. Ein Dis­kus­si­ons­abend der EVP hat nichts zur Ent­span­nung der Si­tua­ti­on bei­ge­tra­gen.

Es hät­te ei­ne Dis­kus­si­on im gros­sen Saal des re­for­mier­ten Kirch­ge­mein­de­hau­ses Kilchberg wer­den sol­len am Don­ners­tag­abend. Ei­ne kon­tra­dik­to­ri­sche Dis­kus­si­on zwi­schen Geg­nern und Be­für­wor­tern des Gestal­tungs­plans Bahn­hof­stras­se. Ge­we­sen ist es schliess­lich ei­ne rei­ne Geg­ner­ver­an­stal­tung.

Den pri­va­ten Gestal­tungs­plan hat Co­op in Zu­sam­men­ar­beit mit dem Ge­mein­de­rat er­ar­bei­tet. Er sieht vor, das heu­ti­ge Ge­bäu­de Bahn­hof­stras­se 12 durch ei­nen ku­bi­schen Neu­bau zu er­set­zen und die Bahn­hof­stras­se samt Ram­pe in ei­ne Be­geg­nungs­zo­ne um­zu­wan­deln.

An die­sem Pro­jekt schei­den sich die Geis­ter. Die Be­für­wor­ter – der Ge­mein­de­rat, die Rech­nungs­prü­fungs­kom­mis­si­on und al­le grös­se­ren Par­tei­en – möch­ten, dass im we­nig at­trak­ti­ven Zen­trum beim Bahn­hof end­lich et­was geht. Die Geg­ner – die In­ter­es­sen­ge­mein­schaft Bahn­hof­stras­se so­wie die Grü­nen und die EVP – ma­chen sich Sor­gen um das Orts­bild, wo­bei auch Par­ti­ku­lar­in­ter­es­sen von An­woh­nern mit­spie­len. Be­für­wor­ter und Geg­ner ste­hen sich un­ver­söhn­lich ge­gen­über, wie an der Ge­mein­de­ver­samm­lung vom 18. Sep­tem­ber deut­lich ge­wor­den ist. Dort ha­ben sich die Be­für­wor­ter knapp durch­ge­setzt. Die Ver­samm­lung hat aber auch be­schlos­sen, die Vor­la­ge an die Ur­ne zu ver­wei­sen.

Ein Dorf zwi­schen zwei Ab­stim­mun­gen

Kilchberg steht al­so zwi­schen der Ge­mein­de­ver­samm­lung und dem Ur­nen­gang. Bei­de Sei­ten nut­zen die Zeit bis zur Ab­stim­mung auf ih­re Wei­se. Die Geg­ner ma­chen auf So­ci­al-Me­dia-Ka­nä­len, mit Fly­ern und blau-weis­sen Pla­ka­ten auf ih­re Sicht­wei­se auf­merk­sam. Die Be­für­wor­ter ha­ben sich vor kur­zem zum über­par­tei­li­chen Ko­mi­tee Pro Bahn­hof­stras­se zu­sam­men­ge­schlos­sen. Aus­ser­dem ha­ben fünf Alt-Ge­mein­de­rä­te – Ju­dith Bel­lai­che (GLP), Lo­renz Fel­der (CVP), Je­an-Marc Groh (FDP), Ar­nold Su­ter (SVP) und Chris­toph Zol­lin­ger (Ver­ei­ni­gung der Par­tei­lo­sen) – ei­nen of­fe­nen Brief ge­schrie­ben, in dem sie den Gestal­tungs­plan Bahn­hof­stras­se als Chan­ce für Kilchberg be­zeich­nen. Die­ser wird nächs­te Wo­che in al­le Haus­hal­te ver­teilt. In die­ser auf­ge­la­de­nen At­mo­sphä­re hat die EVP Be­für­wor­ter und Geg­ner zu ei­nem Dis­kus­si­ons­abend ein­ge­la­den. Al­so je­ne Par­tei, wel­che vor der Ge­mein­de­ver­samm­lung noch die Ja-Pa­ro­le her­aus­ge­ge­ben hat­te, an der Ver­samm­lung selbst dann aber er­klär­te, auf­grund neu­er Er­kennt­nis­se zum Nein um­ge­schwenkt zu sein. Be­für­wor­ter sind der Ein­la­dung kei­ne ge­folgt, son­dern nur Kri­ti­ker, rund 60 an der Zahl.

Er­geb­nis­lo­se Ver­hand­lun­gen

Was ist pas­siert? EVP-Prä­si­dent Andre­as Ka­plo­ny sag­te ein­lei­tend, es sei ihm lei­der nicht ge­lun­gen, den Ge­mein­de­rat mit ins Boot zu ho­len. «Wir ha­ben drei Wo­chen ver­han­delt, dann war klar, dass wir uns auf kei­nen Mo­dus ei­ni­gen kön­nen.» Wäh­rend Ka­plo­ny haupt­säch­lich ei­ne Dis­kus­si­on mit dem Pu­bli­kum woll­te, schweb­te dem Ge­mein­de­rat ein stär­ker mo­de­rier­tes Po­di­um vor mit we­ni­ger Raum für die freie Dis­kus­si­on. Ge­mein­de­prä­si­dent Mar­tin Ber­ger (oh­ne Par­tei) sagt auf An­fra­ge, der Ge­mein­de­rat ha­be sich be­reit er­klärt, an der EVPVer­an­stal­tung mit­zu­wir­ken. Auf­grund der im Ver­lauf der Ab­stim­mungs­de­bat­te ge­mach­ten Er­fah­run­gen – Ber­ger spricht von un­sach­li­chen und teil­wei­se re­spekt­lo­sen Kon­fron­ta­tio­nen – ha­be sich der Ge­mein­de­rat ein Min­dest­mass an Rah­men­be­din­gun­gen für den An­lass ge­wünscht: ei­ne Ver­an­stal­tung nach dem Bei­spiel der TV-«Are­na». «Doch die EVP blieb bei ih­rem Kon­zept des lan­gen Dis­kus­si­ons­abends und hat uns wie­der aus­ge­la­den», sagt Ber­ger.

Weil auch an­de­re an­ge­frag­te Ver­tre­ter der Pro-Sei­te ab­sag­ten – dar­un­ter Par­tei­prä­si­den­ten –, blie­ben die Kri­ti­ker un­ter sich. Ver­tre­ten wa­ren ins­be­son­de­re je­ne, die sich Sor­gen um das Orts­bild ma­chen, dar­un­ter Ar­chi­tek­ten, ein Raum­pla­ner und ein Bau­ju­rist. Je­ne, die sich vor al­lem fi­nan­zi­ell an der Kam­pa­gne be­tei­li­gen – laut Ka­plo­ny ha­ben zwei an­onym blei­ben wol­len­de Spen­der die Saal­mie­te für den EVP-Abend über­nom­men –, und die An­woh­ne­rin mit Be­kannt­heits­grad, die an der Ge­mein­de­ver­samm­lung durch poin­tier­te Äus­se­run­gen in Er­schei­nung ge­tre­ten ist, sind dem Abend eben­falls fern­ge­blie­ben.

Dis­kus­si­ons­zeit nicht aus­ge­schöpft

In die­sem Rah­men fand zwar kei­ne brü­cken­schla­gen­de Dis­kus­si­on statt, ei­ne an­re­gen­de aber schon. Zur Spra­che kam nicht nur, was den Geg­nern Sor­ge be­rei­tet, näm­lich die Mas­se des Ge­bäu­des, das drei Voll­ge­schos­se und ein At­ti­ka­ge­schoss um­fas­sen darf, die Ver­kehrs­füh­rung und dass die Be­völ­ke­rung zu we­nig in die Ent­wick­lung des Gestal­tungs­plans ein­be­zo­gen wor­den sei. Zur Spra­che kam auch, was wün­schens­wert wä­re, wenn der Gestal­tungs­plan am 25. No­vem­ber ab­ge­lehnt wer­den soll­te. Es wur­den uto­pi­sche Vor­schlä­ge ein­ge­bracht wie die Über­da­chung der Bahn­glei­se. Aus den Vo­ten her­aus­kris­tal­li­sie­ren las­sen sich ei­ni­ge Kern­punk­te: ers­tens, dass in der Zen­trums­dis­kus­si­on nicht nur auf die en­gen Ver­hält­nis­se zu fo­kus­sie­ren sei, son­dern auch auf die Stär­ke, dass von dort aus näm­lich al­les gut zu Fuss er­reich­bar ist. Da­bei fiel im Zu­sam­men­hang mit dem Ge­bäu­de Bahn­hof­stras­se 12 das Stich­wort Al­ters­woh­nun­gen. Dass zwei­tens im Fall ei­nes Neu­baus an­stel­le ei­nes mas­si­ven Baus an der engs­ten Stel­le bes­ser auf der gan­zen Län­ge der SBB-Glei­se ein schma­le­res Ge­bäu­de mit der Funk­ti­on ei­nes Lärm­rie­gels ge­baut wür­de. Und dass es drit­tens im Fall ei­nes Nein wün­schens­wert wä­re, dass ein öf­fent­li­cher Gestal­tungs­plan aus­ge­ar­bei­tet wür­de.

Da­bei ge­lang es dem Mo­de­ra­tor EVP-Kan­tons­rat To­bi­as Ma­ni aus Wädenswil gut, die Fä­den in der Hand zu be­hal­ten. Doch der Rah­men der Dis­kus­si­ons­teil­neh­mer war so über­schau­bar, dass die Dis­kus­si­on im Plenum nicht ein­mal die vor­ge­se­he­nen zwei St­un­den dau­er­te.

Fo­to: Ma­nue­la Matt

Vie­ler­orts im Dorf hän­gen die blau-weis­sen Pla­ka­te der Geg­ner, die für den Ur­nen­gang vom 25. No­vem­ber ein dop­pel­tes Nein emp­feh­len.

Newspapers in German

Newspapers from Switzerland

© PressReader. All rights reserved.