Schlim­me Vor­bo­ten

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Zürich - Jac­ques Pi­card

In Deutsch­land wur­den vor 80 Jah­ren Sy­nago­gen an­ge­zün­det und Ju­den an­ge­grif­fen – in der Reichs­po­grom­nacht.

REICHS­PO­GROM­NACHT Auch den Schwei­zer Op­fern von Ver­fol­gung und Ho­lo­caust ge­bührt of­fi­zi­ell mo­ra­li­sche An­er­ken­nung und ein Ort des Ge­dächt­nis­ses. An ei­ner Ge­denk­fei­er an die Reichs­po­grom­nacht von 1938 ap­pel­lier­te der His­to­ri­ker Jac­ques Pi­card an die Po­li­tik.

In der Nacht vom 9. auf den 10. No­vem­ber 1938 wur­den in Deutsch­land Sy­nago­gen an­ge­zün­det, Ju­den an­ge­grif­fen, jü­di­sche Ein­rich­tun­gen, Ge­schäf­te und Wohn­häu­ser ge­plün­dert und zer­stört. In Er­in­ne­rung an die Ver­fol­gung der Ju­den durch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, die am 9. No­vem­ber 1938 in der so­ge­nann­ten Reichs­kris­tall­nacht – so der be­schö­ni­gen­de Na­me der NSMacht­ha­ber – ei­nen ers­ten Hö­he­punkt fand, ge­ben wir hier ein öf­fent­li­ches Zei­chen, dass die­ses men­schen­ver­ach­ten­de Un­recht vor 80 Jah­ren nicht ver­ges­sen ist. Da­mals herrsch­te mehr­heit­lich Schwei­gen, Weg­schau­en oder gar of­fe­ne Zu­stim­mung zu den Er­eig­nis­sen – üb­ri­gens auch in den Kir­chen. We­ni­ge nann­ten die Ver­bre­chen beim Na­men. Das Ge­den­ken ist ein Auf­ruf zum In­ne­hal­ten und Nach­den­ken über die da­mals öf­fent­lich ge­wor­de­ne Ver­fol­gung in Deutsch­land, die als­bald im Zei­chen der Kriegs­ex­pan­si­on auf Eu­ro­pa über­griff: Zer­schla­gung von Fens­ter­schei­ben, Zer­stö­rung jü­di­scher Ge­schäf­te und Woh­nun­gen, mehr als 1500 in Flam­men ste­hen­de Sy­nago­gen, Plün­de­rung, Tot­schlag und Mord. Mit der gleich­zei­ti­gen Re­de von ei­ner durch die Ju­den zu be­zah­len­den «Süh­neMil­li­ar­de» wur­de der Auf­takt zu ei­ner ge­ziel­ten Raub­wirt­schaft ge­setzt, die letzt­lich in die Er­mor­dung der Be­raub­ten mün­den soll­te.

Zwei wei­te­re his­to­ri­sche Mo­men­te ge­hö­ren in den Zu­sam­men­hang des Herbsts 1938. Sie ge­hen dem Fa­nal der Po­grom­nacht un­mit­tel­bar vor­an und ma­chen über­dies deut­lich, wie sehr die Er­eig­nis­se im na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land auch die Schweiz be­rührt hat­ten.

«Den Schwei­zer Op­fern ge­bührt ein sicht­ba­res Ge­denk­zei­chen.»

Aus­wei­se mit dem ro­ten J

Ers­tens: Ju­den muss­ten seit dem 23. Ju­li 1938 so­ge­nann­te Kenn­kar­ten bei sich tra­gen, seit dem 17. Au­gust die Zweit­na­men «Is­ra­el» bei Män­nern oder «Sa­ra» bei Frau­en an­neh­men und seit dem 5. Ok­to­ber ih­re Son­der­aus­wei­se mit ei­nem ro­ten J, dem so­ge­nann­ten Ju­den­stem­pel, ab­stem­peln las­sen. Die­se Kenn­zei­chen er­mög­lich­ten schnel­le Ver­haf­tung, De­por­ta­ti­on, flä­chen­de­cken­de Ent­eig­nung und Ab­schie­bung. Der J-Stem­pel wur­de auf­grund ei­nes Ab­kom­mens zwi­schen der Schweiz und Deutsch­land ein­ge­führt, geht aber auf ei­nen Vor­schlag der deut­schen Be­hör­den zu­rück, ei­ne Ein­füh­rung der vom Schwei­zer Bun­des­rat ver­lang­ten Vi­sums­pflicht für sämt­li­che Reichs­an­ge­hö­ri­gen zu ver­mei­den. Die Schweiz ver­zich­te­te auf ei­ne in der Ver­ein­ba­rung re­zi­prok vor­ge­se­he­ne spe­zi­el­le Kenn­zeich­nung der Päs­se von Schwei­zer Ju­den. Hin­ge­gen soll­te ge­fähr­de­ten Ju­den die Ein­rei­se in die Schweiz oh­ne vor­he­ri­ge spe­zi­el­le An­trag­stel­lung und Be­wil­li­gung ver­wehrt blei­ben.

Dies um­ging der St. Gal­ler Po­li­zei­kom­man­dant Haupt­mann Grü­nin­ger, als er von 1938 bis 1939 meh­re­re Hun­dert jü­di­sche und an­de­re Flücht­lin­ge ret­te­te, in­dem er ih­nen durch Vor­da­tie­rung der Ein­rei­se­vi­sa oder Fäl­schung an­de­rer Do­ku­men­te die Ein­rei­se in die Schweiz er­mög­lich­te. Zwei­tens: Im Ju­li 1938 ka­men 32 Staa­ten­de­le­ga­tio­nen so­wie Hilfs­wer­ke in Evi­an zu­sam­men, um über die Be­wäl­ti­gung stei­gen­der Flücht­lings­zah­len aus Deutsch­land und Ös­ter­reich zu be­ra­ten.

Die Schwei­zer Re­gie­rung be­fürch­te­te, ein Tref­fen am Sitz des Völ­ker­bunds in Genf kön­ne ihr Ver­hält­nis zum na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Deutsch­land trü­ben, und so tra­fen sich die De­le­gier­ten im na­he ge­le­ge­nen fran­zö­si­schen Evi­an-les-Bains. Die Kon­fe­renz en­de­te weit­ge­hend er­geb­nis­los, da sich, mit Aus­nah­me der Do­mi­ni­ka­ni­schen Re­pu­blik, al­le Teil­neh­mer­staa­ten wei­ger­ten, mehr jü­di­sche Flücht­lin­ge auf­zu­neh­men. Die Bri­ten hat­ten im No­vem­ber 1937 oh­ne­hin für Pa­läs­ti­na ri­gi­de Auf­nah­me­be­schrän­kun­gen er­las­sen, ob­wohl sie 20 Jah­re zu­vor den Ju­den ei­ne «na­tio­na­le Heim­stät­te» zu­ge­sagt hat­ten.

Mo­ra­li­sche Ka­ta­stro­phe

Der Aus­gang der Kon­fe­renz von Evi­an war ei­ne mo­ra­li­sche Ka­ta­stro­phe, er­mun­ter­te dies doch die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, ih­re Po­li­tik wei­ter­zu­füh­ren. Deutsch­land bie­te der Welt sei­ne Ju­den an, aber kei­ner wol­le sie ha­ben, schrieb der «Völ­ki­sche Be­ob­ach­ter» hä­misch.

Was die Schweiz be­trifft, so hat­te sie sich, zu­sam­men mit an­de­ren Staa­ten, in völ­ker­recht­li­cher Hin­sicht in ei­nem Ar­ran­ge­ment vom Ju­li 1936 be­tref­fend den Rechts­sta­tus von Flücht­lin­gen aus Deutsch­land im­mer­hin da­zu ver­pflich­tet, kei­ne Rück­schaf­fun­gen von Ver­folg­ten vor­zu­neh­men, wo­mit deut­lich wird, dass ei­ne Aus­wei­sung oder Aus­hän­di­gung von Flüch­ten­den als völ­ker­rechts­wid­rig gel­ten konn­te. Ge­ra­de die­se Ein­bin­dung in ein da­mals noch pro­vi­so­risch gel­ten­des, aber völ­ker­recht­lich an­ge­leg­tes Ar­ran­ge­ment mag uns Heu­ti­gen zei­gen, was sich aus ei­ner oft und gern be­schwo­re­nen «Leh­re aus der Ge­schich­te» be­zie­hen lässt, wenn in Re­den die Vo­ka­beln «Er­in­ne­rung», «Ge­dächt­nis» oder «Ge­rech­tig­keit» als ei­ne ho­he Ma­xi­me für Po­li­tik, Ge­sell­schaft und Bil­dung her­vor­ge­ho­ben wer­den. Da­zu drei Punk­te.

Ers­tens: Das seit­her ent­wi­ckel­te neue Völ­ker­recht hat das mensch­li­che In­di­vi­du­um und sei­ne Schutz­wür­dig­keit ins Zen­trum ge­stellt, und nicht mehr al­lein und ein­zig die Be­zie­hun­gen zwi­schen sou­ve­rä­nen Staa­ten oder den Schutz ei­ner Min­der­heit als Kol­lek­tiv. Das hu­ma­nis­ti­sche Völ­ker­recht kommt in der Er­klä­rung der all­ge­mei­nen und un­teil­ba­ren Men­schen­rech­te zum Aus­druck. Der Krieg ge­gen ein ver­bre­che­ri­sches Re­gime des ge­setz­li­chen Un­rechts ka­ta­ly­sier­te die Idee der Men­schen­rech­te, wie sie seit der Zeit Im­ma­nu­el Kants und Mo­ses Men­dels­sohns all­mäh­lich aus­for­mu­liert wur­den, in ei­ne uni­ver­sa­le Er­klä­rung, in­ter­na­tio­nal ver­bind­li­che Nor­men zu schaf­fen. Wer aber bloss den Vor­rang ei­ner Ge­mein­schaft – «We First» – in ab­so­lu­ter, sich sel­ber aus­er­wäh­len­der Po­si­tio­nie­rung be­haup­tet, leis­tet dem Göt­zen­dienst Vor­schub.

Mensch­li­cher Hor­ror

Er­in­nern wir uns an die Wor­te von Isaiah Ber­lin: Die Not­wen­dig­keit ge­setz­li­cher Moral liegt nicht im Glau­ben an die mensch­li­che Ver­nunft, wo­zu es kei­nen An­lass gab und gibt, son­dern ein­fach in der Er­in­ne­rung an den mensch­li­chen Hor­ror. Men­schen­rech­te samt ih­ren spe­zi­fi­schen Nor­men be­ste­hen al­so nicht we­gen, son­dern ge­gen die spe­zi­fi­sche Na­tur des Men­schen, die letzt­lich in­dif­fe­rent ge­gen­über dem an­dern ist. Sie ent­ste­hen aus his­to­risch-po­li­ti­schen Grün­den, aus den «Zeug­nis­sen der Furcht», und nicht aus uto­pi­schen An­sprü­chen re­li­giö­ser, eth­ni­scher, ideo­lo­gi­scher, ge­schlecht­li­cher oder kul­tu­rel­ler Art, die na­tur­ge­mäss im­mer par­ti­ku­lar blei­ben müs­sen. Zwei­tens: Die Be­deu­tung des Staa­tes Is­ra­el ist ei­ne wei­te­re Leh­re aus der Ge­schich­te. Die eu­ro­päi­schen Ju­den ver­füg­ten, als 1938 die Sy­nago­gen brann­ten, über kei­ne staat­li­che Sou­ve­rä­ni­tät, die sich ih­rer als schüt­zen­de Macht und als si­che­rer Ha­fen hät­te an­neh­men kön­nen. Kon­traf­ak­tisch ge­spro­chen: Hät­te es den Staat Is­ra­el, wo auch im­mer auf der Welt, in den 1930er-Jah­ren ge­ge­ben, so wä­ren die Reich­s­päs­se deut­scher Ju­den nicht mit den Vor­na­men «Is­ra­el» und «Sa­ra» ge­kenn­zeich­net wor­den, und die Ge­schich­te hät­te mög­li­cher­wei­se ei­nen an­de­ren Ver­lauf be­züg­lich eu­ro­päi­scher Ju­den­po­li­tik ge­nom­men. Aber das muss Spe­ku­la­ti­on blei­ben.

Kei­ne Ge­dächt­nis­stät­te

Von Be­deu­tung ist, dass der Staat Is­ra­el mit den Er­eig­nis­sen, de­ren Op­fer wir heu­te ge­den­ken, in ge­schicht­li­chem Zu­sam­men­hang steht. Das zeigt sich schon da­rin, dass die Knes­set ei­ne Um­keh­rung der Nürn­ber­ger Ge­set­ze von 1936 selbst­be­wusst vor­ge­nom­men hat: Je­der, der nur ei­nen jü­di­schen Gros­s­el­tern­teil hat, ob männ­lich oder weib­lich, ist dem­nach als schutz­su­chen­der Ein­wan­de­rer will­kom­men.

Aus eben den­sel­ben und sehr gu­ten Grün­den ist die Exis­tenz des Staa­tes Is­ra­el auf völ­ker­recht­li­chen Grund­sät­zen ge­baut, die für al­le sei­ne Bür­ge­rin­nen und Bür­ger den Ma­xi­men der Men­schen­wür­de, der Frei­heit und der Gleich­heit fol­gen sol­len, wie dies im Wort­laut der Un­ab­hän­gig­keits­er­klä­rung von 1948 er­wähnt wird. Wer die­se Ma­xi­me ver­kennt, ver­kennt er­in­ne­rungs­po­li­tisch den Mass­stab für die so ger­ne be­schwo­re­nen «Leh­ren aus der Ver­gan­gen­heit».

Drit­tens: Es le­ben un­ter uns die Über­le­ben­den der Shoah und des Ho­lo­caust, zu­meist in die Schweiz ge­kom­men nach dem Krieg. Ihr Schick­sal und das der Er­mor­de­ten trifft uns mit­ten ins Herz! Es le­ben un­ter uns auch all je­ne Schwei­zer, die seit 1933 Op­fer der na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­fol­gung ge­wor­den sind – ob jü­disch oder nicht­jü­disch, ob als Schwei­zer Bür­ger oder Nie­der­ge­las­se­ne in die­sem Land auf­ge­wach­sen. Ih­nen die ge­büh­ren­de mo­ra­lisch-po­li­ti­sche An­er­ken­nung zu­kom­men zu las­sen, ist ei­ne not­wen­di­ge of­fi­zi­el­le und öf­fent­li­che Ges­te, ih­nen wie ih­ren Nach­fah­ren ge­gen­über.

Lei­der gibt es hier­zu­lan­de kei­ne eid­ge­nös­si­sche Ge­dächt­nis­stät­te, wel­che die­se Op­fer er­fas­sen und an sie er­in­nern wür­de. Die Schweiz hat es im Jahr ih­rer Prä­si­dent­schaft (2017–2018) der In­ter­na­tio­na­len Ho­lo­caust Re­mem­bran­ce Al­li­an­ce (IHRA) ver­passt, den er­mor­de­ten oder über­le­ben­den Schwei­zer Op­fern der NS-Ver­fol­gung Auf­merk­sam­keit und An­er­ken­nung zu schen­ken. Den Schwei­zer Op­fern von Ver­fol­gung und Ho­lo­caust ge­büh­ren of­fi­zi­ell ei­ne hör­bar aus­ge­spro­che­ne mo­ra­li­sche An­er­ken­nung und ein sicht­ba­res Ge­denk­zei­chen sei­tens des Bun­des­ra­tes.

Fo­to: CPA Me­dia, Pic­tu­res from His­to­ry

80. Jah­res­tag der Reichs­po­grom­nacht:Die bren­nen­de Sy­nago­ge am Bör­ne­platz in Frank­furt am Main in der Nacht vom 9. auf den 10. No­vem­ber 1938.

Fo­to: PD

Jac­ques Pi­card

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