3 Mil­lio­nen Fran­ken an Pro­vi­sio­nen von Kran­ken­kas­se er­tro­gen

Wäh­rend gut drei­er Jah­re ha­ben acht Mit­ar­bei­ter ei­ner Kran­ken­kas­se Lü­cken im Sys­tem aus­ge­nützt. Sie ha­ben über 20 000 Mu­ta­tio­nen in Lis­ten vor­ge­nom­men und so il­le­gal mehr als drei Mil­lio­nen Fran­ken an Pro­vi­sio­nen ein­ge­stri­chen.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Zürich - Patrick Gut

Schliesst je­mand ei­ne Ver­si­che­rung via ei­nen Ver­tre­ter ab, flies­sen Pro­vi­sio­nen. Das ist ein üb­li­ches Ge­schäfts­mo­dell. Der Lei­ter des Zürcher Ser­vice­cen­ters ei­ner Kran­ken­kas­se hat sich die­ses Sys­tem zu­nut­ze ge­macht. In sei­ner Funk­ti­on hat­te er Zu­griff auf sämt­li­che Neu­ab­schlüs­se der Ver­si­che­rung.

In den in­ter­nen Kun­den­da­tei­en der be­trof­fe­nen Kran­ken­kas­se ist je­weils an­ge­ge­ben, wer die Ver­si­che­rung ver­mit­telt hat und folg­lich ei­ne Pro­vi­si­on er­hält. Et­li­che Men­schen mel­den sich aber di­rekt bei der Kran­ken­kas­se an, bei­spiels­wei­se über ei­ne In­ter­net­sei­te. Im Ein­ga­be­feld der in­ter­nen Kun­den­mas­ke ist dann je­weils ei­ne «0 kein Ver­mitt­ler» ein­ge­tra­gen.

Als der heu­te 39-jäh­ri­ge Lei­ter des Ser­vice­cen­ters in ei­ne fi­nan­zi­el­le Not­la­ge ge­ra­ten war, kam er 2010 auf die Idee, er könn­te sich ei­nen Zu­satz­ver­dienst ver­schaf- fen. Dies, in­dem er die in­ter­nen Lis­ten mit den neu­en Ver­si­che­rungs­ab­schlüs­sen ma­ni­pu­lier­te. Er war al­ler­dings auf die Mit­hil­fe von Ver­si­che­rungs­ver­tre­tern an­ge­wie­sen. Schliess­lich muss­te man sol­che in die Lis­te ein­tra­gen.

Bar­be­kannt­schaft an­ge­stif­tet

Die Sa­che funk­tio­nier­te im­mer nach ei­nem ähn­li­chen Mus­ter. Im Som­mer 2010 lern­te er in der Zürcher Lam­ba­da-Bar bei­spiels­wei­se ei­nen Mann ken­nen, der sich gera­de als Ver­si­che­rungs­be­ra­ter selbst­stän­dig ge­macht hat­te.

Der Lei­ter des Ser­vice­cen­ters – er ist in die­sem Kri­mi­nal­fall der Haupt­be­schul­dig­te – er­zähl­te sei­ner neu­en Be­kannt­schaft, er hät­te ei­ne Idee für ihn, mit der man so rich­tig Geld ma­chen könn­te. Sie wür­den Kun­den, die sich di­rekt bei der Kran­ken­kas­se an­mel­de­ten, über des­sen Ver­mitt­ler­num­mer lau­fen las­sen. Die so ge­ne­rier­ten Pro­vi­sio­nen wür­den sie hälf­tig un­ter­ein­an­der auf­tei­len. Im No­vem­ber 2010 war man so weit und star­te­te mit dem Pro­jekt.

Es blieb al­ler­dings nicht beim Lei­ter des Ser­vice­cen­ters und sei­nem Be­kann­ten. Schon bald schlug der Haupt­be­schul­dig­te sei­nem Mit­tä­ter vor, ei­ne Mit­ar­bei­te­rin des Zürcher Ser­vice­cen­ters mit ins Boot zu ho­len. Die­se nahm künf­tig die meis­ten Mu­ta­tio­nen in den in­ter­nen Lis­ten vor. Sie er­hielt von ih­rem Vor­ge­setz­ten da­für rund 800 Fran­ken im Mo­nat.

Die Ver­si­che­rung hielt zwar je­weils ei­nen Teil der Pro­vi­sio­nen als Si­cher­heit zu­rück, dem il­le­ga­len Trei­ben im Zürcher Ser­vice­cen­ter kam man aber lan­ge Zeit nicht auf die Sch­li­che. Die Sa­che lief of­fen­sicht­lich gut für den Chef, und er spann­te sei­nen Stell­ver­tre­ter und wei­te­re ex­ter­ne Kol­le­gen in das lu­kra­ti­ve Bu­si­ness­mo­dell mit ein.

Nacht­club­be­sit­zer mach­te mit

Schliess­lich hat er laut An­kla­ge­schrift auch den Be­sit­zer ei­nes ehe­ma­li­gen Rot­lich­te­ta­blis­se- ments im Zürcher Kreis 4 in­vol­viert. Die­sem schul­de­te er 60 000 Fran­ken. Er soll ihn über­re­det ha­ben, ei­ne Aus­bil­dung als Ver­si­che­rungs­ver­tre­ter zu ma­chen und ei­ne Fir­ma zu grün­den. So kön­ne er eben­falls von dem il­le­ga­len Sys­tem pro­fi­tie­ren.

Zwi­schen No­vem­ber 2010 und März 2014 nahm die Ban­de 20 656 Mu­ta­tio­nen in den Lis­ten der Kran­ken­kas­se vor. Da­für lies­sen sich die Be­tei­lig­ten rund 3,1 Mil­lio­nen Fran­ken an Pro­vi­sio­nen aus­zah­len. Der Haupt­tä­ter al­lein er­gau­ner­te für sich mehr als ein Drit­tel der Sum­me – gut 1,25 Mil­lio­nen Fran­ken. Das sind knapp 30 800 Fran­ken pro Mo­nat.

Ab­ge­kürz­te Ver­fah­ren

Der Haupt­tä­ter kas­sier­te pro Mo­nat über 30 000 Fran­ken un­ge­recht­fer­tig­te Pro­vi­sio­nen. Aus der An­kla­ge­schrift

An­fang No­vem­ber ste­hen sie­ben der heu­te 30- bis 51-jäh­ri­gen Be­schul­dig­ten vor dem Zürcher Be­zirks­ge­richt. In fünf Fäl­len kommt es zu ei­nem ab­ge­kürz­ten Ver­fah­ren. Staats­an­walt­schaft und Be­schul­dig­te ha­ben sich al­so ge­ei­nigt. In die­sen Fäl­len muss das Ge­richt den De­al noch ab­ni­cken. Die Ver­hand­lun­gen sind auf le­dig­lich 30 Mi­nu­ten an­ge­setzt.

Der Ser­vice­stel­len­lei­ter be­kommt ei­ne Frei­heits­stra­fe von 36 Mo­na­ten, wo­bei de­ren neun voll­zo­gen werden. Ein wei­te­rer Be­schul­dig­ter soll für acht Mo­na­te ins Ge­fäng­nis. Die üb­ri­gen Stra­fen werden al­le­samt be­dingt aus­ge­spro­chen.

Der ehe­ma­li­ge Nacht­club­be­sit­zer und ein wei­te­rer Be­schul­dig­ter ha­ben sich mit der Staats­an­walt­schaft nicht ge­ei­nigt. In­wie­weit sie ge­stän­dig sind, geht aus den An­kla­ge­schrif­ten nicht her­vor.

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