Zom­bies und Merd­re

Kein Lob für die­sen Zer­stö­rungs­hu­mor: Alex­an­der Ei­se­nach ver­hack­stückt im Zürcher Thea­ter Ne­u­markt Al­f­red Jar­rys «Kö­nig Ubu».

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Kultur & Gesellschaft - Ste­fan Busz

Ei­gent­lich müss­te sie «Scheit­ze!» sa­gen, «Scheit­ze!» wie «Schois­se!» oder «Schreis­se!», je nach Farb­ton der Über­set­zung von Al­f­red Jar­rys «merd­re», der Ver­ball­hor­nung des Worts «mer­de», mit dem sein Stück «Kö­nig Ubu» so knal­lig be­ginnt. Ma­rie Bon­net sagt bei ih­rem Auf­tritt aber nur lei­se «Scheis­se» und fügt oh­ne Nach­druck gleich an­de­re Wör­ter an. Ihr Ka­ta­log geht von Mist, Ka­cke, Ar­sch­loch, Blöd­mann, Idi­ot, Trot­tel bis zu Volks­ver­rä­ter, Misch­ehe, Mos­lem, Fid­ji, Ne­ger, und bei je­dem Wort lä­chelt Bon­net in sich hin­ein: Tönt das al­les nicht furcht­bar harm­los? Schon tritt, oh­ne dass et­was be­gon­nen hät­te, die Büh­nen­po­li­zei in Ak­ti­on. Zwei Sta­ge-WatchMän­ner in Schwarz schlep­pen die Frau ab und bit­ten das lie­be Pu­bli­kum um Ent­schul­di­gung: Das S-Wort dür­fe man doch heu­te auf kei­ner Büh­ne mehr sa­gen.

Gleich wird ein po­li­tisch kor­rek­tes Al­ter­na­tiv­pro­gramm an­ge­spielt, es heisst «Der gu­te Sol­dat Schwe­jk», die Tex­te aber sind aus «Ham­let», «Wil­helm Tell», «Rot­käpp­chen». Erst beim drit­ten An­lauf kann sich Bon­net auf der Büh­ne ge­gen die Blöd­män­ner be­haup­ten, lang­sam nimmt sie die Rol­le von Va­ter Ubu an. Aus ihr bricht jetzt je­der Buch­sta­be von «Scheis­se» her­aus, als wür­de das Wort ei­ne Steiss­ge­burt be­deu­ten. Da ist aber schon ei­ne Vier­tel­stun­de von Alex­an­der Ei­se­nachs «Kö­nig Ubu»-Ins­ze­nie­rung im Thea­ter Ne­u­markt vor­bei, man könn­te auch sa­gen: völ­lig sinn­los ver­spielt.

Bei der Urauf­füh­rung von Al­f­red Jar­rys «Roi Ubu» 1896 im Théât­re de l’OEu­vre in Pa­ris funk­tio­nier­te der An­fang noch an­ders. Da brauch­te es nur ein Wort, und das Pu­bli­kum ge­riet in Ra­ge. Das «merd­re» wirk­te wie ein Ur­knall, und das Stück sel­ber spreng­te je­de Thea­ter­kon­ven­ti­on der da­ma- li­gen Zeit. Der Weg in die Mo­der­ne lag of­fen – be­son­ders mit der mons­trö­sen Fi­gur von Va­ter Ubu, der, um sei­nen Arsch auf den Thron zu set­zen, so ziem­lich al­les, was sich in sei­nen Weg stell­te, in zwei oder mehr Tei­le schlug. Jar­rys Far­ce war ein Wurf, Kas­per­li­thea­ter und me­ta­phy­si­sches Dra­ma zugleich.

Auf Irr­we­gen

In Stü­cke hat auch Re­gis­seur Alex­an­der Ei­se­nach «Kö­nig Ubu» zer­schla­gen, auch wenn er die al­te Ge­schich­te re­la­tiv li­ne­ar er­zählt: von Va­ter Ubu, der auf Drän­gen sei­ner Frau den Kö­nig von Po­len tö­tet und ein Ter­ror­re­gime er­rich­tet. Er li­qui­diert fröh­lich den gan­zen Adel und führt sehr ho­he Steu­ern ein, bald hat auch das Volk, das am An­fang noch Ge­schen­ke krieg­te, nichts mehr zu la­chen. Ei­se­nach will aber in sei­ner zwei­ten Ar­beit für das Thea­ter Ne­u­markt noch von viel mehr er­zäh­len und fügt Pas­sa­gen aus Hei­ner Mül­lers «Ger­ma­nia Tod in Ber­lin», von Sha­ke­speare und auch ei­ge­ne Tex­te ein. Er of­fe­riert Kö­nig Ubu, der am liebs­ten Le­ber­wurst isst, ein er­wei­ter­tes Me­nü.

Blu­men­kohl in Scheis­se ge­hört, wie im Ori­gi­nal, da­zu. Den Brei müs­sen die Schau­spie­le­rin- nen und Schau­spie­ler ganz kon­kret aus­löf­feln: Ma­rie Bon­net, Si­mon Bru­sis, Mi­ro Mau­rer, In­golf Mül­ler-Beck, Sa­rah San­deh, die sich al­le Rol­len tei­len, tun dies mit kin­di­scher Lust. Von Jar­ry geht es so auf das de Sa­de/Pa­so­li- ni-Ge­biet, im­mer wei­ter auf der «Ti­me­li­ne der ewi­gen Wie­der­kehr der Ge­walt», wie es im Pro­gramm­heft heisst, bis zum Ter­ror heu­te. Der Weg ist, wie die Schau­spie­ler auch in ei­nem Lied sin­gen, kein ein­fa­cher, sie stol­pern durch die Hand­lung und ver­lie­ren sich oft im Spiel: «Hä, wer sind wir ei­gent­lich», fra­gen sich Va­ter Ubu, Mut­ter Ubu und Co. Es sind, zeigt sich am Schluss, recht hirn­lo­se Zom­bies.

Im Elend

Manch­mal ma­chen sich al­le auf der Büh­ne über Al­f­red Jar­ry lus­tig, wie man sich über ihn, den ver­schro­be­nen Mann, der mit nur 34 Jah­ren im Elend starb, im­mer lus­tig ge­macht hat: Aus al­len Roh­ren wird in ei­ner Pro­jek­ti­on ge­gen ihn ge­schos­sen. In die­ser Ins­ze­nie­rung kommt aber nie­mand um. Man schläft ein­fach ein, trotz al­len Lärms, der auf die­ser Büh­ne ist. Gu­te Nacht, Kö­nig Ubu.

Fo­to: Ju­dith Schlos­ser

Hei­li­ge Schreis­se: Fa­mi­lie Ubu un­ter­wegs.

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