Neu­es Buch über De­menz

Die Dia­ko­nis­se Bri­git­ta Schrö­der setzt sich für ei­nen neu­en Um­gang mit De­menz ein.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Vorderseite - Phil­ip­pa Schmidt

«Mar­tha, du nervst!». So scho­nungs­los di­rekt lau­tet der Ti­tel ei­nes neu­en Bu­ches, in wel­chem es um De­menz geht. «Es ist wich­tig, dass er pro­vo­zie­rend ist», sagt Bri­git­ta Schrö­der. Sie wird in dem von Jour­na­lis­tin Fran­zis­ka Mül­ler ge­schrie­be­nen Buch por­trä­tiert. The­ma ist, wie sie ih­re Freun­din Mar­tha Sol­tek pfleg­te, als die­se de­ment wur­de. Die­se Er­fah­rung war für Schrö­der der Aus­gangs­punkt, wei­ter­hin De­men­te in ei­ner Se­nio­ren­re­si­denz zu be­glei­ten. Zu­dem stu­dier­te sie im hö­he­ren Al­ter noch Ge­ron­to­lo­gie und Ger­ago­gik. Heu­te ist ihr Na­me ein Be­griff in Fach­krei­sen. Die 83-Jäh­ri­ge hat ver­schie­de­ne Sach­bü­cher zu De­menz ver­öf­fent­licht und wur­de mit dem deut­schen Bun­des­ver­dienst­kreuz so­gar für ihr En­ga­ge­ment ge­ehrt.

«Das Bun­des­ver­dienst­kreuz soll­ten ei­gent­lich die An­ge­hö­ri­gen be­kom­men, nicht ich», sagt Schrö­der in be­stimm­tem Ton da­zu. Die Dia­ko­nis­se, die dem Dia­ko­nie­werk Ne­u­müns­ter an­ge­hört, sagt, was sie denkt – lässt da­bei aber im­mer wie­der ih­ren Hu­mor durch­blit­zen. In ei­nem Punkt ist sie beim Tref­fen mit der Jour­na­lis­tin im Dia­ko­nie­werk in Zollikerberg klar: «Es geht um die Sa­che, nicht um mich.»

Be­geg­nung auf Au­gen­hö­he

Mar­tha ha­be sie manch­mal ge­nervt, bis sie ge­merkt ha­be, dass sie sich um­stel­len müs­se, er­zählt Schrö­der heu­te, wenn sie an die zwei Jah­re zu­rück­denkt, in de­nen sie ih­re Freun­din vor de­ren Tod be­treut hat. Blick­rich­tungs­wech­sel nennt sie die­se Form von Selbst­re­fle­xi­on und Ei­gen­ver­ant­wor­tung. «Wir las­sen uns von Men­schen mit De­menz ver­let­zen, da­bei ge­schieht al­les, was sie tun, oh­ne Ab­sicht», stellt sie klar und ver­gleicht De­men­te mit An­ar­chis­ten, be­zeich­net sie aber auch als Pio­nie­re in Sa­chen Men­sch­lich­keit. Sie sei­en au­then­tisch: Man kön­ne viel von Men­schen mit De­menz ler­nen.

Für Bri­git­ta Schrö­der ist klar, dass im Um­gang mit De­menz in un­se­rer Ge­sell­schaft ei­ni­ges im Ar­gen liegt. «Wir müs­sen Men­schen mit De­menz auf Au­gen­hö­he be­geg­nen», be­tont sie. De­ment zu sein, das ist für die Dia­ko­nis­se kei­ne Krank­heit, son­dern ein Zu­stand, in wel­chem sich die Be­trof­fe­nen auf ei­ner an­de­ren Ebe­ne be­fin­den. «Es ist, als wä­ren wir ‹Ge­sun­den› auf dem Fest­land, wäh­rend die Men­schen mit De­menz sich auf ei­ner In­sel be­fin­den.» Man sa­ge ih­nen, dass sie zu­rück­kom­men soll­ten, er­klärt Schrö­der. Aber sie könn­ten nicht zu­rück. Sie wählt des­we­gen ei­nen an­de­ren An­satz: «Ich ge­he auf die In­sel und ent­de­cke, was es dort Schö­nes gibt.» Wich­tig sei es, De­men­te an un­se­rem Le­ben teil­ha­ben zu las­sen.

Da­bei ist sie auch für un­kon­ven­tio­nel­le Vor­ge­hens­wei­sen im Um­gang mit den Be­trof­fe­nen. So ste­cken für Schrö­der vie­le Chan­cen in den neu­en Tech­no­lo­gi­en. Um dies zu ver­deut­li­chen, zückt sie kur­zer­hand ihr iPad und zeigt auf Bil­dern, wie Ro­bo­ter bei der Be­treu­ung ein­ge­setzt wer­den. «Vie­le Leu­te fin­den das schreck­lich, aber die De­men­ten selbst sind sehr auf­ge­schlos­sen ge­gen­über Ro­bo­tern», schil­dert sie ih­re Er­fah­run­gen. «Sie wer­den von die­sen an­ge­nom­men und nicht von ih­nen be­wer­tet und be­ur­teilt.»

Er­klä­ren, aber nicht er­zie­hen

An­de­ren Ent­wick­lun­gen bei der Be­treu­ung De­men­ter kann sie hin­ge­gen nichts ab­ge­win­nen. Da­von, dass in Pfle­ge­zen­tren nach­ge­bil­de­te Bus­sta­tio­nen ein­ge­rich­tet wer­den, an de­nen die Men­schen war­ten, oh­ne dass je ein Bus kommt, hält sie gar nichts. Mit ei­ner sol­chen Mass­nah­me neh­me man die De­men- ten nicht ernst. «Zwar muss man den Be­trof­fe­nen vie­les er­klä­ren, als wä­ren sie Kin­der, aber sie brau­chen und wol­len kei­ne Er­zie­hung», stellt sie klar.

Dass die Be­treu­ung und das Zu­sam­men­le­ben mit Men­schen mit De­menz hart sein kann, ver­neint Schrö­der da­bei kei­nes­wegs. «Der Weg ist schwer, aber erst wenn ich ein halb lee­res statt ein halb vol­les Glas ha­be, wird er un­er­träg­lich.» Ih­re Schil­de­run­gen las­sen er­ah­nen, dass die Be­treu­ung der Freun­din auch für sie man­ches Mal schwie­rig war.

Kor­sett für ei­ne Qu­er­den­ke­rin

Wie die bei­den Frau­en sich Jahr­zehn­te zu­vor ken­nen ge­lernt ha­ben, ist eben­falls The­ma des Bu­ches. Bri­git­ta Schrö­der war 1974 als Obe­rin und Pfle­ge­di­rek­to­rin an ein Spi­tal der evan­ge­li­schen Huys­sens-Stif­tung im deut­schen Es­sen be­ru­fen wor­den. Dort lern- te sie als­bald Mar­tha Sol­tek ken­nen, die als Frei­wil­li­ge half. Wel­che spe­zi­el­le Ver­bin­dung die bei­den hat­ten, ver­deut­licht das Ka­pi­tel, in dem Schrö­der be­schreibt, wie Sol­tek sie da­zu über­re­de­te, ein Kor­sett zu kau­fen, da­mit ih­re Kör­per­hal­tung ei­ner Au­to­ri­täts­per­son ent­spre­che. «Bei der Wahl hat­te ich nicht viel zu mel­den, denn sie wuss­te ge­nau, was ich be­nö­tig­te», steht da zu le­sen, und wei­ter: «Wenn ich mich künf­tig in mei­ner Tracht im Spie­gel be­trach­te­te, sah ich ei­ne Frau mit sehr ge­ra­dem Rü­cken und ge­straff­ten Schul­tern.»

In Es­sen wohnt Schrö­der, die einst ge­gen den Wil­len ih­rer Fa­mi­lie mit 23 Jah­ren Dia­ko­nis­se in Zollikerberg wur­de, noch im­mer. Dass die räum­li­che Dis­tanz zur Schwes­tern­schaft für sie als «Qu­er­den­ke­rin» wich­tig war, schim­mert so­wohl beim Le­sen des Bu­ches als auch im Ge­spräch durch. Schrö­der be­tont aber auch, dass die Schwes­tern­schaft ihr sehr viel Halt ge­be. Fast mo­nat­lich schaut sie in Zollikerberg vor­bei. Und auch ih­ren Le­bens­abend will sie im Dia­ko­nie­werk ver­brin­gen. «Ich bin dann in bes­ten Hän­den und muss nicht ein­mal da­für zah­len», sagt sie mit ei­nem ver­schmitz­ten La­chen. Das sei nicht selbst­ver­ständ­lich. Zum Schluss des Ge­sprächs kommt sie auf Mar­tha zu­rück. Mit der Zeit sei die Freun­din ver­stummt, aber auch Ver­stumm­te hät­ten ganz viel zu sa­gen, ist Bri­git­ta Schrö­der über­zeugt. «Mar­tha hat­te bis zu­letzt im­mer wie­der ge­nuss­vol­le Mo­men­te.» «Mar­tha, du nervst – Von ei­nem an­de­ren Um­gang mit De­menz» von Fran­zis­ka Mül­ler, er­schie­nen im Wör­ter­seh­Ver­lag. Mehr In­fos auf Bri­git­ta Schrö­ders Web­site: www.de­menz­ent­de­cken. de

Fo­to: Ma­nue­la Matt

Dia­ko­nis­se Bri­git­ta Schrö­ders En­ga­ge­ment für Men­schen mit De­menz wird im Buch «Mar­tha, du nervst!» the­ma­ti­siert.

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