Plä­doy­er ge­gen die Ver­jäh­rung

Vor 42 Jah­ren wur­de am Ru­men­see ob Küs­nacht ei­ne Frau­en­lei­che ge­fun­den. Das Ver­bre­chen ist bis heu­te un­ge­klärt und seit 2006 ver­jährt. Nun hat sich der Ju­rist Wal­ter Hau­ser für sein neu­es­tes Buch des Falls an­ge­nom­men. Dar­in for­dert er die Ab­schaf­fung der

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Vorderseite - Fa­bi­en­ne Senn­hau­ser

Sen­dun­gen mit dem Na­men «Ak­ten­zei­chen XY un­ge­löst» oder «Un­ge­klärt – Mord ver­jährt nicht» fes­seln seit je­her die Men­schen. Ge­bannt sit­zen sie vor dem Fern­se­her, ver­fol­gen die Re­kon­struk­tio­nen der un­ge­lös­ten Mord­fäl­le und lei­den mit den Hin­ter­blie­be­nen mit. So geht es auch dem Au­tor und Prä­si­den­ten der An­na-Göl­di-Stif­tung Wal­ter Hau­ser. In sei­nem jüngs­ten Buch wid­met sich der 61-Jäh­ri­ge dar­um zwölf un­ge­klär­ten Mor­den. Dar­un­ter ist auch das Tö­tungs­de­likt an der Un­ter­neh­mer­gat­tin Ma­rie-An­ne Rün­zi, das sich 1976 in Küs­nacht er­eig­ne­te. Wäh­rend über vier Jah­ren hat der ehe­ma­li­ge Kan­tons­rich­ter und Jour­na­list an sei­nem Buch ge­ar­bei­tet und da­bei zahl­rei­che Ge­sprä­che mit An­ge­hö­ri­gen, Zeu­gen und Tat­ver­däch­ti­gen ge­führt. Ent­stan­den ist ein flam­men­des Plä­doy­er ge­gen die Ver­jäh­rung von Mord. fse

14. Ja­nu­ar 1976: Stras­sen­ar­bei­ter fin­den in un­weg­sa­mem Ge­län­de beim Ru­men­see in Küs­nacht die Lei­che ei­ner Frau. Sie ist nur leicht be­klei­det, trägt we­der Schu­he noch Ja­cke, und auch von ei­ner Ta­sche fehlt je­de Spur. Bald schon wird klar: Bei der To­ten han­delt es sich um die seit vier Ta­gen ver­miss­te Ehe­frau des er­folg­rei­chen Zu­mi­ker Un­ter­neh­mers und Heiss­luft­bal­lon-Pio­niers Kurt Rün­zi. Ei­ne me­di­zi­ni­sche Ob­duk­ti­on er­gibt zu­dem, dass die 49-Jäh­ri­ge Op­fer ei­nes Tö­tungs­de­lik­tes ge­wor­den ist, ver­ur­sacht durch ei­ne Über­do­sis Ät­her.

Bis heu­te ist der Mord an Ma­rieAn­ne Rün­zi un­ge­klärt. Seit 2006 gilt er nach dem Schwei­zer Straf­ge­setz­buch zu­dem als ver­jährt. Ge­ra­de die­se Tat­sa­che nahm der ge­bür­ti­ge Glar­ner Wal­ter Hau­ser zum An­lass, sich ein­ge­hen­der mit die­sem ver­wor­re­nen Kri­mi­nal­fall zu be­schäf­ti­gen. In sei­nem kürz- lich er­schie­ne­nen Buch «Hof­fen auf Auf­klä­rung, Un­ge­lös­te Mor­de in der Schweiz zwi­schen Ver­fol­gung und Ver­jäh­rung» wid­met der Jour­na­list und ehe­ma­li­ge Kan­tons­rich­ter dem Mord­fall Rün­zi denn auch ein Ka­pi­tel. Da­ne­ben be­schäf­tigt sich Hau­ser mit elf wei­te­ren, un­ge­lös­ten Ver­bre­chen.

An­ge­hö­ri­ge wie Tat­ver­däch­ti­ge im Fo­kus

Wes­halb ge­ra­de sind es die­se Fäl­le, die das In­ter­es­se des 61-Jäh­ri­gen ge­weckt ha­ben? «Al­le die­se Fäl­le ha­ben für gros­sen me­dia­len Wir­bel ge­sorgt und mich teils über Jahr­zehn­te als Ju­rist wie als Jour­na­list stark be­schäf­tigt.» Vor al­lem die Tat­sa­che, dass sie al­le bis heu­te un­ge­klärt blie­ben, ha­be sei­ne Neu­gier ge­weckt. Bei sei­nen Re­cher­chen sei es ihm aber we­ni­ger dar­um ge­gan­gen, ei­nen Schul­di­gen zu fin­den. Viel mehr reiz­te es ihn, hin­ter die Ku­lis­sen zu se- hen. «Ich woll­te wis­sen, wie die An­ge­hö­ri­gen der Op­fer, die da­mals er­mit­teln­den Be­am­ten, die Tat­ver­däch­ti­gen und Zeu­gen mit der Tat und ih­ren Fol­gen um­ge­hen.»

Für sein Buch hat Hau­ser Hun­der­te von Ge­sprä­chen ge­führt. Auch den heu­te 92-jäh­ri­gen Kurt Rün­zi hat Hau­ser mehr­fach per­sön­lich ge­trof­fen. Selbst 42 Jah­re nach dem Ver­bre­chen ha­be die­ser die Er­in­ne­run­gen an die da­ma­li­gen Ge­scheh­nis­se noch sehr prä­sent. Und noch im­mer be­schäf­ti­ge ihn die Tat­sa­che, wes­halb im Fall sei­ner er­mor­de­ten Ehe­frau nie An­kla­ge er­ho­ben wur­de. Ei­ne Fra­ge, die auch Wal­ter Hau­ser in sei­nem Buch in den Raum stellt. Zu­mal es im Mord­fall Rün­zi zu­nächst nach ei­ner ra­schen Klä­rung aus­sah.

Rich­ter­spruch für den See­len­frie­den

Be­reits kur­ze Zeit nach der Tat ge­riet ei­ne en­ge Freun­din von Ma­rie-An­ne Rün­zi un­ter Tat­ver­dacht. Die da­mals 57-jäh­ri­ge Frau leg­te im April 1976 gar ein Teil­ge­ständ­nis ab. In ei­nem Streit um Geld sei es zu Hand­greif­lich­kei- ten ge­kom­men, in de­ren Ver­lauf Ma­rie-An­ne Rün­zi ge­stürzt sei. In Pa­nik ha­be die Freun­din zu ei­nem Fläsch­chen mit ei­nem un­be­kann­ten In­halt ge­grif­fen, um Ma­rieAn­ne Rün­zi da­mit zu be­täu­ben. Mit Schre­cken ha­be sie dann fest­stel­len müs­sen, dass die Freun­din nicht mehr at­me­te. Spä­ter wi­der­rief die 57-Jäh­ri­ge die­se Aus­sa­ge und be­teu­er­te, nichts mit dem Tod ih­rer Freun­din zu tun zu ha­ben.

Die Un­ter­su­chung um den Tod von Ma­rie-An­ne Rün­zi dau­er­te gut zwei­ein­halb Jah­re, da­nach wur­den die Er­mitt­lun­gen ein­ge­stellt. Ei­ne Tat­sa­che, die da­mals ein gros­ses Un­ver­ständ­nis aus­lös­te. So war denn auch im­mer wie­der die Re­de von ei­nem an­geb­li­chen Ver­hält­nis, das Ma­rie-An­ne Rün­zi mit dem da­ma­li­gen Bun­des­an­walt ge­habt ha­ben soll. Dem ver­hei­ra­te­ten Mann wur­de un­ter­stellt, er ha­be sei­ne Be­zie­hun­gen spie­len las­sen, da­mit das Ver­fah­ren ein­ge­stellt wer­de. Da das an­geb­li­che Ver­hält­nis der bei­den bei ei­nem Pro­zess auf­ge­flo­gen wä­re.

Im Schluss­be­richt der Zürcher Staats­an­walt­schaft hiess es schliess­lich, es sei höchst wahr­schein­lich, dass die Freun­din von Ma­rie-An­ne Rün­zi Tä­te­rin oder Mit­tä­te­rin sei. Die Ver­ant­wort­li­chen rech­ne­ten je­doch da­mit, dass die Schuld der Frau an ei­ner Ver­hand­lung nicht aus­rei­chend hät­te be­wie­sen wer­den kön­nen. Für den ehe­ma­li­gen Kan­tons­rich­ter Hau­ser ein Skan­dal. «Es kann nicht sein, dass ein Fall zu den Ak­ten ge­legt wird, nur weil die Staats­an­walt­schaft da­vor zu­rück­schreckt, in der Öf­fent­lich­keit Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men.» Aus Angst vor Kri­tik, ei­nen Fall gar nicht erst vor Ge­richt zu brin­gen, sei der fal­sche Weg. «Ge­ra­de für die Be­trof­fe­nen – An­ge­hö­ri­ge wie Tat­ver­däch­ti­ge – wä­re es wün­schens­wert, wenn es zu ei­ner Ver­hand­lung kä­me.» Ein Rich­ter­spruch – selbst wenn die­ser nicht den Er­war­tun­gen ent­spre­che – kön­ne et­was da­zu bei­tra­gen, mit dem Ge­sche­he­nen ab­zu­schlies­sen.

Quä­len­de Un­ge­wiss­heit soll ein En­de ha­ben

Bei den zahl­lo­sen Ge­sprä­chen, die Hau­ser für sein Buch ge­führt hat, sei ihm vor al­lem ei­nes klar ge­wor­den: «Egal, wie viel Zeit auch ver­geht, das Be­dürf­nis nach Wahr- heit kennt kei­ne Ver­jäh­rung.» Das Vor­wort sei­nes Bu­ches liest sich denn auch als Plä­doy­er für die Ab­schaf­fung der Ver­fol­gungs­ver­jäh­rung von Mord (sie­he Kas­ten). «Es ist ei­ne Il­lu­si­on, zu glau­ben, dass dreis­sig Jah­re nach ei­nem Tö­tungs­de­likt Nor­ma­li­tät zu­rück­kehrt und die Be­trof­fe­nen zur Ta­ges­ord­nung über­ge­hen.»

In sei­nem An­lie­gen geht es Hau­ser nicht pri­mär um Ver­gel­tung oder Be­stra­fung. «Mein Ziel ist es nicht, ei­nen vi­el­leicht 70jäh­ri­gen Men­schen für den Rest sei­nes Le­bens in ein Ge­fäng­nis zu ste­cken.» Aus­ser­dem be­trach­te er die Ver­jäh­rung im Sin­ne der Kon­flikt­be­ru­hi­gung grund­sätz­lich durch­aus als et­was Gu­tes. Bei ei­nem der­art schwe­ren Ver­bre­chen wie Mord er­ach­te er des­sen Auf­klä­rung und Au­f­ar­bei­tung aber als es­sen­zi­ell. «Nur dann hat die quä­len­de Un­ge­wiss­heit für die Be­trof­fe­nen ir­gend­wann ein En­de.» Wal­ter Hau­ser: Hof­fen auf Auf­klä­rung, Un­ge­lös­te Mor­de in der Schweiz zwi­schen Ver­fol­gung und Ver­jäh­rung, 29.50 Fran­ken, 144 Sei­ten ge­bun­den, Lim­mat­Ver­lag.

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