«Dass En­de 2019 ei­ne neue Brü­cke steht, hal­te ich für un­mög­lich»

Die­se Wo­che hat der ETH-Pro­fes­sor und Rüe­schli­ker Ge­mein­de­prä­si­dent Bern­hard El­se­ner in Düben­dorf Trüm­mer­tei­le der ein­ge­stürz­ten Moran­di-Brü­cke in Emp­fang ge­nom­men. El­se­ner er­mit­telt als ei­ner von drei Ex­per­ten die Ur­sa­che des Un­glücks in Genua von Mit­te

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Zürichsee - wer­de ei­nem das gan­ze Aus­mass der Kräf­te, die beim Ein­sturz der Moran­di-Brü­cke wirk­ten, be­wusst, sagt ETH-Pro­fes­sor Bern­hard El­se­ner. In­ter­view: Ra­hel Urech

Sie wa­ren am Mon­tag bei der Eid­ge­nös­si­schen Ma­te­ri­al­prü­fungs- und For­schungs­an­stalt Em­pa in Düben­dorf. Die­se wird die Tei­le der ein­ge­stürz­ten Brü­cke von Genua be­gut­ach­ten. Was war Ih­re Auf­ga­be?

Mei­ne bei­den ita­lie­ni­schen Ex­per­ten­kol­le­gen ha­ben am ver­gan­ge­nen Frei­tag be­auf­sich­tigt, wie 13 Trüm­mer­tei­le der ein­ge­stürz­ten Brü­cke in Genua auf Last­wa­gen ver­la­den wur­den. An­schlies­send ha­ben sie die­se ver­sie­gelt. Als die bei­den Last­wa­gen am Mon­tag um 17 Uhr bei der Em­pa ein­tra­fen, ha­be ich kon­trol­liert, ob die Sie­gel noch in­takt wa­ren, und das Okay zum Ab­la­den ge­ge­ben. Die­ses ha­be ich ver­folgt, bis al­le Tei­le an ei­nem si­che­ren Ort de­po­niert wa­ren.

Wes­halb wer­den die Be­weis­stü­cke zum Ein­sturz ei­ner ita­lie­ni­schen Brü­cke in der Schweiz un­ter­sucht?

Zu­erst über­leg­ten wir drei Ex­per­ten na­tür­lich, wel­ches La­bor in Ita­li­en die Tei­le prü­fen könn­te. Wir stell­ten je­doch bald fest, dass al­le La­bo­re ent­we­der Ver­bin­dun­gen zur Au­tostra­de per l’Ita­lia, der Be­trei­ber­fir­ma der Brü­cke, oder zum Mi­nis­te­ri­um ha­ben, wo­mit sie be­fan­gen sind und weg­fal­len. Zu­dem gibt es in Ita­li­en kein La­bor, das ähn­lich brei­te Un­ter­su­chun­gen an Stahl­be­ton durch­füh­ren könn­te wie die Em­pa.

Der Vor­schlag, die Em­pa her­an­zu­zie­hen, stammt ver­mut­lich von Ih­nen.

Rich­tig. Die 35 Kon­su­len­ten der An­ge­klag­ten und zum Teil der Op­fer wa­ren so­fort ein­ver­stan­den, denn die Em­pa ist be­kannt. Mit der Hälf­te der Spe­zia­lis­ten, die jetzt die Be­weis­stü­cke un­ter­su­chen, ha­be ich schon zu­sam­men­ge­ar­bei­tet und weiss, dass sie gu­te Ar­beit leis­ten.

Mit der Über­füh­rung der Be­weis­stü­cke ist Ih­re Un­ter­su­chung noch nicht ab­ge­schlos­sen. Wie oft rei­sen Sie nach Ita­li­en?

Seit An­fang Ok­to­ber bin ich prak­tisch je­den Mon­tag, Diens­tag und Mitt­woch in Genua. Wenn die Un­ter­su­chun­gen früh­mor­gens be­gin­nen, rei­se ich schon am Sonn­tag­abend an. Denn die Rei­se mit dem Zug dau­ert doch fünf­ein­halb Stun­den.

Wie sieht der Be­reich un­ter der Brü­cke denn mo­men­tan aus?

Vor Ort sieht die Ein­sturz­stel­le viel ein­drück­li­cher aus als auf den Fo­tos. Ich konn­te mir erst un­ter der Brü­cke vor­stel­len, was für ei­ne Ge­walt ein­ge­wirkt ha­ben muss, als sie ein­brach. Die meis­ten Trüm­mer­tei­le sind mitt­ler­wei­le ent­fernt. Aber 30 Me­ter rund um die noch ste­hen­den Tei­le der Brü­cke ist Sperr­zo­ne, und Au­to­fah­rer und Fuss­gän­ger müs­sen des­we­gen teil­wei­se lan­ge Um­we­ge in Kauf neh­men, um an ih­ren Be­stim­mungs­ort zu ge­lan­gen. Bern­hard El­se­ner, Werk­stoff­wis­sen­schaft­ler

Hat­ten Sie Kon­takt zu den Men­schen, die dort woh­nen?

In der Zu­fahrt zum Han­gar, den das Un­ter­su­chungs­team mit der fo­ren­si­schen Po­li­zei und der Feu­er­wehr teilt, gibt es ei­ne An­lauf­stel­le für die Be­völ­ke­rung. Dort hat es im­mer Leu­te, die dis­ku­tie­ren. Die Tank­stel­len, die Lä­den und die klei­nen KMU, die un­ter der Brü­cke an­säs­sig wa­ren, ha­ben kei­ne Kun­den mehr, ei­ni­ge muss­ten ih­re Ge­schäf­te auf­ge­ge­ben. Sie pro­tes­tie­ren, denn sie wol­len, dass es end­lich vor­wärts­geht und die Zo­ne frei­ge­ge­ben wird.

Sie ste­hen un­ter gros­sem zeit­li­chen und öf­fent­li­chen Druck. Wie ge­hen Sie da­mit um?

Die ita­lie­ni­sche Un­ter­su­chungs­rich­te­rin hat­te uns für den Be­richt bis am 3. De­zem­ber Zeit ge­ge­ben. In­zwi­schen ha­ben wir je­doch ei­ne Ver­län­ge­rung um zwei­ein­halb Wo­chen er­hal­ten. So kön­nen wir ei­ne ver­nünf­ti­ge Da­ten­ba­sis ge­ne­rie­ren und den Be­richt vor Weih­nach­ten ab­schlies­sen. Vom Druck der Öf­fent­lich­keit dür­fen wir uns nicht be­ein­flus­sen las­sen. Wir Ex­per­ten sind im Ge­gen­satz zur Staats­an­walt­schaft sehr dar­auf be­dacht, neu­tral zu sein, was auch ge­schätzt wird.

Sie hal­ten es für mög­lich, dass kor­ro­dier­te Stahl­ka­bel den Ein­sturz ver­ur­sacht ha­ben könn­ten. Was hal­ten Sie von der kur­sie­ren­den Theo­rie, die Brü­cke sei ge­sprengt wor­den?

Dies ist Un­sinn. Ei­ne an­de­re Ne­bel­pe­tar­de war das Ge­rücht, dass ei­ne schwe­re Stahl­rol­le von ei­nem Last­wa­gen hin­un­ter­ge­fal­len sei und die Brü­cke wie ei­ne Ka­no­ne zer­stört ha­be. Die Po­li­zei konn­te an­hand von Fo­tos be­wei­sen, dass der Last­wa­gen samt sei­ner La­dung von der Brü­cke ge­fal­len ist.

«Man hat im­mer im Hin­ter­kopf, dass 43 Men­schen ihr Le­ben ver­lo­ren ha­ben.»

Sie be­zeich­nen die­se Un­ter­su­chung als die schwie­rigs­te, die Sie je ge­lei­tet ha­ben. Wes­halb?

Ei­ner­seits ist sie tech­nisch-wis­sen­schaft­lich sehr kom­plex, denn es han­delt sich um ei­ne Brü­cke, die man heu­te nicht mehr so bau­en wür­de. Statt zwei di­cken ein­be­to­nier­ten Sei­len, die erst noch über den Sat­tel lau­fen, wür­de man heu­te ei­ne grös­se­re An­zahl, aber dün­ne­re Sei­le ver­wen­den. Schwie­rig zu eru­ie­ren ist auch, wann und wie In­stand­hal­tungs­mass­nah­men durch­ge­führt wur­den. Nicht zu­letzt hat die Un­ter­su­chung ei­ne schwie­ri­ge emo­tio­na­le Kom­po­nen­te: Man hat im­mer im Hin­ter­kopf, dass hier 43 Men­schen ihr Le­ben ver­lo­ren ha­ben. Auf ei­ner Brü­cke in der Nä­he der Ein­sturz­stel­le le­gen die Leu­te zum Ge­den­ken im­mer noch Blu­men nie­der.

Der Bür­ger­meis­ter von Genua hat ver­spro­chen, dass bis En­de 2019 ei­ne neue Brü­cke ste­hen wird. Für wie rea­lis­tisch hal­ten Sie das?

Da­mit will er nur die Be­völ­ke­rung be­ru­hi­gen. Noch weiss nie­mand, ob die neue Brü­cke vom Staat oder von ei­ner pri­va­ten Fir­ma ge­baut wird. Un­klar ist auch, wie der Ab­bruch von­stat­ten ge­hen soll. Will man die Über­res­te der Brü­cke sorg­fäl­tig ent­fer­nen oder die Brü­cke samt den dar­un­ter ste­hen­den Häu­sern ab­bre­chen? Dass En­de 2019 ei­ne neue Brü­cke steht, hal­te ich für un­mög­lich.

Fo­to: Keystone

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