«Bot­schaft kommt nicht an»

Der frü­he­re Ver­tei­di­ger Sté­pha­ne Gricht­ing be­zwei­felt, dass GC bei wei­te­ren Nie­der­la­gen am Trai­ner fest­hält. Und Richard Nu­n­ez, einst GC-Tops­ko­rer, hat ei­nen Rat. Stim­men vor dem Aus­wärts­spiel ge­gen Xa­max.

Zürichsee-Zeitung (Meilen) - - Sport - Pe­ter M. Bir­rer, Mar­co Kel­ler

Thors­ten Fink sen­det kein Si­gnal aus, das auf Ner­vo­si­tät hin­deu­ten könn­te. Ge­las­sen gibt er Sät­ze von sich wie: «Xa­max ist ei­ne Hür­de, die wir über­win­den soll­ten.» Oder: «Ich bin der Mei­nung, dass wir bes­ser sind als die ei­ne oder an­de­re Mann­schaft in der Li­ga.» Dann: «Ich bin to­tal mo­ti­viert. Und an­schei­nend hat die Ver­eins­füh­rung das Ge­fühl, dass ich ei­nen gu­ten Job ma­che, je­den­falls steht sie hin­ter mir.» Und: «Es wird bes­ser.»

So re­det der GC-Trai­ner un­ter der Wo­che. Aber die Si­tua­ti­on der Zürcher ist dann doch zu pre­kär, um sie nur mit net­ten Wor­ten zu schmü­cken. Das weiss auch Fink. Xa­max - GC ist Ne­un­ter ge­gen Zehn­ter. «Die­ses Spiel ist Ab­stiegs­kampf », sagt er, «und wir sind nicht so top, wie wir das sein möch­ten.» In sol­chen Par­ti­en brau­che es Ent­schlos­sen­heit, Ag­gres­si­vi­tät, «nicht Ju­nio­ren­fuss­ball wie zeit­wei­se ge­gen Ba­sel und YB».

Aber vie­les hängt eben auch von ihm ab, dem Trai­ner. Bloss: Fin­det er ei­nen wirk­sa­men Plan, um aus der Kri­se zu kom­men? Und war­um schafft es GC nicht, das graue Kleid ab­zu­strei­fen? Stim­men da­zu:

Ex­Ver­tei­di­ger Sté­pha­ne Gricht­ing: «Wie Si­on»

«Wenn ich den Gras­shop­pers zu­schaue, se­he ich lei­der nicht viel Gu­tes. Sie er­in­nern mich an Si­on: Es gibt ein paar In­di­vi­dua­lis­ten, aber kei­ne funk­tio­nie­ren­de Mann­schaft. Oft heisst es in sol­chen Fäl­len, es feh­le an den fi­nan­zi­el­len Mit­teln. Aber ha­ben Thun, Xa­max oder Lu­ga­no mehr da­von? Nein, aber sie set­zen ihr Geld of­fen­sicht­lich bes­ser ein. Und Thun zeigt vor­bild­lich, wo­zu ein Team fä­hig ist, das als Ein­heit auf­tritt.

Ich kann mir kein Ur­teil über die Ar­beit des Trai­ners er­lau­ben. Aber die bis­he­ri­gen Auf­trit­te hin­ter­las­sen bei mir den Ein­druck, dass Thors­ten Finks Bot­schaft bei den Spie­lern nicht rich­tig an­kommt. Da­bei müss­te Fink die Lo­ko­mo­ti­ve sein. Und wenn die kei­ne Kraft mehr hat, um die Wa­gen zu zie­hen, muss man sie aus­wech­seln. Ich kann mir nur schwer vor­stel­len, dass GC nicht re­agiert, wenn in den nächs­ten Spie­len der Er­folg aus­bleibt.»

Zen­tral­prä­si­dent And­res Iten: «Dem Trai­ner Zeit ge­ben»

«GC Fuss­ball ist das Flagg­schiff un­se­res Clubs, und na­tür­lich macht es kei­ne Freu­de, wenn das Flagg­schiff in Schief­la­ge ist. Gleich­zei­tig se­he ich das als Ru­de­rer mit ei­ner ge­wis­sen Dis­tanz und Ge­las­sen­heit, wie wohl die meis­ten, die nicht Fuss­bal­ler sind. Es ist ja nicht das ers­te Mal, dass wir am Ta­bel­len­en­de ste­hen. Lei­der muss­ten wir uns in den letz­ten Jah­ren an ähn­li­che Si­tua­tio­nen ge­wöh­nen. Im Fuss­ball steht das Geld im Vor­der­grund, und fi­nan­zi­ell kön­nen wir im GC be­kannt­lich seit lan­gem al­les an­de­re als aus dem Vol­len schöp­fen. Das be­dingt im­mer wie­der schmerz­haf­te Kom­pro­mis­se, die sich ne­ga­tiv auf die sport­li­che Leis­tung aus­wir­ken.

Ich bin ein Ver­fech­ter von Kon­ti­nui­tät und ha­be ge­ne­rell Mü­he mit Trai­ner­ent­las­sun­gen im Mo­nats­rhyth­mus, ob bei uns oder sonst wo. Wir ha­ben ei­nen er­fah­re­nen und kom­pe­ten­ten Trai­ner, –

al­so soll man ihm auch die Zeit ge­ben, ein Team auf­zu­bau­en. Zu­dem soll­ten wir nicht ver­ges­sen, dass wir in die­ser Sai­son ein schwie­ri­ges Start­pro­gramm hat­ten und seit Sai­son­be­ginn vom Ver­let­zungs­pech ver­folgt wer­den. Es gilt nun, küh­len Kopf zu be­wah­ren, die Si­tua­ti­on un­ter­neh­me­risch zu ana­ly­sie­ren und ent­spre­chend zu han­deln.

We­gen der Sta­di­on­ab­stim­mung war­ten der­zeit al­le ab. Wenn die­se ge­won­nen wird, er­leich­tert das vie­les, auch die fi­nan­zi­el­le Si­tua­ti­on. Bei ei­nem Nein hin­ge­gen sind un­se­re Per­spek­ti­ven düs­ter.»

Ex­Trai­ner Pier­lu­i­gi Ta­mi: «Nur mit har­ter Ar­beit»

«Man muss in ei­ner sol­chen Kri­se un­be­dingt po­si­tiv blei­ben, um zu ver­ste­hen, was nicht läuft, und muss den Spie­lern Ver­trau­en ge­ben. Ei­ne sol­che Si­tua­ti­on kann nicht der Trai­ner al­lein ver­bes­sern, nicht die Spie­ler, es müs­sen al­le im ge­sam­ten Club zu­sam­men­ar­bei­ten. Ei­nig­keit und Po­si­ti­vis­mus sind ganz wich­tig.

Na­tür­lich sind auch Le­a­der­fi­gu­ren wich­tig. Die­se kann nicht der Trai­ner aus­wäh­len, die­se wer­den von der Mann­schaft be­stimmt, es sind die Spie­ler, die al­le mit­reis­sen kön­nen, auch wenn es ih­nen sel­ber ein­mal nicht läuft wie ge­wünscht. Ich kann mich er­in­nern, wie bei GC ei­ni­ge über Kim Käll­ström die Na­se ge­rümpft ha­ben, er sei zu alt, aber jun­ge Spie­ler wie Sha­ni Ta­ras­haj ha­ben von ihm enorm pro­fi­tiert. Für die Jun­gen ist es wich­tig, dass sie Füh­rungs­spie­ler ha­ben, an de­nen sie wach­sen kön­nen, sonst las­tet die Ver­ant­wor­tung ir­gend­wann zu stark auf ih­nen. Des­halb ist das Scou­ting für mich heu­te im Schwei­zer Fuss­ball fast das wich­tigs­te Ele­ment.

Aus ei­ner Kri­se fin­det man nur über täg­li­che Ar­beit und Ru­he. Man muss die ers­ten po­si­ti­ven Zei­chen se­hen, nach dem ers­ten Schritt kommt der zwei­te, dann der drit­te. Wich­tig ist, dass die Spie­ler an die­sen Weg glau­ben.»

Ex­Trai­ner Alain Gei­ger: «Ein Hin und Her»

«Als ich bei GC spiel­te, war das ei­ne stol­ze In­sti­tu­ti­on mit Aus­strah­lung. Jetzt ha­be ich den Ein­druck, dass prak­tisch al­le sechs Mo­na­te ein Neu­start statt­fin­det. Trai­ner kom­men und müs­sen wie­der ge­hen, Spie­ler kom­men und ge­hen, es ist ein Hin und Her, auch in der Füh­rung. Das ver­un­mög­licht Kon­ti­nui­tät und Sta­bi­li­tät. Und die Iden­ti­tät geht ver­lo­ren.

GC bräuch­te ei­nen star­ken Mann, ei­nen Vi­sio­när mit ei­nem Pro­jekt, und na­tür­lich wür­de es hel­fen, wenn er auch fi­nanz­stark wä­re. Aber wie war das bei Ba­sel? Wie bei YB? Ba­sel ver­dankt den Auf­schwung zu ei­nem gros­sen Teil Gi­gi Oe­ri, bei YB wa­ren es die Rihs-Brü­der. Ich hal­te GC im­mer noch für ei­ne at­trak­ti­ve Adres­se, und es müss­te sich doch ei­ne Per­sön­lich­keit fin­den las­sen, die ei­nen kla­ren Plan hat und sagt: ‹In fünf Jah­ren muss GC wie­der zu den Bes­ten ge­hö­ren.› Kurz­fris­tig geht es dar­um, den Platz in der Su­per Le­ague zu be­hal­ten, wo­bei in die­ser Li­ga ei­ni­ge in Ge­fahr sind.»

Richard Nuñez, Tops­ko­rer 2003: «Mir blu­tet das Herz»

«Wenn ich auf die Ta­bel­le schaue, blu­tet mir das Herz. Zu mei­nen Zei­ten war GC stets in den Spit­zen­po­si­tio­nen klas­siert, und als ich weg­ging, war ich über­zeugt, dass das noch lan­ge so blei­ben wür­de. Dann hat aber die wirt­schaft­li­che Si­tua­ti­on GC arg ge­trof­fen, um­ge­kehrt ha­ben Clubs wie Ba­sel, die Young Boys und der FC Zü­rich stark zu­ge­legt, und GC konn­te seit­her nur noch ein­mal den Cup ge­win­nen. Die Ent­wick­lung schmerzt mich, weil ich bei GC wun­der­ba­re Jah­re ver­bracht ha­be. Der Ab­schnitt hat mich und mei­ne Kar­rie­re stark ge­prägt.

Ich bin in Uru­gu­ay dar­an, mein Trai­ner­di­plom zu er­wer­ben, ver­fol­ge aber noch ge­nau, was mit und bei GC pas­siert. Ich ken­ne Car­los Ber­negger gut und be­kom­me auch sonst vie­le In­for­ma­tio­nen. Lei­der ist das, was ich über­mit­telt be­kom­me, sel­ten po­si­tiv. Falls ich der Club­lei­tung ei­nen Rat­schlag er­tei­len könn­te: Ver­sucht, ech­te Füh­rungs­spie­ler zu ver­pflich­ten, die­se In­ves­ti­tio­nen loh­nen sich.»

Der treue Fan Pe­ter Bol­li­ger: «Vor al­lem Ent­täu­schun­gen»

«Ich ha­be seit 1977 wun­der­ba­re Zei­ten er­lebt, mit An­dy Eg­li, Clau­dio Sul­ser und wie sie al­le hies­sen. Das letz­te Mal, dass GC mir rich­tig Freu­de mach­te, war 2003 mit Trai­ner Mar­cel Kol­ler und Top­tor­schüt­ze Richard Nuñez. Und da­nach . . . gut, es gab noch ei­nen Cup­sieg, aber vor al­lem Ent­täu­schun­gen.

GC hat gu­te Jun­ge, aber so­bald ei­ner ein biss­chen auf­fällt, ist er weg. Der Club lässt ihn ge­hen, weil er auf Ein­nah­men an­ge­wie­sen ist. Die Äl­te­ren, die noch da sind, er­fül­len die Er­war­tun­gen nicht. Und bei Thors­ten Fink fra­ge ich mich: Was für ei­ne Li­nie hat er? Ich er­ken­ne bis jetzt kei­ne Hand­schrift.

Trotz­dem bin ich an den Heim­spie­len im­mer da­bei. Als GC-Mit­glied kos­ten mich zwei Sai­son­kar­ten auf der Ge­gen­tri­bü­ne 1100 Fran­ken. Wo­bei: Ei­gent­lich ist es egal, wo ich da sit­ze, ich brau­che von je­dem Platz aus ei­nen Feld­ste­cher, so weit ent­fernt ist das Spiel­feld . . . Der Let­zi­grund ist auch ein Pro­blem für GC. Ein neu­es Sta­di­on er­ach­te ich als Not­wen­dig­keit.»

Fo­to: An­dy Mül­ler/Fresh­fo­cus

Es ist nicht ge­ra­de toll bei GC Ju­li­en Ngoy kann dem nicht wi­der­spre­chen.

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