Ex­pe­ri­men­tie­ren mit Gen­tech­mais

Zürcher For­scher ex­pe­ri­men­tie­ren auf ei­nem gut ab­ge­rie­gel­ten Feld mit ge­ne­tisch ver­än­der­ten Pflan­zen. In der Be­völ­ke­rung löst dies teils Un­be­ha­gen aus.

Zürcher Unterländer - - Vorderseit­e - Mi­chel Wenz­ler Ei­ne un­ver­än­der­te Pflan­ze ist vom Mehl­tau be­fal­len.

Zürich For­scher der Uni­ver­si­tät Zürich füh­ren in Zürich-Af­fol­tern ei­nen Ver­such mit gen­tech­nisch ver­än­der­tem Mais durch. Die Pflan­zen auf dem Ge­län­de der For­schungs­an­stalt Agro­scope wach­sen der­zeit her­an. Schon mit Wei­zen ha­ben die Wis­sen­schaft­ler ex­pe­ri­men­tiert. Mit ei­nem Re­sis­tenz­gen ma­chen sie die Pflan­zen wi­der­stands­fä­hig ge­gen Pilz­krank­hei­ten.

Der Na­me klingt ge­heim­nis­voll: Pro­tec­ted Site. Doch auf dem Feld vor den To­ren Zü­richs geht nichts Ge­hei­mes vor sich, das man vor neu­gie­ri­gen Bli­cken schüt­zen müss­te. Es ist zwar ein­ge­zäunt und be­wacht, aber von über­all her ein­seh­bar – ver­steckt wird hier nichts. Der Zaun ist viel­mehr da, um mi­li­tan­te Gen­tech-Kri­ti­ker wie je­ne, die vor zwölf Jah­ren ei­nes der Ver­suchs­fel­der der For­schungs­an­stalt Agro­scope stürm­ten, draus­sen zu hal­ten. Des­halb wur­den hier am Stand­ort Re­cken­holz in Af­fol­tern meh­re­re Si­cher­heits­vor­keh­run­gen ge­trof­fen, die aus tak­ti­schen Grün­den nicht fo­to­gra­fiert und auch nicht im De­tail be­schrie­ben wer­den sol­len.

In­ter­es­san­ter ist aber oh­ne­hin, was sich in­ner­halb des Zauns be­fin­det: ver­schie­de­ne Pflan­zen­kul­tu­ren – Ap­fel­bäu­me, Wei­zen, Gers­te und Mais. Zwar se­hen sie nicht an­ders aus als je­ne, die man in der frei­en Na­tur an­trifft. Aber sie sind gen­tech­nisch ver­än­dert wor­den und wach­sen un­ter frei­em Him­mel.

Er­laubt ist dies nur zu For­schungs­zwe­cken, da in der Schweiz noch bis nächs­tes Jahr ein Mo­ra­to­ri­um für den An­bau gen­tech­nisch ver­än­der­ter Pflan­zen in der Land­wirt­schaft gilt. Die For­scher müs­sen ein Ge­such stel­len, und es gel­ten stren­ge Auf­la­gen.

Ei­ne eu­ro­pa­weit fast ein­zig­ar­ti­ge An­la­ge

Vor ei­ni­gen Mo­na­ten hat der Bund die Be­wil­li­gung für ein Pro­jekt mit gen­tech­nisch ver­än­der­tem Mais er­teilt. Es ist nach zwei Feld­ver­su­chen mit Wei­zen und je ei­nem mit Kar­tof­feln, Äp­feln und Gers­te das sechs­te auf der Pro­tec­ted Site – ei­ner eu­ro­pa­weit fast ein­zig­ar­ti­gen An­la­ge (sie­he Kas­ten). Ei­ne ver­gleich­ba­re fin­det sich le­dig­lich in En­g­land.

Der Mais, der hier zur­zeit wächst, ist noch jung, erst we­ni­ge Zen­ti­me­ter hoch. «Und über­haupt kein Ri­si­ko für die Um­welt», be­tont Te­re­sa Kol­ler. Sie ar­bei­tet am In­sti­tut für Pflan­zen­und Mi­kro­bio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Zürich und lei­tet das Pro­jekt, das auf dem Ge­län­de der Agro­scope durch­ge­führt wird. «Wer Gen­tech hört, denkt oft an ir­gend­wel­ches Su­per-Ge­mü­se, das her­an­ge­züch­tet wird», sagt die For­sche­rin. «Das hat aber nichts mit dem zu tun, was wir ma­chen.»

Kol­ler in­ter­es­siert sich viel­mehr für das Im­mun­sys­tem von Pflan­zen. «Wir wol­len wis­sen, wie gut sich ei­ne Pflan­ze ge­gen krank­heits­er­re­gen­de Mi­kro­or­ga­nis­men weh­ren kann.» Die For­scher ha­ben des­halb ein Re­sis­tenz­gen ge­sucht, das vor Pilz­krank­hei­ten wie Mehl­tau und Rost schützt. Bei ei­ni­gen Wei­zen­sor­ten sind sie fün­dig ge­wor­den. De­ren Re­sis­tenz­gen ha­ben sie den Mais­pflan­zen ein­ge­baut.

Im La­bor und im Ge­wächs­haus wa­ren die Re­sul­ta­te der ver­än­der­ten Pflan­zen po­si­tiv.

Nun soll ge­tes­tet wer­den, ob es sich auf dem Feld mit na­tür­li­chen Be­din­gun­gen eben­so ver­hält. «Ein Rea­li­ty Check», sagt Te­re­sa Kol­ler.

We­ni­ger Che­mie dank Gen­tech

Für Ro­land Pe­ter, bei der Agro­scope für den For­schungs­be­reich Pflan­zen­züch­tung so­wie für die Pro­tec­ted Site zu­stän­dig, hat Gen­tech­nik ei­nen gros­sen Vor­teil. «Mit­tels Ge­nom Edit­ing kön­nen wir bei ei­ner Pflan­ze punk­tu­ell ein­grei­fen und ganz ge­zielt et­was än­dern.»

Im Ide­al­fall könn­ten so der­einst pilz­re­sis­ten­te Pflan­zen für die Land­wirt­schaft her­an­ge­züch­tet wer­den, was we­ni­ger Che­mie­ein­satz zur Fol­ge hät­te und um­welt­scho­nen­der wä­re.

«Öko­lo­gie und Gen­tech­nik sind al­so kei­ne Ge­gen­sät­ze», sagt Te­re­sa Kol­ler. Und Gen­tech­nik sei we­der Wun­der­waf­fe noch des Teu­fels – son­dern ei­nes von vie­len Ver­fah­ren, das ei­nen Bei­trag zu ge­sun­den Pflan­zen leis­ten kön­ne.

Für die Wis­sen­schaft­le­rin ist Gen­tech­nik die lo­gi­sche Fort­set­zung der Zucht, wel­che Pflan­zen über die Jahr­hun­der­te oh­ne­hin schon ver­än­dert hat. So hat der wil­de Vor­fah­re des Mai­ses, des­sen Kol­ben le­dig­lich ei­ni­ge Zen­ti­me­ter lang sind und we­ni­ge Kör­ner ent­hal­ten, äus­ser­lich nicht viel zu tun mit der heu­ti­gen Mais­pflan­ze, die im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes hoch­ge­züch­tet wor­den ist.

Ver­rä­te­ri­sche weis­se Punk­te auf den Pflan­zen

Was das Re­sis­tenz­gen bei den Mais­pflan­zen be­wirkt, ist auf der Pro­tec­ted Site noch nicht sicht­bar. Auf dem Ver­suchs­feld für Wei­zen ist der mög­li­che Ef­fekt aber auch für den Lai­en zu er­ken­nen. Dort wach­sen Pflan­zen her­an, die ur­sprüng­lich nicht über ein Re­sis­tenz­gen ge­gen Mehl­tau ver­füg­ten, die­ses aber von ei­ner an­de­ren Wei­zen­sor­te er­hal­ten ha­ben. Sie sind ge­gen den Pilz im­mun und wir­ken ge­sund, wäh­rend auf ei­ni­gen der be­nach­bar­ten, ge­ne­tisch un­ver­än­der­ten

Wei­zen­pflan­zen weis­se Punk­te zu er­ken­nen sind: Sie sind vom Mehl­tau be­fal­len.

Wie aber sieht es mit all­fäl­li­gen un­er­wünsch­ten Ne­ben­ef­fek­ten der gen­tech­nisch ver­än­der­ten Pflan­zen aus, die im Re­cken­holz un­ter frei­em Him­mel wach­sen? «Wir neh­men die Ängs­te in der Be­völ­ke­rung ernst und stel­len uns der Dis­kus­si­on», sagt Te­re­sa Kol­ler. Aus wis­sen­schaft­li­cher Sicht sei­en die Sor­gen aber un­be­grün­det.

Die Ver­su­che wer­den zu­dem so gut wie mög­lich kon­trol­liert, um all­fäl­li­ge Ri­si­ken zu mi­ni­mie­ren. Ro­land Pe­ter räumt zwar ein, man kön­ne nicht zu 100 Pro­zent ga­ran­tie­ren, dass gar kein gen­tech­nisch ver­än­der­tes Ma­te­ri­al von den Ver­suchs­fel­dern in die freie Na­tur ge­lan­ge. Die Wahr­schein­lich­keit sei aber auf­grund der stren­gen Auf­la­gen ge­ring.

Über dem Wei­zen­feld et­wa muss ein Netz auf­ge­spannt wer­den, so­bald das Korn reif ist. Dies soll ver­hin­dern, dass Vö­gel die Kör­ner wei­ter­tra­gen. Hel­fer sind ge­ra­de dar­an, das Netz über dem

Feld an­zu­brin­gen. Beim Gers­ten­feld ist dies be­reits ge­sche­hen.

Ein ver­füh­re­ri­scher ro­ter Ap­fel

Auch für den Mais sind Vor­keh­run­gen vor­ge­se­hen. Die For­scher müs­sen die männ­li­chen Blü­ten ent­fer­nen, da­mit die Pflan­zen nicht be­stäubt wer­den kön­nen. Dies hat­ten Im­ker in der öf­fent­li­chen Auf­la­ge des Ge­suchs ge­for­dert. Sie wa­ren be­sorgt, dass Bie­nen gen­tech­nisch ver­än­der­te Pol­len sam­meln. Soll­ten Spu­ren im Ho­nig ge­fun­den wer­den, lies­se sich die­ser nicht mehr ver­kau­fen.

Aber nicht nur Tie­re, auch Men­schen könn­ten Sa­men ver­schlep­pen. Wer in den Fel­dern ar­bei­tet, trägt des­halb Gum­mi­stie­fel, die auf dem Ge­län­de blei­ben. Be­su­cher er­hal­ten Über­schu­he aus Plas­tik­fo­lie, die sie über­strei­fen. So bleibt al­les drin, was drin blei­ben soll. Und das gilt, lei­der, auch für die herr­lich ro­ten Äp­fel, die in der Obst­plan­ta­ge un­ter Net­zen her­an­rei­fen und von de­nen man am liebs­ten ei­nen sti­bit­zen wür­de.

Fo­tos: Ma­de­lei­ne Scho­der

Mit den ers­ten Er­fah­run­gen mit dem Gen­tech-Wei­zen sind Te­re­sa Kol­ler und Ro­land Pe­ter zu­frie­den.

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