Schwei­zer Ein­kaufs­tou­ris­ten plün­dern Grenz­ge­mein­den

Lan­ge sah es ges­tern da­nach aus, als ob der Ein­kaufs­tou­ris­mus in Deutsch­land wie­der ein­ge­schränkt wird. Erst am Abend gab es Ent­war­nung.

Zürcher Unterländer - - Vorderseit­e - Fa­bi­an Bol­ler

Die deut­schen Grenz­ge­mein­den Je­stet­ten und Lott­stet­ten wur­den ges­tern Frei­tag von Ein­kaufs­tou­ris­ten re­gel­recht über­rannt, nach­dem der Kan­ton Zü­rich und wei­te­re Kan­to­ne von Deutsch­land auf die Ri­si­ko­lis­te ge­setzt wur­den. So sah es zu­nächst da­nach aus, als ob die

Gren­ze künf­tig nur noch mit ei­nem ne­ga­ti­ven Co­ro­na-Test pas­siert wer­den darf. Am Grenz­über­gang Rafz-Sol­gen bil­de­te sich zeit­wei­se ein Rück­stau. Auch in­ner­halb der Ge­mein­de Je­stet­ten kam der Ver­kehr zu­wei­len zum Er­lie­gen.

Die Po­li­zei­sta­ti­on in Je­stet­ten ver­such­te den Ver­kehr im Dorf noch ir­gend­wie in den Griff zu be­kom­men. Ein Po­li­zei­be­am­ter be­schrieb die Si­tua­ti­on ge­gen­über die­ser Zei­tung mit «Land un­ter». Es sei rap­pel­voll. «Es ist noch schlim­mer als vor Weih­nach­ten.»

Ent­war­nung am Abend

Auch die Pa­ket­sta­ti­on von Nor­bert Möss­mer wur­de re­gel­recht über­rannt. «Al­le kom­men ih­re

Pa­ke­te ab­ho­len, weil sie be­fürch­ten, dass dies vi­el­leicht lan­ge nicht mehr mög­lich sein wird», sagt Möss­mer.

Erst am Abend kam dann vom Bun­des­land Ba­den-Würt­tem­berg die Ent­war­nung. Dank ei­ner Son­der­re­ge­lung, die be­reits ab heu­te Sams­tag gilt, wird der Ein­kaufs­tou­ris­mus wei­ter­hin mög­lich sein.

Ein A4-Blatt mit nicht ein­mal zehn Zei­len Text und ei­ne kur­ze Nach­richt auf dem Te­le­fon­be­ant­wor­ter – das ist al­les, was als Schwa­nen­ge­sang des Un­ter­neh­mens Frit­sche Rei­se mit Sitz in Diels­dorf aus­zu­ma­chen ist. Das Un­ter­neh­men teilt auf die­sem Weg mit, dass es sei­ne Ge­schäfts­tä­tig­kei­ten per En­de Ok­to­ber ein­stellt. Die Fi­lia­len in Diels­dorf und Oer­li­kon sind be­reits seit dem 12. Ok­to­ber ge­schlos­sen, wer die ent­spre­chen­den Te­le­fon­num­mern wählt, kriegt nur noch den An­ruf­be­ant­wor­ter zu hö­ren. Dort wer­den Kun­den in­for­miert, dass für be­ste­hen­de Bu­chun­gen ei­ne Nach­fol­ge­lö­sung er­ar­bei­tet wor­den sei.

Die Nach­fra­ge, was dies be­deu­te, blieb in­des un­be­ant­wor­tet. Auch für an­de­re Fra­gen war sei­tens Frit­sche Rei­sen nie­mand er­reich­bar. Die Ge­schäfts­lei­tung ist of­fen­sicht­lich auf Tauch­sta­ti­on

ge­gan­gen. Ge­mäss ei­ner Ver­käu­fe­rin der Fi­lia­le in Win­ter­thur ist die Un­ter­neh­mens­lei­tung nicht er­reich­bar und wird die Schlies­sung auch nicht kom­men­tie­ren. Be­trof­fen sei­en aber sämt­li­che Stel­len, auch Win­ter­thur wird En­de No­vem­ber sei­ne Pfor­ten schlies­sen.

Über vier­zig Jah­re in der Bran­che tä­tig

Vie­le Fra­gen blei­ben so­mit un­be­ant­wor­tet. So zum Bei­spiel, wes­halb es über­haupt zur Schlies­sung ge­kom­men ist. Na­he­lie­gen­de Ur­sa­chen sind die wirt­schaft­li­chen Fol­gen der Co­ro­na-Kri­se. Ge­ra­de Un­ter­neh­men, die vor al­lem im in­ter­na­tio­na­len Ge­schäft tä­tig sind, sind von den zahl­rei­chen Rei­se­re­strik­tio­nen stark be­trof­fen. Grös­se­re Un­ter­neh­men wie Ho­tel­plan, TUI Suis­se, Glo­be­trot­ter, DER Tou­ris­tik und STA Tra­vel ha­ben Mit­ar­bei­ten­de ent­las­sen oder gleich gan­ze Fi­lia­len ge­schlos­sen. Fest­zu­hal­ten ist je­doch, dass das Un­ter­neh­men in sei­ner spär­li­chen Kom­mu­ni­ka­ti­on die Co­ro­na-Kri­se nicht er­wähnt hat.

Of­fen bleibt auch, wie vie­le Mit­ar­bei­ten­de durch die Schlies­sung ih­re Stel­le ver­lie­ren und wel­che Mass­nah­men für die Be­trof­fe­nen um­ge­setzt wur­den.

Klar ist: Mit der Schlies­sung ver­liert das Un­ter­land ein Rei­se­un­ter­neh­men, wel­ches auf lang­jäh­ri­ge Er­fah­rung zu­rück­bli­cken konn­te. Frit­sche Rei­sen wur­de 1979 ge­grün­det und war so­mit über vier­zig Jah­re lang im Ge­schäft. Der Na­me geht auf den Fir­men­grün­der Ro­man Frit­sche zu­rück. Als die­ser 2010 un­er­war­tet ver­starb, über­nahm die heu­ti­ge In­ha­be­rin und Ge­schäfts­füh­re­rin Clau­dia Blais­dell.

Fo­to: Do­ris Fan­co­ni

Der gros­se An­drang der Zürche­rin­nen und Zürcher führ­te in Je­stet­ten ges­tern zeit­wei­se zu ei­nem Ver­kehrs­kol­laps.

Fran­cis­co Car­ras­co­sa

Nach 41 Jah­ren muss Frit­sche Rei­sen nun die Se­gel strei­chen.

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