Bo­ris John­son: Gross­bri­tan­ni­en macht sich be­reit für ei­nen No Deal

Es ha­be kei­nen Sinn mehr, mit der EU über ei­nen Deal zu ver­han­deln, schimpft der bri­ti­sche Pre­mier. Ei­ne Hin­ter­tür für Ge­sprä­che lässt er den­noch of­fen.

Zürcher Unterländer - - Vorderseit­e - Björn Fin­ke, Mat­thi­as Kolb Alex­an­der Mühlau­er

Br­ex­it Im Streit über ei­nen ge­ord­ne­ten Aus­stieg Gross­bri­tan­ni­ens aus der EU hat der bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter Bo­ris John­son sein Land auf ei­nen har­ten Bruch oh­ne Ver­trag mit der Eu­ro­päi­schen Uni­on am 1. Ja­nu­ar ein­ge­stimmt. Die EU ha­be gut zehn Wo­chen vor dem En­de der Br­ex­it-Über­gangs­pha­se of­fen­kun­dig kein In­ter­es­se an ei­nem von Gross­bri­tan­ni­en ge­wünsch­ten Frei­han­dels­ab­kom­men wie mit Ka­na­da, sag­te Bo­ris John­son ges­tern in Lon­don. Dem­ent­spre­chend er­war­te man nun ei­ne Be­zie­hung wie mit Aus­tra­li­en – al­so oh­ne Ver­trag. Bo­ris John­son hat­te be­reits ein Ul­ti­ma­tum für ei­ne Ei­ni­gung mit der EU bis 15. Ok­to­ber ge­stellt, das aber zu­nächst sang- und klang­los ab­ge­lau­fen war. Die­se Frist hat­te Brüs­sel igno­riert.

Es dau­ert ein we­nig, bis Bo­ris John­son auf den Punkt kommt. Der bri­ti­sche Pre­mier­mi­nis­ter hat sich am Frei­tag­mit­tag vor ei­nen Uni­on Jack ge­stellt und er­klärt erst ein­mal, dass die EU in den Br­ex­it-Ver­hand­lun­gen noch im­mer For­de­run­gen stel­le, die «kom­plett in­ak­zep­ta­bel» für ein un­ab­hän­gi­ges Land wie Gross­bri­tan­ni­en sei­en.

Das Gip­fel­tref­fen in Brüs­sel ha­be ge­zeigt, dass die EU of­fen­kun­dig kein In­ter­es­se an ei­nem Frei­han­dels­ab­kom­men wie dem zwi­schen Ka­na­da und der Uni­on ha­be. Dem­ent­spre­chend er­war­te er nun ei­ne Be­zie­hung wie mit Aus­tra­li­en – al­so oh­ne Ver­trag. Erst ge­gen En­de sei­nes Auf­tritts sagt John­son noch ei­nen Satz in Rich­tung Brüs­sel, der dann doch wie­der al­les of­fen­lässt: «Kommt hier­her, kommt zu uns – wenn es fun­da­men­ta­le Än­de­run­gen an eu­rer Po­si­ti­on gibt.»

Zeit wird knapp

EU-Kom­mis­si­ons­prä­si­den­tin Ur­su­la von der Ley­en lässt sich nicht lan­ge bit­ten und teilt kurz dar­auf via Twit­ter mit: «Wie ge­plant wird un­ser Ver­hand­lungs­team nächs­te Wo­che nach Lon­don fah­ren, um die­se Ver­hand­lun­gen zu in­ten­si­vie­ren.» Die EU wer­de wei­ter für ei­nen Deal ar­bei­ten, aber nicht um je­den Preis. Es ist al­so ziem­lich ge­nau das ein­ge­tre­ten, was in Brüs­sel oh­ne­hin er­war­tet wor­den war: John­son muss ein wei­te­res Ul­ti­ma­tum im Br­ex­it-Streit ein­kas­sie­ren. Vor sechs Wo­chen hat der Pre­mier mit dem Ab­bruch der Ver­hand­lun­gen ge­droht, soll­te es bis zum 15. Ok­to­ber kei­ne Ei­ni­gung auf ein Ab­kom­men ge­ben.

Von die­ser De­ad­line will John­son nun of­fen­bar nichts mehr wis­sen. Wie es aus­sieht, hat nun die End­pha­se der Ver­hand­lun­gen be­gon­nen.

Die Zeit für ei­ne Ei­ni­gung wird knapp, denn zum Jah­res­wech­sel en­det die Über­gangs­pha­se, in der Gross­bri­tan­ni­en noch in Zoll­uni­on und Bin­nen­markt der EU bleibt. Oh­ne Han­dels­ab­kom­men wür­den vom 1. Ja­nu­ar an Zöl­le und Zoll­kon­trol­len ein­ge­führt, zum Scha­den der Wirt­schaft. Weil je­doch un­klar ist, ob ein Ab­kom­men ge­lingt, be­rei­ten sich bei­de Sei­ten auf ein No-Deal-Sze­na­rio vor. Und wenn John­son be­haup­tet, Gross­bri­tan­ni­en kön­ne auch da­mit gut le­ben, hat er vor al­lem die Br­ex­it-Fans im ei­ge­nen Land im Blick.

Des­we­gen ist es an die­sem Frei­tag nicht der Pre­mier, son­dern sein Aus­sen­mi­nis­ter Do­mi­nic Ra­ab, der klar sagt, dass ein Deal in Sicht sei. «Wir sind nah dran», sagt er dem Sen­der Sky News be­reits vor John­sons Auf­tritt. Im Grun­de ge­be es «nur zwei strit­ti­ge Fra­gen»: die Fang­quo­ten für EU-Fi­scher in bri­ti­schen Ge­wäs­sern und das so­ge­nann­te Le­vel Play­ing Field, al­so Vor­ga­ben für fai­ren Wett­be­werb zwi­schen Fir­men im Kö­nig­reich und de­nen in der EU.

In Brüs­sel herrscht nach John­sons An­kün­di­gung, sich doch ei­ne Hin­ter­tür of­fen­zu­las­sen, vor­sich­ti­ger Op­ti­mis­mus. So sagt der nie­der­län­di­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Mark Rut­te nach dem EUGip­fel, dass er in den Wor­ten des bri­ti­schen Pre­miers «die Be­reit­schaft zum Kom­pro­miss» er­ken­ne. Die­se Be­reit­schaft zei­ge im Üb­ri­gen auch die EU, sagt Rut­te: «Es ist un­mög­lich, sich hun­dert­pro­zen­tig in Ver­hand­lun­gen durch­zu­set­zen, man muss im­mer Kom­pro­mis­se ma­chen.» Und die deut­sche Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel er­klärt: «Ich bin über­zeugt, es wä­re für bei­de Sei­ten bes­ser, zu ei­nem Über­ein­kom­men zu kom­men.»

Schon in der Nacht zu­vor hat­te die Kanz­le­rin ver­sucht, die Wo­gen zwi­schen Lon­don und Brüs­sel zu glät­ten. Be­vor sie ge­gen 24 Uhr das Eu­ro­pa-Ge­bäu­de ver­liess, be­ton­te sie noch ein­mal et­was ganz be­son­ders: «Wir ha­ben Gross­bri­tan­ni­en ge­be­ten, im Sin­ne ei­nes Ab­kom­mens auch wei­ter kom­pro­miss­be­reit zu sein. Das schliesst na­tür­lich auch ein, dass wir Kom­pro­mis­se ma­chen müs­sen.» Je­de Sei­te ha­be ih­re ro­ten Li­ni­en, sagt Mer­kel, die schon zu Be­ginn des Gip­fels deut­lich kon­sens­ori­en­tier­ter auf­trat als et­wa Frank­reichs Staats­prä­si­dent Em­ma­nu­el Ma­cron.

Drei em­pör­te Tweets

Wie ge­ring das Ver­trau­en zwi­schen Lon­don und Brüs­sel ist, zeig­te sich kurz vor Mer­kels Auf­tritt. Noch wäh­rend der Pres­se­kon­fe­renz von EU-Rats­prä­si­dent Charles Mi­chel am Don­ners­tag­abend – und noch be­vor EUChef­un­ter­händ­ler

Mi­chel Bar­nier sich über­haupt öf­fent­lich äus­ser­te – ver­schick­te Da­vid Frost drei knap­pe Tweets. Der bri­ti­sche Chef­un­ter­händ­ler zeig­te sich em­pört, dass die EU in den Gip­fel­be­schlüs­sen for­de­re, dass sich nur das Ver­ei­nig­te Kö­nig­reich be­we­gen müs­se, um ein Ab­kom­men zu er­rei­chen.

Frust über die Bri­ten

Die­se In­ter­pre­ta­ti­on ist es, die Mer­kel dann ge­gen Mit­ter­nacht aus der Welt schaf­fen woll­te. Denn meis­ter­haft kom­mu­ni­ziert ha­ben die EU-27 zu­vor nicht. Im Ge­gen­teil: Die Staats- und Re­gie­rungs­chefs lie­fer­ten den Bri­ten ei­ne Vor­la­ge, die Frost dan­kend an­nahm. Er sei «ent­täuscht» und «über­rascht» von den Schluss­fol­ge­run­gen des Gip­fels, schreibt Frost, weil in de­ren Ent­wurf noch da­von die Re­de ge­we­sen sei, die Ver­hand­lun­gen «zu in­ten­si­vie­ren». Aus EU-De­le­ga­ti­ons­krei­sen heisst es da­zu, man ha­be die For­mu­lie­rung her­aus­ge­nom­men, da­mit dies nicht als Kri­tik an Bar­nier in­ter­pre­tiert wer­den kön­ne. Der Fran­zo­se wer­de zu «100 Pro­zent» un­ter­stützt und sol­le sei­ne Ar­beit fort­set­zen.

Am Mitt­woch war beim letz­ten Tref­fen der EU-Bot­schaf­ter vor dem Gip­fel Frust über die Bri­ten zum Aus­druck ge­kom­men: Die­se wür­den das Aus­tritts­ab­kom­men ver­let­zen, John­son stel­le Ul­ti­ma­ten – war­um soll­te es nun die EU sein, die sich «in­ten­si­ver» be­mü­hen müs­se? Un­ter dem Strich bleibt vom Gip­fel das, was der neue bel­gi­sche Mi­nis­ter­prä­si­dent Alex­an­der De Croo schon vor dem Tref­fen sag­te: «Ein No-Deal wä­re ver­rückt, aber ein schlech­ter Deal wä­re noch ver­rück­ter.» Dar­an hat sich nach dem Gip­fel nichts ge­än­dert.

In Brüs­sel herrscht nach John­sons An­kün­di­gung, sich doch ei­ne Hin­ter­tür of­fen­zu­las­sen, vor­sich­ti­ger Op­ti­mis­mus.

Fo­to: Dan Kit­wood (Get­ty Images)

Bo­ris John­son be­zeich­net das Ver­hal­ten der EU als «kom­plett in­ak­zep­ta­bel».

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