Ho­he Hür­den für schwar­ze Wäh­ler

Mehr als ei­ne Mil­li­on frü­he­re Straf­tä­ter hät­ten in Flo­ri­da erst­mals wäh­len dür­fen, doch dann schal­te­ten sich die Re­pu­bli­ka­ner ein. Der Aus­schluss von Wäh­lern ist ein al­tes Pro­blem, das sich ge­ra­de neu zeigt.

Zürcher Unterländer - - Vorderseit­e - Alan Cas­sidy,

USA In Flo­ri­da hät­ten 2020 mehr als ei­ne Mil­li­on frü­he­re Straf­tä­ter erst­mals wäh­len dür­fen. Das hat das Volk in ei­ner Ab­stim­mung ent­schie­den. Doch bei der Um­set­zung bau­ten die Re­pu­bli­ka­ner Hür­den ein. Da­her kön­nen vie­le Be­trof­fe­ne wei­ter­hin nicht wäh­len. Vor­wie­gend in Ge­gen­den mit vie­len schwar­zen Wäh­lern wur­de die Zahl der Wahl­lo­ka­le re­du­ziert.

Für Keith Ivey wä­re es das ers­te Mal ge­we­sen, mit 47 Jah­ren, end­lich. Die ers­te Stim­me für ei­nen Prä­si­dent­schafts­kan­di­da­ten. «Das ers­te Mal das Ge­fühl, ein voll­wer­ti­ger Bür­ger zu sein», sagt er. Ivey war An­fang 20, als er in Flo­ri­da we­gen or­ga­ni­sier­ten Be­trugs zu zehn Jah­ren Ge­fäng­nis ver­ur­teilt wur­de. Nach acht­ein­halb Jah­ren kam er we­gen gu­ter Füh­rung frei. Er be­leg­te noch im Ge­fäng­nis Kur­se in Buch­hal­tung, und seit sei­ner Ent­las­sung führt er mit sei­nem Va­ter ein Ge­schäft für Ge­braucht­wa­gen am Rand von Jack­son­vil­le. Er zahlt Steu­ern, hält sich an die Ge­set­ze, aber wäh­len darf er nicht. Noch im­mer nicht.

Und plötz­lich die­se neue Auf­la­ge

Da­bei hat­te es gut aus­ge­se­hen für Keith Ivey und die knapp 1,4 Mil­lio­nen wei­te­ren Ex-Straf­ge­fan­ge­nen, de­nen der Bun­des­staat Flo­ri­da das Wahl­recht auf Leb­zeit ab­er­kannt hat­te. Die meis­ten sind Schwar­ze und La­ti­nos. Vor zwei Jah­ren ent­schie­den die Bür­ger von Flo­ri­da in ei­ner Volks­ab­stim­mung, die Ver­fas­sung zu än­dern und den meis­ten Ex-Häft­lin­gen das Wahl­recht zu­rück­zu­ge­ben. Auch Keith Iveys Toch­ter stimm­te da­für. «Ein sym­bo­li­scher, sehr schö­ner Mo­ment», sagt er.

Doch kurz dar­auf ver­ab­schie­de­te das re­pu­bli­ka­nisch be­herrsch­te Par­la­ment ein Ge­setz, das die Re­form so­gleich wie­der ver­wäs­ser­te. Um wäh­len zu kön­nen, muss­ten die Ex-Ge­fan­ge­nen nun zu­erst al­le Ge­richts­ge­büh­ren und Geld­stra­fen ab­be­zah­len.

Im Ab­stim­mungs­kampf war da­von nie die Re­de ge­we­sen. Keith Ivey war trotz­dem nicht über­rascht, als er da­von hör­te. «Nur sehr er­schöpft», sagt er. Er sitzt mit Mas­ke und im T-Shirt in sei­nem Au­to­ge­schäft an ei­ner stark be­fah­re­nen Stras­se. Das klei­ne Bü­ro ist auf­ge­räumt, Kun­den kom­men der­zeit nicht vie­le – die Pan­de­mie. Wenn Ivey über sein ver­lo­re­nes Wahl­recht re­det, wirkt er re­si­gniert.

Frü­he­re Straf­ge­fan­ge­ne ge­ben auf

«Für die­se Leu­te», sagt er und meint die Re­pu­bli­ka­ner, «ist das ein lan­ge ge­plan­ter Schach­zug. Sie wis­sen ge­nau, dass sie da­mit ei­ne gan­ze Men­ge Leu­te von der Wahl aus­schlies­sen kön­nen.» Ivey hat­te sich ei­ner Kla­ge von 16 wei­te­ren Ex-Häft­lin­gen an­ge­schlos­sen, die das Ge­setz an­fech­ten woll­ten. Ein Ap­pel­la­ti­ons­ge­richt wies die Kla­ge im Sep­tem­ber ab.

Es ist nicht nur so, dass Keith Ivey wo­mög­lich Mü­he hät­te, die teils sehr ho­hen Ge­büh­ren zu be­glei­chen, um tat­säch­lich wäh­len zu dür­fen. «Ich weiss nicht ein­mal, was ich über­haupt schul­dig bin», sagt er. Der Bun­des­staat Flo­ri­da führt kei­ne zen­tra­le Da­ten­bank dar­über. Iveys ei­ge­ne Re­cher­chen führ­ten ins Lee­re, we­gen der Pan­de­mie sind vie­le Leu­te in den zu­stän­di­gen Äm­tern nicht zu er­rei­chen.

Auch die Ak­ti­vis­ten, die für die Or­ga­ni­sa­ti­on des Mil­li­ar­därs Mi­cha­el Bloom­berg Wäh­ler re­gis­trie­ren, konn­ten ihm nicht hel­fen. Und so bleibt Ivey am Wahl­tag zu Hau­se. So wie Keith Ivey geht es auch vie­len an­de­ren frü­he­ren Straf­ge­fan­ge­nen: Sie ge­ben auf. Bür­ger­recht­ler schät­zen, dass bloss ei­ni­ge Tau­send frü­he­re Straf­ge­fan­ge­ne bei der an­ste­hen­den Wahl teil­neh­men wer­den. Aus Sicht der Re­pu­bli­ka­ner ist das ein Er­folg.

Die Fra­ge, ob Do­nald Trump oder Joe Bi­den die Wahl ge­winnt, lässt sich mit ei­ner Ge­gen­fra­ge be­ant­wor­ten: Wes­sen Stim­me zählt? Wer kann pro­blem­los an der Wahl teil­neh­men, und wem wer­den da­bei St­ei­ne in den Weg ge­legt?

Was den frü­he­ren Straf­ge­fan­ge­nen in Flo­ri­da wi­der­fährt, ist ein Teil ei­nes grös­se­ren Kamp­fes, den die Re­pu­bli­ka­ner in vie­len Bun­des­staa­ten für den «Schutz» des Wahl­rechts füh­ren – oder für sei­ne Ein­schrän­kung, wie Kri­ti­ker sa­gen. Die­ser Kampf geht be­son­ders zu­las­ten der Schwar­zen, La­ti­nos und an­de­ren eth­ni­schen Min­der­hei­ten – Men­schen, die über­wie­gend die De­mo­kra­ti­sche Par­tei wäh­len.

Wie das in der Pra­xis aus­sieht, lässt sich zum Bei­spiel in Te­xas be­ob­ach­ten. Dort hat­te der Land­kreis Har­ris Coun­ty, in dem die Me­tro­po­le Hous­ton liegt, zwölf «drop bo­xes» ge­plant – Wahl­lo­ka­le, in de­nen brief­lich aus­ge­füll­te Wahl­zet­tel ab­ge­ge­ben wer­den kön­nen.

Der re­pu­bli­ka­ni­sche Gou­ver­neur Greg Ab­bott ent­schied je­doch, dass es pro Land­kreis nur ein ein­zi­ges sol­ches Wahl­lo­kal ge­ben dür­fe – egal, ob die­ser Land­kreis 4,7 Mil­lio­nen Ein­woh­ner hat wie Har­ris Coun­ty oder nur 149 wie das kleins­te Coun­ty. Für die Wäh­ler in und um Hous­ton ist die brief­li­che Stimm­ab­ga­be da­mit kom­pli­zier­ter ge­wor­den.

In den USA trifft ei­ne Aus­weis­pflicht mehr­heit­lich Ar­me und Afro­ame­ri­ka­ner.

Am An­fang steht ein Ur­teil des Su­pre­me Court

Bis vor kur­zem hät­te der Gou­ver­neur ei­nen sol­chen Schritt zu­erst vom US-Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um in Wa­shing­ton ge­neh­mi­gen las­sen müs­sen. So ver­lang­te es der Vo­ting Rights Act von 1965. Der Su­pre­me Court kipp­te je­doch 2013 ei­ne Schutz­klau­sel aus dem Bür­ger­rechts­ge­setz. Die­se hat­te be­son­ders die ehe­mals se­gre­gier­ten Süd­staa­ten bei der Or­ga­ni­sa­ti­on der Wahl un­ter die Auf­sicht der Bun­des­re­gie­rung ge­stellt.

Die Fol­gen die­ses Ur­teils hal­len nach: Nach der Stu­die ei­ner Bür­ger­rechts­grup­pe wur­den seit­her mehr als 1200 Wahl­lo­ka­le im Sü­den ge­schlos­sen, oft­mals in Ge­gen­den, in de­nen vie­le schwar­ze Wäh­ler le­ben.

In Te­xas be­grün­de­te Ab­bott die Re­duk­ti­on der Wahl­lo­ka­le mit dem Wahl­be­trug, den es zu ver­hin­dern gel­te – so, wie das die Re­pu­bli­ka­ner meis­tens tun. In kei­ner Stu­die wur­de je­doch ir­gend­wo in den USA sys­te­ma­ti­scher Wahl­be­trug nach­ge­wie­sen. Im Bun­des­staat Min­ne­so­ta stell­te ei­ne von Do­nald Trump er­nann­te Bun­des­rich­te­rin kürz­lich fest, dass auf 45 Mil­lio­nen ab­ge­ge­be­ne Stim­men seit 1979 ge­ra­de ein­mal zwei Be­trugs­fäl­le ka­men. Trotz­dem wird mit die­sem Ar­gu­ment in­zwi­schen in vie­len Bun­des­staa­ten ein amt­li­cher Fo­to­aus­weis bei der Stimm­ab­ga­be ver­langt.

In Eu­ro­pa wä­re das nicht er­wäh­nens­wert, doch in den USA gibt es kei­nen ein­heit­li­chen Per­so­nal­aus­weis. Nach ei­ner Stu­die des Brenn­an Cen­ter von 2012 hat­ten 21 Mil­lio­nen Ame­ri­ka­ner we­der ei­nen Rei­se­pass noch ei­nen Füh­rer­schein. Ein Vier­tel von ih­nen wa­ren Schwar­ze. Um ei­nen Aus­weis zu be­sor­gen und wäh­len zu kön­nen, müs­sen sie Geld auf­brin­gen, das sie oft nicht ha­ben.

Ein­schüch­te­rung und Ge­walt von Ras­sis­ten

Manch­mal wird die Ab­sicht da­hin­ter so­gar ganz ex­pli­zit. Kurz nach­dem der Su­pre­me Court 2013 die Schutz­klau­sel im Vo­ting Rights Act ge­kippt hat­te, er­ar­bei­te­ten die Re­pu­bli­ka­ner in North Ca­ro­li­na ein Ge­setz, das ei­ne stren­ge Aus­weis­pflicht vor­sah.

Im zu­stän­di­gen Aus­schuss des Lan­des­par­la­ments gab ein Ver­tre­ter der Par­tei­füh­rung of­fen zu, dass die Aus­weis­pflicht zu ei­nem Ver­lust des Wahl­rechts für be­stimm­te An­hän­ger der De­mo­kra­ten füh­ren wer­de: «Das ist der Grund für die Fo­to­aus­wei­se,

Punkt, En­de der Dis­kus­si­on.» Das Ge­setz wur­de spä­ter von ei­nem Bun­des­ge­richt für dis­kri­mi­nie­rend er­klärt.

Dass die Wahl für vie­le Schwar­ze er­schwert wird, ist nichts Neu­es. Noch bis Mit­te der 1960er-Jah­re wur­den Afro­ame­ri­ka­ner in den Süd­staa­ten da­von ab­ge­hal­ten, sich nur schon als Wäh­ler zu re­gis­trie­ren. Das ge­schah ganz di­rekt, durch Ein­schüch­te­rung und Ge­walt von den Ras­sis­ten des Ku-Klu­xKlans.

Und es ge­schah in­di­rekt, mit nicht we­ni­ger de­mü­ti­gen­den Me­tho­den: Um sich in den Wahl­re­gis­tern ein­tra­gen zu las­sen, muss­ten Schwar­ze Le­se- und Recht­schreib­tests über sich er­ge­hen las­sen. All dies en­de­te erst mit dem Vo­ting Rights Act von 1965.

Die Me­tho­den sind neu, das Ziel bleibt gleich

Die Rechts­pro­fes­so­rin Gil­da Da­ni­els ver­gleicht die heu­ti­ge Pflicht für Fo­to­aus­wei­se mit den «poll ta­xes» von frü­her: den Wahl­steu­ern, die im se­gre­gier­ten Sü­den er­ho­ben wur­den. Die Mit­tel hät­ten sich ge­än­dert, aber das Ziel sei im­mer noch das­sel­be. «Es geht dar­um, Min­der­hei­ten, Ar­me und Äl­te­re von der Wahl ab­zu­hal­ten», sagt Da­ni­els, die lan­ge als Spe­zia­lis­tin für Bür­ger­rech­te im US-Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um ge­ar­bei­tet hat.

Vie­le Fort­schrit­te sei­en in den ver­gan­ge­nen Jah­ren zu­nich­te­ge­macht wor­den. «Wir sind als Land dar­an, den kon­ti­nu­ier­li­chen An­griff auf den Zu­gang zur Wahl zu ver­schla­fen.»

Und dann ist da auch noch Do­nald Trump. Der Prä­si­dent be­haup­tet seit Jah­ren oh­ne Grund­la­ge, dass Mil­lio­nen von Men­schen il­le­gal wäh­len gin­gen. In den ver­gan­ge­nen Wo­chen hat er sei­ne An­hän­ger wie­der­holt auf­ge­ru­fen, in den Wahl­lo­ka­len nach dem Rech­ten zu se­hen, um Be­trug zu ver­hin­dern.

Auch da­hin­ter steckt ei­ne dunk­le Ge­schich­te: In New Jer­sey lies­sen die Re­pu­bli­ka­ner 1981 Män­ner mit Arm­bin­den pa­trouil­lie­ren, um Wäh­ler in schwar­zen Ge­gen­den ein­zu­schüch­tern. Ein Ge­richt un­ter­sag­te der Par­tei die­se Tak­tik – doch das ent­spre­chen­de De­kret lief vor zwei Jah­ren aus. Mit wel­chen Fol­gen? Das wird der kom­men­de Wahl­tag zei­gen.

Fo­to: Go Na­ka­mu­ra (Reu­ters)

Nicht im­mer geht es schnell und ein­fach an die Ur­nen: Wäh­le­rin­nen war­ten auf die Stimm­ab­ga­be in Hous­ton, Te­xas.

Fo­to: Alan Cas­sidy

Zahlt Steu­ern, kann nicht wäh­len: Keith Ivey.

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