Ein neu­er Trai­ner und vie­le Pro­ble­me

Der Juve-Star lässt sich trotz In­fek­ti­on nach Tu­rin flie­gen.

Zürichsee-Zeitung (Horgen) - - Vorderseit­e -

Fuss­ball Am Sonn­tag kämpft der FC Zü­rich in der Su­per Le­ague erst­mals nach der Län­der­spiel­pau­se wie­der um Punk­te. Nach den zahl­rei­chen Miss­er­fol­gen der ver­gan­ge­nen Wo­chen und Mo­na­te steht mit Mas­si­mo Riz­zo ein neu­er Chef­trai­ner an der Sei­ten­li­nie. Der bis­he­ri­ge U-18-Coach, vor­der­hand ad in­te­rim im Amt, steht vor ei­ner schwie­ri­gen Auf­ga­be.

Am Tu­ri­ner Flug­ha­fen Ca­sel­le war­te­te ein pri­va­ter Am­bu­lanz­wa­gen auf Cris­tia­no Ro­nal­do, und das war für sich schon ein ei­gen­tüm­li­ches Bild, ei­nes für die Samm­lung von son­der­ba­ren Schnapp­schüs­sen aus die­ser Zeit. CR7 hat Co­vid-19. Pri­vat war auch der Flug, der den Por­tu­gie­sen von Lis­s­a­bon zu­rück nach Tu­rin brach­te, sei­nem Ar­beits­platz. Er durf­te da­für nicht sei­ne ei­ge­ne Ma­schi­ne ge­brau­chen, die Gulfstream 200: Denn auch der Flie­ger muss­te ei­ne Am­bu­lanz sein. Wer da­für be­zahlt hat, ist nicht klar, wahr­schein­lich Ju­ven­tus.

Je­den­falls war die Rück­kehr des Fuss­ball­kö­nigs, der wan­deln­den Pla­kat­säu­le des ita­lie­ni­schen Fuss­balls, ei­ne Ver­bie­gung des Si­cher­heits­pro­to­kolls – ei­ne le­ga­le zwar, aber eben doch ei­ne stra­pa­zier­te In­ter­pre­ta­ti­on der Re­geln. Die Tu­ri­ner Ge­sund­heits­be­hör­de hat die Aus­nah­me be­wil­ligt, und das geht in Ita­li­en vie­len auf die Ner­ven, so­gar dem Sport­mi­nis­ter.

Der Cal­cio ver­sinkt ge­ra­de im Cha­os mit Co­ro­na, sa­ni­tär und ju­ris­tisch. Die Lis­te mit In­fek­ti­ons­fäl­len in der Se­rie A wird im­mer län­ger, dreis­sig Na­men ste­hen ak­tu­ell dar­auf, und ei­ner von ih­nen ist der Pos­ter­boy der Li­ga. Zehn von zwan­zig Teams sind mitt­ler­wei­le be­trof­fen. Die Dy­na­mik der Neu­in­fek­tio­nen gleicht je­ner des gan­zen Lan­des – ra­sant wach­send. Trotz Ab­schot­tung, trotz Pro­to­kol­len und Dau­er­tests. Al­lein In­ter Mai­land zählt sechs Spie­ler mit Co­ro­na, Mi­lan zwei, und am Wo­che­n­en­de steht das Mai­län­der Der­by auf dem Pro­gramm. Wie soll das nur wei­ter­ge­hen?

Ro­nal­do fühlt sich of­fen­bar blen­dend, kei­ne Sym­pto­me, Dau­men rauf für die so­zia­len Me­di­en. Die Nach­richt sei­nes po­si­ti­ven Tests in Por­tu­gal, wo er ge­ra­de für ei­nen Ter­min mit der Na­tio­nal­mann­schaft weil­te, war den ita­lie­ni­schen Me­di­en so wich­tig, dass sie Push­mel­dun­gen aufs Han­dy schick­ten. «Ro­nal­do choc», ti­tel­te der «Cor­rie­re del­la Se­ra», was Le­sern im hart ge­trof­fe­nen Nor­den Ita­li­ens wie ei­ne pie­täts­lo­se Über­trei­bung vor­kom­men muss­te.

Vor­bild Bas­ket­ball?

Aber na­tür­lich ging es da­bei vor al­lem um die Sor­ge ums Ge­schäft. Die Au­ra des 35-jäh­ri­gen Ro­nal­do macht et­wa 99 Pro­zent der ge­sam­ten Strahl­kraft der Se­rie A aus, Kom­pli­ka­tio­nen wä­ren ver­hee­rend. Über­haupt: Der Cal­cio wür­de ei­ne Su­s­pen­die­rung der Meis­ter­schaft wohl wirt­schaft­lich nicht über­le­ben, ge­schwei­ge denn ei­nen Ab­bruch. Man­che Ana­lys­ten sind der Mei­nung, dass nur ei­ne Bla­se im Stil der NBA die Se­rie A bis zum Sai­son­en­de ret­ten wür­de. Doch wie ei­ne sol­che Bub­b­le im Fuss­ball prak­tisch funk­tio­nie­ren könn­te, wo ge­spielt wür­de und in wel­chen Zeit­ab­stän­den – dar­über hat sich bis­her noch nie­mand ernst­haft Ge­dan­ken ge­macht.

Der Trai­ner von Sas­suo­lo Cal­cio, Ro­ber­to De Zer­bi, ist ei­ner der Für­spre­cher der Bla­se. Er ar­gu­men­tiert mit ei­ner Sze­ne aus sei­nem Fa­mi­li­en­all­tag: «Wenn ich nach Hau­se kom­me, küs­se ich mei­ne Kin­der. Die sind 15 und 17 Jah­re alt, sie ge­hen aus, was weiss ich schon, was die im Aus­gang

ma­chen?» Und was ist mit den Fuss­bal­lern – zu­mal mit de­nen, die stän­dig im Aus­land sind, mit dem Ver­ein oder der Na­tio­nal­mann­schaft?

Die jüngs­te Wel­le der Neu­an­ste­ckun­gen im Cal­cio hat­te in Ge­nua be­gon­nen, beim Ge­noa Cri­cket and Foot­ball Club. Fast die gan­ze Mann­schaft, auch Va­lon Beh­ra­mi, in­fi­zier­te sich mit Co­ro­na, in der aku­tes­ten Pha­se wa­ren 17 Spie­ler und 5 Be­treu­er des Ver­eins po­si­tiv. Als man am 27. Sep­tem­ber ge­gen Na­po­li an­trat, war man der La­ge noch nicht ge­wahr. Na­po­li ge­wann 6:0, fiel dann aber in ei­ne mitt­le­re Psy­cho­se, als be­kannt wur­de, dass beim Geg­ner vie­le Co­ro­na hat­ten. Die ers­ten Tests of­fen­bar­ten zwei po­si­ti­ve Fäl­le in den ei­ge­nen Rei­hen, und am 4. Ok­to­ber soll­te man nach Tu­rin fah­ren, zum Spit­zen­spiel ge­gen Juve.

Na­po­li und der Jo­ker

Die Ver­ei­ne re­de­ten mit­ein­an­der, Na­po­li bat um ei­ne Ver­schie­bung. Doch Juve moch­te nicht dar­auf ein­ge­hen, was zu­min­dest ju­ris­tisch ihr gu­tes Recht war: Das Re­gle­ment des Fuss­ball­ver­bands sieht vor, dass die Ver­ei­ne der Se­rie A nur dann ei­ne Ver­schie­bung be­an­tra­gen kön­nen, wenn min­des­tens zehn Spie­ler des Ka­ders be­kann­ter­wei­se in­fi­ziert sind – und sie dür­fen das nur ein­mal pro Sai­son tun.

Ein Jo­ker al­so. Na­po­li hät­te ihn ger­ne ge­gen Ju­ven­tus ein­ge­löst, die In­ku­ba­ti­ons­zeit war schliess­lich erst an­ge­lau­fen. Nie­mand wuss­te, wie vie­le bis zum Spiel­be­ginn noch po­si­tiv wer­den wür­den. Auch das lo­ka­le nea­po­li­ta­ni­sche Ge­sund­heits­amt kam zur Über­zeu­gung, dass es si­che­rer sei, wenn das Team nicht nach Tu­rin flie­gen wür­de, und ver­bot die Rei­se mit ei­ner Ver­fü­gung.

Nun, Juve lief trotz­dem auf und be­kam Recht, fürs Ers­te we­nigs­tens. Das Sport­ge­richt ent­schied nun, dass Na­po­li sehr wohl hät­te rei­sen kön­nen, dass das vor­ge­brach­te Mo­tiv der «hö­he­ren Ge­walt» in die­sem Fall nicht gel­te – oder an­ders: Für den Rich­ter ste­hen die Re­geln des Fuss­balls über der Ver­fü­gung der Ge­sund­heits­be­hör­de. Das Ver­dikt: Nea­pel ver­liert das Spiel 0:3, aus­ser­dem wird dem Ver­ein als Stra­fe ein Punkt ab­ge­zo­gen.

Na­po­li geht in Be­ru­fung, zwei sport­recht­li­che In­stan­zen ste­hen da­für noch zur Ver­fü­gung, der Ver­ein prüft auch ei­nen Gang vor die or­dent­li­che Jus­tiz. Es steht al­so ei­ne lan­ge Schlacht be­vor, be­glei­tet von den üb­li­chen Po­le­mi­ken zwi­schen dem Nor­den und dem Sü­den des Lan­des. Wie im­mer mischt sich auch die Po­li­tik wie­der mäch­tig ein. Geht es so wei­ter, ver­kommt das Dra­ma zur Gro­tes­ken.

Fo­to: Get­ty

Ro­nal­do: Mit Pri­va­t­am­bu­lanz – so­gar in der Luft.

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