Sa­ti­re. Oder was?

Wochen Blitz - - Verschiedenes -

Die Ko­lum­ne von Ernst Nim­mich

Ich er­tap­pe mich selbst. Ich schaue nun schon seit Mi­nu­ten auf mein Smart­pho­ne, um deut­sche Nach­rich­ten zu le­sen. Die Bay­ern ste­cken im­mer noch in der Kri­se, und das ist wich­tig zu wis­sen, auch wenn mir ei­ne be­zau­bern­de Per­son ge­gen­über­sitzt. Macht aber nichts, sie te­le­fo­niert ge­ra­de und das seit ge­fühl­ten St­un­den. Wir wer­den zu Fra­ge­zei­chen. Wo auch im­mer, un­ser Kopf ist un­se­rem un­ver­zicht­ba­ren Han­dy zu­ge­neigt, der Na­cken krumm, die Schul­tern nach vorn, ein Arm stark an­ge­win­kelt, um bei An­ruf den schnells­ten Weg zum Ohr zu fin­den. Wir kom­mu­ni­zie­ren. Nicht mit un­se­rem Ge­gen­über. Nein, mit der Welt. In Fra­ge­zei­chen­hal­tung. Schau­en Sie sich um. Da sit­zen fünf Per­so­nen am Tisch ei­nes Re­stau­rants und kli­cken sich durch ih­re Ese­mes­ses. Sie spre­chen nicht mit­ein­an­der. Viel­leicht schi­cken sie sich ge­ra­de ein paar SMS zu. Sie sim­sen so­zu­sa­gen mit­ein­an­der. War­um te­le­fo­nie­ren sich nicht ein­fach mit­ein­an­der? Das Han­dy ist ei­ne phan­tas­ti­sche Er­fin­dung. Wie ha­ben wir je­mals oh­ne dem Ding über­lebt? Vor­bei die Zei­ten, ver­dreck­te Te­le­fon­zel­len zu su­chen, die oh­ne­hin nicht funk­tio­nier­ten. Vor­bei die Zei­ten, wo­chen­lang auf ei­nen Fest­an­schluss zu war­ten und beim Nach­fra­gen vom Be­am­ten an­ge­schnauzt zu wer­den „Glau­ben Sie, Sie sind hier der ein­zigs­te...?“. Heu­te sind wir frei! Wir sind über­all und je­der­zeit er­reich­bar. Nicht mehr per Han­dy, die sind out. Man hat ein smart­pho­ne. Denn mit smart­pho­ne hat man Apps. Apps sind su­per tol­le Pro­gram­me, die ich mir auf mein Han­dy, sor­ry: smart­pho­ne, run­ter­la­den kann und die mir in al­len Le­bens­la­gen hel­fen. Schau­en Sie mal auf die Hit­lis­te der meist ge­la­de­nen Apps. Zwi­schen Rang 1 und 20 be­fin­den sich 17 Spie­le. Ist das nicht gross­ar­tig? Ich kann das Te­le­fon als Ta­schen­lam­pe ver­wen­den, das App ist kos­ten­los. Sehr be­liebt ist das Spie­gel App, Platz 12. Uni­ver­sell ver­wend­bar. Erst rein­schau­en, ob die Haa­re schön sind und dann Fo­tos ma­chen. Mit ei­nem Ge­rät! Um je­doch nicht nur Pi­ckel zu fin­den, ha­be ich so­gar ein Na­vi­ga­ti­ons­sys­tem, mit dem ich al­le noch so klei­nen Gas­sen fin­den kann. Ich kann so­gar selbst ge­fun­den wer­den. „ Ju tee nai? Whe­re are you, dar­ling?“„Och du, ich bin hier ge­ra­de auf dem Ex­press­way im Stau...“. „Oh I see, ve­ry clo­se Beer­gar­den“. Aus. Vor­bei. Das ist lei­der der Mo­ment, bei dem mei­ne Ver­bin­dung re­gel­mäs­sig schlecht wird. Mir auch. Manch­mal spre­chen wir aber auch mit­ein­an­der. Per­sön­lich, mein ich. Ist et­was müh­se­lig, weil stän­dig je­mand an­ruft. Ich ken­ne noch Zei­ten, da hat man den Hö­rer wäh­rend ei­nes Ge­sprächs nicht ab­ge­nom­men. Man war so­zu­sa­gen nicht er­reich­bar. Oder in ei­nem Mee­ting. „Ich ru­fe zu­rück“- „Er ruft zu­rück“war die gän­gi­ge Drei­er-Kon­ver­sa­ti­on zwi­schen Chef, Se­kre­tä­rin und An­ru­fer. Oder un­ter Kol­le­gen, um ei­nen An­ru­fer ab­zu­wim­meln. Wa­ren das noch Zei­ten. Heu­te wird -egal, was man ge­ra­de wich­ti­ges oder un­wich­ti­ges be­spricht- der An­ruf ent­ge­gen­ge­nom­men. Mit­ten im Satz. „Ent­schul­di­gung, ist wich­tig“. Da sit­ze ich nun in mei­ner Un­wich­tig­keit, kann mich aber we­nigs­tens wie­der den ewi­gen Zwei­ten aus der mia-san-mi­aWelt zu­wen­den. Mei­ne Tisch­ge­fähr­tin wen­det sich mir zu. „Wol­len wir be­stel­len?“Wir wol­len be­stel­len. Ich win­ke mit der frei­en Hand der Kell­ne­rin zu, die freund­lich lä­chelnd auf das Ge­rät an ih­rem Ohr deu­tet. Dau­ert al­so noch ein we­nig. Nach we­ni­ger als ei­ner St­un­de nahm sie dann un­se­re Be­stel­lung auf, in dem sie un­se­re Wün­sche in ein Ge­rät ein­tipp­te und, hal­ten Sie sich fest, on­line an die Kü­che schick­te. Es wur­de dann trotz­dem ein wirk­lich net­ter Abend. Er­zähl ich ih­nen aber spä­ter. Muss mal eben ran­ge­hen. Wich­tig.

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