Sa­ti­re. Oder was?

Wochen Blitz - - Kolumne Fuss-, Rücken-, Aromaölmassage, Lymphdrain -

Bit­te sor­gen Sie jetzt da­für, dass Ih­re Kin­der dies nicht zu le­sen be­kom­men, ja? Sonst krie­ge nicht nur ich schwe­ren Är­ger, son­dern auch für Sie ist das Weih­nachts­fest ge­lau­fen. Denn ge­nau dar­um geht es näm­lich, um das Fest.

Wenn Sie sich je­mals ge­fragt ha­ben, wie es der Weih­nachts­mann je­des Jahr schafft, die Ge­schen­ke pünkt­lich zum Fest ab­zu­lie­fern, und da­bei in vie­len Fäl­len ge­nau das un­ter den Baum legt, was man sich von ihm ge­wünscht hat, dann wer­de ich Ih­nen hier und heu­te mal die Au­gen öff­nen.

Es war ein­mal, wie im­mer in sol­chen Fäl­len, am An­fang nur ei­ne Idee. Und wie im­mer in sol­chen Fäl­len stamm­te die­se Idee aus den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka, die zur Ge­burts­stun­de die­ser Idee noch markt­füh­rend in der Krea­ti­vi­tät und Um­set­zung neu­er Ge­schäfts­mo­del­le wa­ren – al­so, lang ist’s her.

Ge­burts­stun­de. Dass war das Stich­wort für ei­nen ge­lang­weil­ten Stu­den­ten aus dem Vo­r­ort ei­ner gro­ßen Stadt an der West­küs­te der USA, die um­ge­ben war von ei­ner Viel­zahl lang­wei­li­ger Golf­plät­ze, und in dem es so lang­wei­lig war, dass man die­se Ge­gend Das Tal der Trä­nen nann­te. Spä­ter wur­de es um­ge­tauft in Das Tal des Si­li­zi­ums. Way­ne Night­man, so hieß die­ser jun­ge Mann, leb­te in ei­ner rei­chen Fa­mi­lie, de­ren Hö­he­punk­te aus Hal­lo­ween, Thanks­gi­ving, Ab­we­sen­hei­ten des Pa­pas und Weih­nach­ten be­stan­den.

Weih­nach­ten. Wie­der ein­mal gab es für Way­ne das glei­che wie beim letz­ten Fest: SOS – So­cken, Ober­hemd, Schlips. All dies zu tra­gen war zu der Zeit noch üb­lich, auch an Uni’s.

Un­ser Way­ne dach­te nun über den Zeit­punkt der Ge­burt Chris­ti und Weih­nach­ten nach und frag­te sich, wie es dem Weih­nachts­mann wohl ge­lingt, stets - wenn auch un­pünkt­lich - die Wün­sche zu er­fül­len, aber aus­ge­rech­net ihm da­bei stän­dig die­se be­scheu­er­ten Schlip­se un­ter den Baum zu le­gen. Er rief sei­nen Pa­pa an, der aber über sei­ne Se­kre­tä­rin aus­rich­ten ließ, dass er doch bit­te ei­nen Ter­min ma­chen mö­ge – na­tür­lich über die Se­kre­tä­rin.

Die Ko­lum­ne von Ernst Nim­mich

Da­her frag­te er sei­ne Mut­ti: „Mom, wie kann ich den Weih­nachts­mann er­rei­chen? Hast du sei­ne Adres­se?“Mom, mit Mas­ke im Ge­sicht und oh­ne Zäh­ne im Mund, rief vom Ba­de­zim­mer nur: „ Je­sus Christ“, was sich für uns so an­hört wie „Schi­ses kreist“. Way­ne ver­stand „ Je­sus cries“, was wohl stimmen wür­de, hät­te man Je­sus da­zu be­fra­gen kön­nen.

Way­ne fand die Adres­se selbst her­aus und schrieb nun ei­nen Brief an den Weih­nachts­mann. Ge­schickt wie er war, be­schwer­te er sich nicht, son­dern bot dem Weih­nachts­mann ei­ne Ko­ope­ra­ti­on an: Pünkt­li­che Aus­lie­fe­rung ge­gen pas­sen­de Ge­schen­ke. Er steck­te den Brief in den Brief­kas­ten und sie­he, es dau­er­te nicht lan­ge, und er er­hielt ei­ne Ant­wort. „OK, Klug­scheis­ser, dann mach mal ei­nen Bu­si­ness­plan“. Und so setz­te sich Way­ne - nein, nicht in sein Zim­mer - in die Ga­ra­ge, denn das war ge­ra­de „in“bei sei­nen Freun­den Wil­li­am und Da­vid, Bill und Ste­ve, und mach­te ei­nen Bu­si­ness­plan.

Es dau­ert nicht lan­ge und Way­ne, ganz der Pa­pa, fand her­aus, dass das Pro­blem a) im In­for­ma­ti­ons­fluss b) der Be­schaf­fungs­pla­nung und c) der Aus­lie­fe­rungs­lo­gis­tik liegt. Und so schrieb er:

1. Zu­nächst sind al­le Men­schen zu zäh­len und zu er­fas­sen.

2. Je­der Mensch soll schrift­lich ei­ne Lis­te sei­ner Wün­sche nie­der­schrei­ben und Way­ne recht­zei­tig, d.h. min­des­tens drei Mo­na­te vor Ablauf des De­zem­bers je­den Jah­res, dar­über in­for­mie­ren.

3. Way­ne Night­man wird um­ge­hend den Weih­nachts­mann über die Wun­sch­lis­ten in Kennt­nis set­zen.

4. Um ei­ne recht­zei­ti­ge Aus­lie­fe­rung zu ge­währ­leis­ten, gel­ten fol­gen­de Lie­fer­zei­ten:

a) Aus­tra­li­en/ Neu­see­land: je­weils am 25.12. von 1 Uhr bis 6 Uhr mor­gens

b) Asi­en: gar nicht c) Ara­bi­sche Län­der: erst recht nicht d) Afri­ka: al­les an die Kö­ni­gin von En­g­land, die soll ge­fäl­ligst für den Rest in den von ihr be­setz­ten Län­dern sor­gen

e) Mit­tel­eu­ro­pa: je­weils am 24.12. ab 18 Uhr

f) Aus­nah­me UK: 25.12., frü­hes­tens 9 Uhr, weil die Bri­ten noch ih­re Rausch aus­schla­fen müs­sen

g) USA und Mit­tel­ame­ri­ka: 25.12, ab 7 Uhr, mit dem ent­schei­den­den lo­gis­ti­schen Vor­teil der Zeit­ver­schie­bung

5. Der je­wei­li­ge Vor­stand der Emp­fän­ger­fa­mi­li­en ist auf aus­rei­chen­de De­ckung sei­nes Kon­tos bzw. sei­ner Kre­dit­kar­te zu über­prü­fen.

6. Soll­ten Lie­fe­run­gen zu spät oder gar nicht er­fol­gen, so ist in der Re­gel der je­wei­li­ge Fa­mi­li­en­vor­stand in Re­gress zu neh­men, da of­fen­sicht­lich sei­ne Kre­dit­kar­te nicht ge­deckt war.

7. Soll­ten Lie­fe­run­gen nicht den Wün­schen der Emp­fän­ger ent­spre­chen, tritt ei­ne Um­tausch­frist bis zum En­de des Fol­ge­mo­nats in Kraft.

8. Bei Ge­schen­ken an Ehe­frau­en gilt dies für das kom­plet­te Fol­ge­jahr.

9. Ge­schen­ke an Kin­dern sind vom Um­tausch aus­ge­schlos­sen, da sie be­reits nach ei­ner St­un­de ka­putt sind. Hier er­fol­gen Er­satz­lie­fe­run­gen, so­fern die Be­din­gun­gen des § 5 po­si­tiv er­füllt wer­den.

Und so be­gab es sich, dass sich Way­ne in Be­glei­tung sei­ner treu­er Hir­ten Mel und Bal­ti auf den Weg mach­te, um den Weih­nachts­mann auf­zu­su­chen. Der war be­geis­tert von sei­nem Bu­si­ness­plan. „Boy, das hast du gut ge­macht. Das gibt mir end­lich die Ge­le­gen­heit, mich nach Pat­ta­ya zu­rück­zu­zie­hen.“

Aber das war noch nicht al­les. Way­ne Night­man er­kann­te sehr schnell, dass sein Hei­mat­tal in Si­li­con Val­ley ei­ni­ges zu bie­ten hat­te, um Schlip­se für Söh­ne, So­cken für Pa­pis, Köl­nisch Was­ser für Mut­ti, Stütz­strümp­fe für Oma, Zi­gar­ren für Opi, Bau­klöt­ze für Se­bas­ti­an und Püp­pies für Sa­bin­chen mit an­de­ren sinn­vol­len Ge­schen­ken zu er­set­zen.

Da­mit be­gann der spä­te­re Sie­ges­zug vie­ler neu­er Ge­schenk­ide­en: be­heiz­ba­re Woll­de­cken wur­den nicht nur zur Weih­nachts­zeit, son­dern stets auch in un­ter­kühl­ten Bus­sen an­ge­bo­ten, und Bar­bie ge­wann den ers­ten Preis in „Wir su­chen die üp­pigs­te Schöns­te“(oder „püp­pigs­te Schöns­te“, glaub ich). Al­le Pro­duk­te, die mit „i“be­gan­nen, wur­den zum Hei­lig­tum nicht nur für Ju­gend­li­che. Mut­ti durf­te auf Kreuz­fahr­ten, be­glei­tet von Oma und Opa, da­mit Pa­pi mal kurz nach Thai­land dü­sen konn­te. Ge­schäft­lich na­tür­lich.

Und un­ser Way­ne? Nun, Way­ne hat zu­nächst mal Mel und Bal­ti raus­ge­schmis­sen, die spä­ter in Hol­ly­wood Kar­rie­re mach­ten, und dem Weih­nachts­mann ei­ne ho­he Ab­fin­dung ge­zahlt, um den Vor­stands­pos­ten im neu ge­grün­de­ten Un­ter­neh­men „Why Night­man“zu über­neh­men. Dann, so­zi­al wie er nun mal war, bau­te er eben­sol­che Netz­wer­ke na­mens „Gezwitscher“und „Buch der Ge­sich­ter“auf. Da­mit hat­te er - um es in den Wor­ten des Herrn Pfar­rers wie­der­zu­ge­ben, der am Hei­lig­abend die Weih­nachts­ge­schich­te er­zählt - sei­ne Ge­mein­de stets nah um sich und hilft den Un­wis­sen­den. Oder an­ders ge­sagt: weiss nun mit Si­cher­heit, was die Men­schen sich wün­schen, spe­zi­ell, wenn die nicht wis­sen, was sie oder an­de­re sich wün­schen.

Mo­ti­viert vom Weih­nachts­mann, der nun in Pat­ta­ya die Ren­tie­re raus­lässt, lebt Way­ne heu­te auch in Thai­land und sorgt da­für, dass nie­mand - aber auch wirk­lich nie­mand - ver­gisst, dass das Fest be­vor­steht. Ad­vents­ka­len­der be­kom­men Sie über­all be­reits im Ok­to­ber, hüb­sche En­gel mit Plas­tik­flü­geln und ro­ter Zip­fel­müt­ze um­schwir­ren nicht nur die Lich­ter der Shop­ping Malls, son­dern auch die Cow­boys in der Soi, bis hin zum Os­ter­fest. Und von über­all bel­len die Jingles. Ist das nicht schön? Fehlt in Thai­land nur noch der Schnee. Aber da­ran ar­bei­tet Way­ne – mit Si­cher­heit.

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