FUN­NY GA­MES

Wochen Blitz - - Kolumne -

„Die Kat­ze ist tot.“Die­ter er­starr­te. Er stand in sei­ner Sui­te, ei­nem Pent­haus, den Te­le­fon­hö­rer an sein Ohr ge­preßt. Zwei­fel­los hat­te ihn je­mand aus der Lob­by an­ge­ru­fen, das konn­te er an­hand von Hin­ter­grund­ge­räu­schen aus­ma­chen. Der An­ru­fer hat­te sich nicht die Mü­he ge­macht, nach oben in die Sui­te zu kom­men, son­dern von der Re­zep­ti­on aus an­ge­ru­fen. Die Fra­ge, wer das sein konn­te, ver­wun­der­te Die­ter aber noch viel mehr. Sei­ne Freun­de klin­gel­ten meist un­an­ge­mel­det an sei­ner Tür, al­le wohn­ten in dem­sel­ben Ho­tel. Die­ter konn­te sich auch nicht er­in­nern, je­mals sei­ne Num­mer her­aus­ge­ge­ben zu ha­ben. War al­so ei­ner sei­ner Freun­de in die Lob­by ge­gan­gen um von dort aus an­zu­ru­fen, an­statt ihn im Pent­haus zu be­su­chen? Mys­te­ri­ös schien Die­ter auch der Um­stand, daß ihm die Stim­me am Te­le­fon selt­sam be­kannt vor­kam. Sei­ne Freun­de schloß er je­doch so­fort aus. Wer konn­te es dem­nach ge­we­sen sein?

Nach dem kur­zen Satz hat­te der un­be­kann­te An­ru­fer so­fort auf­ge­legt, oh­ne ei­ne Re­ak­ti­on sei­tens Die­ters ab­zu­war­ten. Der ließ lang­sam den Te­le­fon­hö­rer sin­ken, hielt ei­nen Mo­ment in­ne und ging dann zu sei­ner Bar in der ge­räu­mi­gen Kü­che, die nur von ei­nem Tre­sen vom Wohn­zim­mer der Sui­te ab­ge­trennt wur­de. Dort mach­te er Licht über dem Herd, die Däm­me­rung war längst her­ein­ge­bro­chen, oh­ne daß Die­ter es ge­merkt hat­te. Zu­vor hat­te nur der Bild­schirm des Com­pu­ters das Zim­mer sche­men­haft be­leuch­tet.

Auf dem Tre­sen stan­den fein säu­ber­lich auf­ge­reiht meh­re­re Fla­schen Al­ko­hol, dar­un­ter auch Red La­bel. Die­ter nahm ein Glas, goß sich ein, füll­te es mit Was­ser auf, das je­den Mor­gen vom Ho­tel be­reit­ge­stellt

Bis zur bit­te­ren Nei­ge

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Nach­dem er das Eis ins Glas hat­te glei­ten las­sen, nahm er es in die Hand und ging in sei­ner Sui­te um­her. An sei­nen Com­pu­ter, an dem er vor dem An­ruf ge­ar­bei­tet hat­te, setz­te er sich nicht mehr.

Die­ter wohn­te seit sie­ben Jah­ren in der Sui­te, der Miet­ver­trag, den er mit dem Ho­tel Me­tro­po­lis in der Soi Dia­na Inn ge­schlos­sen hat­te, wür­de bald aus­lau­fen. An den obers­ten Stock­wer­ken wur­de noch ge­baut, als er ein Zim­mer in der drit­ten Eta­ge be­zog und dar­auf war­te­te, end­lich ins Pent­haus ein­zie­hen zu dür­fen.

Un­zäh­li­ge Er­in­ne­run­gen ver­ban­den ihn mit die­ser Sui­te. Aber sol­che Ge­dan­ken wisch­te er vor­erst bei­sei­te, wäh­rend er sich auf die Su­che nach sei­ner Kat­ze be­gab, ein Weib­chen, weiß-grau ge­ti­gert, an­schmieg­sam und lie­be­be­dürf­tig. Sie war fast so alt wie die Sui­te, in der Die­ter wohn­te, und ge­nau­so lan­ge hat­te er die Kat­ze auch.

Ein Freund hat­te sie kurz nach Die­ters Ein­zug ins Pent­haus mit­ge­bracht, da war die Kat­ze erst zwei Mo­na­te alt. Die­ter soll­te sie pfle­gen, wäh­rend sein Freund ei­nen Kurz­auf­ent­halt in Deutsch­land plan­te. Der Freund kehr­te nicht zu­rück, die Kat­ze blieb.

Sie hat­te im Lau­fe der Zeit di­ver­se Lieb­lings­plätz­chen ent­deckt. Auf die­sem oder je­nem Ses­sel, un­ter ei­ner Kom­mo­de oder in ei­nem der Ein­bau­schrän­ke – ein­zig zu die­sem Zweck stand hier im­mer ei­ne Tür of­fen.

Aber die Kat­ze blieb ver­schwun­den. Sie war auch nicht im Ba­de­zim­mer, in das sie manch­mal ging, um in die Ba­de­wan­ne zu sprin­gen und dort Was­ser zu sau­fen. Die Res­te nach Die­ters mor­gend­li­chem Bad. Ei­nen mit Was­ser ge­füll­ten Fut­ter­napf, der auf der Ter­ras­se stand, be­ach­te­te die Kat­ze nicht im­mer.

Die­ter warf noch schnell ei­nen Blick in den Spie­gel. Er konn­te nicht um­hin, je­des­mal in den Spie­gel zu se­hen, wenn er an ei­nem vor­bei­kam. Im Ba­de­zim­mer hing ei­ner über dem Wasch­be­cken, ei­ne kom­plet­te Wand im Schlaf­zim­mer war ver­spie­gelt – ge­gen­über vom Bett – und in der Die­le hin­ter dem Ein­gang stand eben­falls ein gro­ßer Spie­gel. Im zwei­ten Ba­de­zim­mer gab es eben­falls ei­nen, aber das be­trat Die­ter nur sel­ten.

Mit ei­ner für ihn ty­pi­schen Ges­te fuhr sich Die­ter über die Stirn, um sich ei­ne lan­ge blon­de Tol­le aus dem Ge­sicht zu wi­schen. Es wur­de wohl wie­der ein­mal Zeit, sich den Po­ny schnei­den zu las­sen. Trotz sei­nes Al­ters sah er noch blen­dend aus, um nicht zu sa­gen, Die­ter war ein tol­ler Hecht, wie er nun dach­te. Er beug­te sich über das Wasch­be­cken und be­trach­te­te sein Ge­sicht ganz ge­nau. Kei­ne Fal­ten an den Au­gen, nicht ein­mal beim La­chen oder Lä­cheln, kei­ne Trä­nen­sä­cke oder dun­k­len Rin­ge. Sein Kinn glatt wie ein Ba­by­po­po, ob­wohl er sich nicht da­ran er­in­nern konn­te, wann er sich das letz­te Mal ra­siert hat­te. Sei­ne grau­en Au­gen re­flek­tier­ten das Licht des Ba­de­zim­mers und strahl­ten ge­ra­de­zu.

Er sah ge­nau­so wie da­mals aus, als er der Hek­tik und vor al­len Din­gen der Il­lu­si­on Pat­ta­yas zu ent­rin­nen ver­such­te, und auf Sand­we­gen wan­del­te. Dort, wo das „wah­re“Thai­land noch sein ver­meint­lich un­ver­fälsch­tes Ge­sicht zeig­te.

Noch ein­mal fuhr sich Die­ter durch die Haa­re und trat dann aus der Sui­te her­aus auf die Ter­ras­se. In der Mit­te be­fand sich ein groß­zü­gig an­ge­leg­ter Swim­ming­pool, das Was­ser lief von ei­nem knapp zwei Me­ter ho­hen künst­li­chen Fel­sen hin­ein. Am äu­ßers­ten nord­west­li­chen Rand ros­te­te ein aus­ran­gier­ter Baht-Bus vor sich hin, von di­ver­sen Sch­ling­pflan­zen über­wu­chert. Ne­ben der Tür zum Pent­haus stan­den ein lan­ger Tisch mit Sitz­ge­le­gen­hei­ten, da­ne­ben ein paar Lie­ge­stüh­le. Ei­ne leich­te Bri­se ließ die Son­nen­schir­me er­zit­tern, die tags­über Schat­ten spen­de­ten.

Die­ter passierte den Swim­ming­pool, ei­ne Dusch­ka­bi­ne und ge­lang­te zum äu­ßers­ten Rand der rie­si­gen Ter­ras­se, die bei­na­he an ei­nen Re­gen­wald er­in­ner­te, weil auf ihr un­zäh­li­ge exo­ti­sche Bäu­me, Bü­sche und Blu­men wuch­sen. Stel­len­wei­se führ­ten schma­le, san­di­ge We­ge durch das dich­te Un­ter­holz.

Die Blät­ter der Bäu­me ra­schel­ten im Wind. Selbst Zi­ka­den wa­ren dort hei­misch ge­wor­den und ver­an­stal­te­ten ihr re­gel­mä­ßi­ges täg­li­ches Kon­zert, wel­ches nach ei­nem laut­star­ken Hö­he­punkt bei Ein­bruch der Däm­me­rung erst ge­gen Abend ver­ebb­te.

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