Her­kunft von Straf­tä­tern ist in Ös­ter­reichs Pres­se kein Ta­bu

Tür­ken,Rus­sen,Deut­sche:Wen­nös­ter­rei­chi­scheMe­dien­über­Ver­bre­chen­be­rich­ten,wird an­der­sal­sinDeutsch­land wie­selbst­ver­ständ­lich­die Na­tio­na­li­tät­derTä­ter ge­nannt.Kri­ti­ker­se­hen da­sal­sBe­las­tung­fürs ge­sell­schaft­li­cheKli­ma.

Amerika Woche - - Alpenregion -

S er­be stach in Tief­ga­ra­ge auf Ehe­frau ein!“„Ru­mä­ne ge­steht sie­ben Über­fäl­le!“„Be­trun­ke­ner Ru­mä­ne flüch­tet im Lkw vor Po­li­zei!“Über­schrif­ten wie die­se tau­chen in Ös­ter­reich täg­lich auf. Nicht nur der Bou­le­vard er­wähnt die Na­tio­na­li­tät von Straf­tä­tern, na­he­zu al­le ös­ter­rei­chi­schen Ta­ges­zei­tun­gen in­for­mie­ren ih­re Le­ser stets dar­über, aus wel­chem Land ein Kri­mi­nel­ler stammt. Kri­ti­ker fürch­ten, dass da­durch Ras­sis­mus in der Al­pen­re­pu­blik ver­stärkt wird. Die De­bat­te dar­über steht je­doch erst am An­fang.

Die Nen­nung der Na­tio­na­li­tät von Straf­tä­tern sei an sich noch kei­ne Dis­kri­mi­nie­rung, heißt es beim ös­ter­rei­chi­schen Pres­se­rat. „Sie weg­zu­las­sen, wä­re das me­di­en­ethi­sche Sah­ne­häub­chen“, meint aber Pres­se­rats- Ge­schäfts­füh­rer Alex­an­der War­zi­lek. Al­ler­dings ge­be es in Ös­ter­reichs Me­di­en so vie­le Fäl­le noch of­fen­sicht­li­che­rer Dis­kri­mi­nie­rung. „Da muss man erst­mal die grö­be­ren Fäl­le ab­ar­bei­ten.“

Der Deut­sche Pres­se­rat gibt in die­ser Fra­ge ei­ne kla­re Li­nie vor: „ In der Be­richt­er­stat­tung über Straf­ta­ten wird die Zu­ge­hö­rig­keit der Ver­däch­ti­gen oder Tä­ter zu re­li­giö­sen, eth­ni­schen oder an­de­ren Min­der­hei­ten nur dann er­wähnt, wenn für das Ver­ständ­nis des be­rich­te­ten Vor­gangs ein be­gründ­ba­rer Sach­be­zug be­steht. Be­son­ders ist zu be­ach­ten, dass die Er­wäh­nung Vor­ur­tei­le ge­gen­über Min­der­hei­ten schü­ren könn­te“, heißt es im Ko­dex der Me­di­en­wäch­ter.

Doch auch in Deutsch­land gibt es Dis­kus­sio­nen. Man­che Re­dak­tio­nen fin­den die Ein­schrän­kun­gen zu re­strik­tiv, an­de­ren ge­hen sie nicht weit ge­nug.

„ Wir ge­hö­ren zu den wahr­schein­lich we­ni­gen Zei­tun­gen, die im Re­gel­fall die Na­tio­na­li­tät be­zie­hungs­wei­se die geo­gra­fi­sche Zu­ge­hö­rig­keit ei­nes Ver­däch­ti­gen oder Tä­ters nen­nen“, sagt der Chef­re­dak­teur der „ Pforz­hei­mer Zei­tung“, Magnus Schlecht. Er ver­weist auf „ei­ne nicht un­er­heb­li­che Rol­le“von „Aus­län­der­kri­mi­na­li­tät in den Po­li­zei­sta­tis­ti­ken“. Da­her hal­te es sei­ne Zei­tung „ für ei­ne drin­gen­de Not­wen­dig­keit im Sin­ne der jour­na­lis­ti­schen Sorg­falts­pflicht, auf die Her­kunft von Ver­däch­ti­gen und Straf­tä­tern hin­zu­wei­sen“. Recht hat er - si­cher­lich!

„Die Na­tio­na­li­tät von Straf­tä­tern kann ei­ne In­for­ma­ti­on sein, die in der Be­richt­er­stat­tung Er­wäh­nung fin­den soll­te. Das hängt im­mer vom kon­kre­ten Fall ab“, sagt Hen­drik Zör­ner vom Deut­schen Jour­na­lis­ten­Ver­band (DJV). Me­di­en in Deutsch­land gin­gen da­mit ins­ge­samt je­doch weit­ge­hend sorg­fäl­tig um.

Vie­le Me­di­en in Ös­ter­reich ge­hen da ei­nen Schritt wei­ter. Gro­ße Zei­tun­gen wie „Die Pres­se“oder der „Ku­ri­er“er­wäh­nen die Na­tio­na­li­tät von Mis­se­tä­tern zu­min­dest als Fakt. „Ich fin­de das Nen­nen von Na­tio­na­li­tä­ten von Straf­tä­tern nicht pro­ble­ma­tisch“, sagt der Pan­ora­maRes­sort­lei­ter des „Ku­ri­er“, Micha­el Jä­ger. „Es ist ei­ne In­for­ma­ti­on wie der Tat­ort oder die Tat­zeit.“

Der Le­ser wol­le et­was über den Tä­ter er­fah­ren, der an­sons­ten in der Re­gel ja an­onym blei­ben müs­se, sagt Jä­ger. Al­ler­dings sol­le die Na­tio­na­li­tät nicht als Het­ze miss­braucht wer­den. „Ba­sis sind die Aus­sen­dun­gen der Po­li­zei. Wir re­cher­chie­ren das nicht da­zu.“

Bei Ös­ter­reichs In­nen­mi­nis­te­ri­um steht das The­ma auf der Agen­da. Die neue Richt­li­nie für Pres­se­mit­tei­lun­gen der Po­li­zei: „Wenn es zum Er­fas­sen ei­ner Tat nö­tig ist, kön­nen Na­tio­na­li­tä­ten ge­nannt wer­den.“Sie sol­len nicht mehr au­to­ma­tisch er­wähnt wer­den, doch frag­ten vie­le ös­ter­rei­chi­sche Me­di­en ge­zielt nach, wenn in Mit­tei­lun­gen Hin­wei­se zur Na­tio­na­li­tät von Tä­tern fehl­ten, sagt ein Mi­nis­te­ri­ums­spre­cher.

„Die De­bat­te über die­ses The­ma steht in Ös­ter­reich erst am An­fang“, sagt der Wie­ner Me­di­en­wis­sen­schaft­ler Fritz Haus­jell. „Vie­le ös­ter­rei­chi­sche Jour­na­lis­ten hal­ten die Na­tio­na­li­tät nach wie vor für ei­ne re­le­van­te In­for­ma­ti­on.“

Doch: „Na­tio­na­li­tä­ten er­klä­ren nicht die Hin­ter­grün­de von Straf­ta­ten.“Die ver­meint­li­chen Er­klä­run­gen sei­en viel­mehr oft kli­schee­haft. In der öf­fent­li­chen Wahr­neh­mung ent­ste­he „ei­ne Ver­bin­dung von Mi­gra­ti­on und Kri­mi­na­li­tät“, was re­al be­trach­tet al­ler­dings auch nicht ganz von der Hand ge­wie­sen wer­den kann.

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