Ruf des Mu­ez­zins - Is­ra­el will Mo­schee-Laut­spre­cher ver­bie­ten

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Al­la­hu Ak­bar, Al­la­hu Ak­bar“, „Gott ist groß, Gott ist groß“schallt es über die Alt­stadt von Je­ru­sa­lem, über die Gr­a­bes­kir­che, den Tem­pel­berg und auch die an­gren­zen­den Stadt­vier­tel. Es ist 11.25 Uhr, und die Mu­ez­zins ru­fen zum Ge­bet. In der Al Ein Mo­schee - ein paar 100 Me­ter hin­ter der Stadt­mau­er -kreischt Adam Awad - klein, oran­ges Po­lo­hemd, wei­ßes Haar - die ara­bi­schen Zei­len. Der Mu­ez­zin stellt sich fünf Mal am Tag ans Mi­kro­fon. „Es ist ei­ne For­de­rung des Is­lams, es zu tun“, sagt der 70-Jäh­ri­ge über den Ge­bets­ruf. „Wir wer­den nicht da­mit auf­hö­ren.“Man wird se­hen...

Is­rae­li­sche Par­la­ments­ab­ge­ord­ne­te se­hen das Gan­ze vor al­lem als Lärm­be­läs­ti­gung - wie auch vie­le eu­ro­päi­sche Bür­ger und wol­len die Laut­spre­cher auf den Ge­bets­häu­sern ver­bie­ten. „Hun­dert­tau­sen­de ei­den an­dau­ernd und je­den Tag un­ter dem Lärm, der durch die Mu­ez­zins in den Mo­sche­en ver­ur­sacht wird“, heißt es in ei­nem Ge­set­zes­vor­schlag. Schon bald will das Par­la­ment erst­mals dar­über ab­stim­men.

Der Pa­läs­ti­nen­ser­prä­si­dent Mahmud Ab­bas hat be­reits mit dem UN-Si­cher­heits­rat ge­droht, soll­te die­ses Ge­setz und ein wei­te­res zur Le­ga­li­sie­rung „wil­der Sied­lun­gen“im West­jor­dan­land ver­ab­schie­det wer­den. Bleibt nur zu hof­fen, dass ihm die UN da Gren­zen auf­zei­gen.

Al­lein in Je­ru­sa­lem ru­fen fast 80 Mu­ez­zins die Gläu­bi­gen par­al­lel zum Ge­bet - auch in der Nacht und am frü­hen Mor­gen. „Es ist sehr laut, den gan­zen Tag lang, und es wird kei­ne Rück­sicht auf an­de­rer Leu­te Le­ben ge­nom­men“, sagt Scho­scha­na Gold­stein. War­um auch? Wer nicht Mos­lem ist ist halt ein Un­gläu­bi­ger, wer muss da schon Rück­sicht neh­men?

Die 36-jäh­ri­ge Mut­ter von 14 Kin­dern lebt in der Alt­stadt, wo sie auch als Geld­wechs­le­rin ar­bei­tet. Sie wol­le nicht, dass ge­ra­de ei­nes ih­rer sie­ben klei­nen Kin­der durch den Ruf des Mu­ez­zins wach wer­de.

Die re­li­giö­sen Ju­den wür­den auch drei Mal am Tag be­ten - „oh­ne Leu­te auf der Stra­ße oder in ih­ren Häu­sern zu stö­ren“, sagt die jun­ge Frau, die ih­re Haa­re nach re­li­giö­ser Tra­di­ti­on mit ei­ner Müt­ze be­deckt.

Mi­nis­ter­prä­si­dent Ben­ja­min Ne­tan­ja­hu un­ter­stützt die Ge­set­zes­plä­ne. „Is­ra­el ist ein Land, dass den Frie­den der Re­li­gi­on für al­le Glaubensrichtungen re­spek­tiert“, sag­te er kürz­lich. „Is­ra­el ist au­ßer­dem da­zu ver­pflich­tet, die zu ver­tei­di­gen, die un­ter der Laut­stär­ke des ex­zes­si­ven Ge­räuschs der Durch­sa­gen lei­den.“Auch in an­de­ren Län­dern, et­wa in Eu­ro­pa, sei­en die Ru­fe der Mu­ez­zins ge­dämpft.

In Deutsch­land bei­spiels­wei­se prü­fen die Be­hör­den Ein­zel­fäl­le nach dem Lärm­schutz­ge­setz, wie ein Spre­cher des Um­welt­mi­nis­te­ri­ums in Berlin sagt. Da­bei sei auch die vom Grund­ge­setz ge­schütz­te Re­li­gi­ons­aus­übung zu be­ach­ten. Dass die­se dann oft Vor­rang vor der Lärm­be­läs­ti­gung „un­gläu­bi­ger“Men­schen hat, das er­wähn­te der Spre­cher na­tür­lich nicht.

Ver­gan­ge­ne Wo­che hat­ten in Is­ra­el noch ul­tra-or­tho­do­xe Kräf­te in der Re­gie­rung in­ter­ve­niert: Es be­ste­he die Ge­fahr, dass das Ge­setz auch die Schab­bats­i­re­nen ver­bie­te. In re­li­giö­sen Städ­ten wie Je­ru­sa­lem kün­digt am Frei­tag­abend ei­ne Si­re­ne den Be­ginn des Schab­bats an, des wö­chent­li­chen Ru­he­ta­ges. Nun liegt der Kom­pro­miss vor, die Laut­spre­cher nur zwi­schen 23.00 und 7.00 Uhr zu ver­bie­ten - ähn­lich der Re­ge­lun­gen zur Ru­he­stö­rung.

Für Scheich As­sam Cha­tib, Di­rek­tor der jor­da­ni­schen Wak­fStif­tung, wä­re auch das - na­tür­lich - nicht ak­zep­ta­bel. Die Wakf ver­wal­tet his­to­risch be­dingt die re­li­giö­sen Stät­ten in der Alt­stadt, auch die Al-Ak­sa-Mo­schee (Fo­to).

„Die Laut­spre­cher sind wich­tig, um die Men­schen dar­an zu er­in­nern, dass es Zeit für die Ge­be­te ist“, sagt er in sei­nem Bü­ro ne­ben dem Tem­pel­berg. In jü­di­schen Vier­teln kön­ne er sich vor­stel­len, dass die Mu­ez­zins nachts lei­ser rie­fen. „Aber nicht bei der AlAk­sa-Mo­schee.“ Der Tem­pel­berg mit der Mo­schee ist so­wohl für Mus­li­me wie auch für Ju­den hei­lig.

„Das ist ganz of­fen­sicht­lich ei­ne Pro­vo­ka­ti­on für al­le Mus­li­me auf der Welt“sagt Cha­tib - ei­ne für Mos­lems ty­pi­sche Art der Weh­kla­ge. „Das be­deu­tet, die wol­len das gan­ze Land ju­da­i­sie­ren, die wol­len kei­ne Chris­ten und kei­ne Mus­li­me, die wol­len nur ei­nen jü­di­schen Staat.“

Soll­te das Ge­setz ver­ab­schie­det wer­den, wer­de „die gan­ze Re­gi­on in die Luft flie­gen“. Dro­hen­de Aus­sa­gen wie die­se sind im­mer wie­der ein Grund mehr, den Mos­lems nicht nach­zu­ge­ben. In Is­ra­el le­ben ak­tu­ell knapp 1,5 Mil­lio­nen Mus­li­me. Das ent­spricht rund 18 Pro­zent der 8,5 Mil­lio­nen Be­woh­ner.

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