Bier­zelt oder gran­dio­ser Wurf? - De­bat­te um Mu­se­um der Mo­der­ne

Berlin ist für sei­ne er­bit­ter­ten De­bat­ten be­kannt. Na­tür­lich geht‘s auch beim neu­es­ten Pres­ti­ge­pro­jekt nicht oh­ne ab. Was ha­ben sich Her­zog & de Meu­ron da als neu­es Kunst­mu­se­um aus­ge­dacht?

Amerika Woche - - Die Hauptstadt-seite -

Auf die­ses Bau­vor­ha­ben schaut die gan­ze Welt. Hier wer­den wir dar­an ge­mes­sen, wie Deutsch­land mit Ar­chi­tek­tur um­geht“, so fass­te Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin Mo­ni­ka Grüt­ters (CDU) die Er­war­tun­gen an das ge­plan­te Mu­se­um des 20. Jahr­hun­derts in Berlin zu­sam­men. Seit die Ju­ry En­de Ok­to­ber das Schwei­zer Star­duo Her­zog & de Meu­ron als Sie­ger des Ar­chi­tek­ten­wett­be­werbs vor­stell­te, schla­gen in der Haupt­stadt die Wel­len hoch. Ist das wirk­lich ein „gran­dio­ser Ent­wurf“, ein Be­frei­ungs­schlag für das trost­lo­se Kul­tur­fo­rum - oder ist es ein Bier­zelt, ein Bau­markt, ei­ne Shop­ping­mall?

Jetzt sind in Berlin die Ent­wür­fe al­ler 40 Bü­ros zu se­hen, die am Wett­be­werb be­tei­ligt wa­ren - ein Who is Who der in­ter­na­tio­na­len Ar­chi­tek­tur­sze­ne. Bei ei­ner Po­di­ums­dis­kus­si­on zur Aus­stel­lungs­er­öf fnung ma­chen die Sie­ger deut­lich, wie­viel ih­nen an ei­ner ein­ver­nehm­li­chen Lö­sung ge­ra­de an die­sem pres­ti­ge­träch­ti­gen Stand­ort ge­le­gen ist. Ein Pro­jekt müs­se im­mer im Dia­log mit Bau­herrn, Nut­zern und Stadt ent­wi­ckelt wer­den, sagt Ascan Mer­gen­tha­ler, Se­ni­or­part­ner des Ba­se­ler Bü­ros. „Wir ge­hen nie da­von aus, dass un­ser Ent­wurf das End­re­sul­tat ist.“

Den­noch wird im Gro­ßen und Gan­zen blei­ben, was die Ju­ry un­ter Vor­sitz des Stutt­gar­ter Ar­chi­tek­ten Arno Le­de­rer ein­stim­mig als Spit­zen­lö­sung kür­te. Al­so ent­steht in der Nä­he des Pots­da­mer Plat­zes zwi­schen den bei­den Ar­chi­tek­turI­ko­nen der Neu­en Na­tio­nal­ga­le­rie von Lud­wig Mies van der Ro­he und der Phil­har­mo­nie von Hans Scha­roun ein gi­gan­ti­sches schlich­tes Haus für die Kunst der klas­si­schen Mo­der­ne - recht­eckig, Back­stein, Sat­tel­dach, fast 15.000 Qua­drat­me­ter Nutz­flä­che, bei­na­he 10.000 Qua­drat­me­ter Aus­stel­lungs­flä­che.

„Ist es ei­ne La­ger­hal­le? Oder ei­ne Scheu­ne? Oder vi­el­leicht ei­ne Bahn­hofs­hal­le? Ist es nicht viel­mehr ein Tem­pel, mit den ex­akt glei­chen Gie­bel­pro­por­tio­nen wie die Al­te Na­tio­nal­ga­le­rie von Au­gust Stü­ler?“, schrei­ben die Ar­chi­tek­ten in ih­rem Ex­po­sé selbst. Man ha­be die archai­sche Form des Hau­ses ge­wählt, um ei­nen Ort für al­le zu schaf­fen, sagt Fir­men­mit­be­grün­der Pier­re de Meu­ron (66). „Für uns ist es bei­des. Es ist sehr selbst­ver­ständ­lich, aber es muss auch selbst­be­wusst sein.“

Den Aus­schlag für die Fas­zi­na­ti­on der Ju­ry gab aber das Raum­kon­zept. Zwei sich kreu­zen­de in­ne­re Stra­ßen schaf­fen ei­ne Ver­bin­dung zwi­schen Phil­har­mo­nie und Na­tio­nal­ga­le­rie ei­ner­seits wie auch zwi­schen der be­nach­bar­ten Kir­che St. Mat­thäi und der ge­gen­über­lie­gen­den Staats­bi­blio­thek. Sie sol­len rund um die Uhr ein Durch­ge­hen und Ver­wei­len er­lau­ben. Wie in ei­ner Stadt soll die Kreu­zung so zum be­leb­tes­ten Ort der Hau­ses wer­den. Ein Licht­hof im Her­zen des Ge­bäu­des sorgt für Ta­ges­licht bis ins Un­ter­ge­schoss.

In so ei­nem Mu­se­um kön­ne man Kunst nicht nur an­zu­schau­en, son­dern auch er­le­ben und über sie spre­chen, sagt der künf­ti­ge Haus­herr, Na­tio­nal­ga­le­rie-Di­rek­tor Udo Kit­tel­mann. Und er­in­nert dar­an, wie wohl Mit­te der 60er Jah­re Mies van der Ro­he sei­nen heu­te so ge­fei­er­ten Glas­qua­der für die Neue Na­tio­nal­ga­le­rie vor­stell­te. „Was muss das in den ers­ten Re­ak­tio­nen aus­ge­löst ha­ben, dass die­ser Glas­tem­pel, der als Ent­wurf für ei­ne Schnaps­fa­brik auf Ku­ba ge­plant war, auf ein­mal ein Mu­se­um sein soll­te?“, mein­te er.

Jen­seits al­ler ar­chi­tek­to­ni­schen und künst­le­ri­schen Fra­gen wird al­ler­dings auch das Geld ei­ne wich­ti­ge Rol­le spie­len. 200 Mil­lio­nen Eu­ro hat der Bun­des­tag vor zwei Jah­ren be­wil­ligt, bis 2021 soll das Haus ste­hen. Her­zog & de Meu­ron ha­ben mit Groß­pro­jek­ten Er­fah­rung: Von ih­nen stammt et­wa die Al­li­anz Are­na in Mün­chen, der Neu­bau der Ta­te Mo­dern in Lon­don und das Na­tio­nal­sta­di­on in Pe­king, aber auch die fi­nan­zi­ell völ­lig aus dem Ru­der ge­lau­fe­ne Elb­phil­har­mo­nie in Ham­burg. Die Leh­re aus Ham­burg müs­se sein, die Pla­nung vor­ab wirk­lich bis ins De­tail fest­zu­zur­ren, mahnt de Meu­ron. „Wenn zu früh aus­ge­schrie­ben wird, kommt‘s zum De­sas­ter.“

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