Der ver­klär­te Kai­ser - Franz Jo­seph I. als Sym­bol ei­ner Epo­che

Amerika Woche - - Personalien - Extra -

Noch im Ster­ben är­ger­te sich Franz Jo­seph I., dass er sein Ar­beits­pen­sum nicht ge­schafft hat­te. Wie üb­lich in al­ler Frü­he, das hieß ge­gen 4 Uhr mor­gens, woll­te der fieb­rig­kran­ke Mon­arch wie­der ge­weckt wer­den. Kurz nach den An­wei­sun­gen an sei­nen Kam­mer­die­ner war der 86-Jäh­ri­ge tot. Im Schloss Schön­brunn, in Wien, in ganz Ös­ter­reich-Un­garn mach­te sich vor 100 Jah­ren das Ge­fühl breit, dass da­mit auch das En­de ei­ner Epo­che ge­kom­men war.

Der im Rück­blick ver­klär­te, von sei­nen Zeit­ge­nos­sen ge­ach­te­te Kai­ser hat­te das Habs­bur­ger-Reich 68 Jah­re re­giert. Sein Le­ben und Han­deln dreh­te sich um zwei Wer­te: Pflicht und Eh­re. Der „letz­te Mon­arch der al­ten Schu­le“, wie er sich sel­ber nann­te, ist ein frap­pan­tes Bei­spiel, dass die­se Wer­te nicht un­be­dingt in den Un­ter­gang füh­ren müs­sen, aber durch­aus das Po­ten­zi­al da­für ha­ben. Die „Eh­re“spiel­te ei­ne zen­tra­le Rol­le bei der Un­ter­schrift des Kai­sers un­ter die Kriegs­er­klä­rung an Ser­bi­en 1914 sie mar­kiert den Be­ginn des Ers­ten Welt­kriegs, der Ur-Ka­ta­stro­phe des 20. Jahr­hun­derts.

Wer war die­ser Kai­ser, der ei­nen Viel­völ­ker­staat von 50 Mil­lio­nen Un­ter­ta­nen in ei­ner Zeit des po­li­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Um­bruchs re­gier­te? Das Le­ben und die Zeit in zehn Stich­punk­ten: ER­ZIE­HUNG: Franz Jo­seph war ein fröh­li­ches Kind mit viel Ta­lent fürs Zeich­nen. Aber der über­aus stren­ge Lehr­plan for­der­te An­de­res: Der künf­ti­ge Mon­arch muss­te un­ter an­de­rem Fran­zö­sisch, Tsche­chisch, Un­ga­risch, Ita­lie­nisch und Pol­nisch ler­nen, viel tur­nen, schwim­men, rei­ten und fech­ten so­wie sich mi­li­tä­risch bil­den. Lie­be zu Bü­chern ent­wi­ckel­te er da­bei kei­ne. Die Stren­ge des Ler­nens hin­ter­ließ zeit­le­bens Spu­ren: We­nig fan­ta­sie­vol­les Ab­ar­bei­ten des Ta­ges­solls war spä­ter des Kai­sers höchs­te Pflicht als ers­ter Be­am­ter des Staa­tes.

HERR­SCHAFT: In der Re­vo­lu­ti­on von 1848 kam Franz Jo­seph als 18-Jäh­ri­ger an die Macht, als sein On­kel Fer­di­nand un­ter dem Druck der Stra­ße ab­dank­te. 1849 schlug er den Auf­stand der Un­garn blu­tig nie­der. Ge­ne­rell agier­te Franz Jo­seph in den An­fangs­jah­ren un­si­cher und gna­den­los. Sein schlech­ter Ruf än­der­te sich erst nach dem miss­lun­ge­nen At­ten­tat ei­nes Un­garns auf ihn 1853.

Ein Jahr spä­ter sonn­te sich der Kai­ser dank der Hoch­zeit mit der da­mals 16-jäh­ri­gen baye­ri­schen Her­zo­gin Eli­sa­beth (ge­nannt Si­si; im Film spä­ter auch „Sis­si“) in neu­er Po­pu­la­ri­tät. Er woll­te künf­tig vor al­lem ge­recht über sei­ne elf Völ­ker herr­schen. Die Un­garn be­ka­men mit der Grün­dung der Dop­pel­mon­ar­chie 1867 je­doch ei­ne Son­der­stel­lung, die an­de­re bald auch an­streb­ten.

SIE­GE & NIE­DER­LA­GEN: Es ha­gel­te im Le­ben des Kai­sers, der das Mi­li­tär sehr schätz­te und au­ßer auf der Jagd fast im­mer Uni­form trug, bei­na­he nur Nie­der­la­gen. 1859 gin­gen in den Schlach­ten von Ma­gen­ta und Sol­fe­ri­no gro­ße Tei­le Obe­r­ita­li­ens ver­lo­ren. 1866 un­ter­lag Ös­ter­reich den Preu­ßen bei Kö­nig­grätz. Den Un­ter­gang sei­nes Rei­ches durch die Nie­der­la­ge im Ers­ten Welt­krieg 1918 er­leb­te er nicht mehr.

FRAU­EN: Si­si war sei­ne gro­ße Lie­be, aber ih­re Un­rast und ihr mo­der­ner Hang zur Selbst­ver­wirk­li­chung ent­frem­de­ten bei­de. Dem erz­ka­tho­li­schen Kai­ser war sei­ner­seits Treue fremd. Wie vie­le Ge­lieb­te der Kai­ser wirk­lich hat­te, ist un­klar. Die Be­zie­hung zu zwei Frau­en ist dank Brie­fen und Ta­ge­bü­chern aber gut do­ku­men­tiert. An­na Nahow­ski lern­te der Kai­ser 1875 im da­mals schon für die Öf­fent­lich­keit be­geh­ba­ren Schloss­park Schön­brunn ken­nen. Die Af­fä­re der ver­hei­ra­te­ten Frau mit Franz Jo­seph dau­er­te rund 15 Jah­re. Be­kann­ter ist die Be­zie­hung zur Burg­schau­spie­le­rin Kat­ha­ri­na Schratt. Die­se Af­fä­re wur­de von Si­si, die eher als prü­de galt, selbst ein­ge­fä­delt. Die Ge­lieb­ten wur­den reich be­schenkt. MEDIENSTAR: Franz Jo­seph wur­de so oft por­trä­tiert und fo­to­gra­fiert, wie kein an­de­rer Zeit­ge­nos­se. Das Bild des gü­tig wir­ken­den al­ten Herrn mit dem wei­ßen Ba­cken­bart war ei­ne ge­mein­sa­me Klam­mer im Viel­völ­ker­reich der Habs­bur­ger. Von ihm exis­tie­ren rund 10.000 Fo­tos und an­de­re Le­bens­do­ku­men­te. Er selbst fühl­te sich zu­letzt ein­sam.

ALL­TAG: Franz Jo­seph war ein Mor­gen­mensch - um es ge­lin­de aus­zu­drü­cken. Zwi­schen drei und vier Uhr wur­de auf­ge­stan­den. Leib­die­ner wu­schen und ra­sier­ten den Mon­ar­chen. Den Rest des Ta­ges be­stimm­ten Ter­mi­ne und Ak­ten das Le­ben des Kai­sers. Zig­tau­sen­de Un­ter­ta­nen emp­fing Franz Jo­seph zu kur­zen Au­di­en­zen in Schön­brunn. Die wah­ren Sor­gen und Nö­te des Vol­kes lern­te er da­bei aber nicht ken­nen.

LE­BENS­STIL: Der Kai­ser selbst leb­te ein­fach. Der Hof mit sei­nen meh­re­ren hun­dert An­ge­stell­ten war aber ein teu­res Un­ter­fan­gen. Für die Re­prä­sen­ta­ti­on wur­den kei­ne Kos­ten ge­scheut. Im Fuhr­park stan­den 500 bis 600 Kut­schen. Des Kai­sers liebs­tes Hob­by war die Jagd. Rund 55.000 Stück Wild sind auf den Ab­schuss­lis­ten er­fasst. Wild war aber nicht sei­ne Lieb­lings­kost. Le­gen­där - und bis heu­te in der Gas­tro­no­mie um­satz­för­dernd - wur­de sei­ne Vor­lie­be für Ta­fel­spitz. Mit der Mo­der­ne konn­te der Mon­arch we­nig an­fan­gen. Te­le­fon und Au­to ge­gen­über war er skep­tisch, trotz­dem be­saß der Hof schließ­lich 24 Wa­gen un­ter an­de­rem der Mar­ken Mer­ce­des, Fi­at, Ford und Daim­ler. SCHICKSALSSCHLÄGE: Das ers­te Kind, So­phie Frie­de­ri­ke, starb im Mai 1857 im Al­ter von zwei Jah­ren auf ei­ner Rei­se mit ih­rer Mut­ter in Un­garn. Im Ju­ni 1867 en­de­te das Le­ben von Franz Jo­sephs Bru­der Ma­xi­mi­li­an. Der da­ma­li­ge Kai­ser von Me­xi­ko wur­de hin­ge­rich­tet. Kron­prinz Ru­dolf, der ein­zi­ge Sohn von Franz Jo­seph, er­schoss sich und ei­ne Ge­lieb­te im Ja­nu­ar 1889. Im Sep­tem­ber 1898 wur­de Kai­se­rin Eli­sa­beth beim Spa­zier­gang am Gen­fer See von ei­nem An­ar­chis­ten er­sto­chen. Im Ju­li 1914 starb Nef­fe Franz Fer­di­nand beim At­ten­tat von Sa­ra­je­vo.

ZEITENWECHSEL: Die Nie­der­la­ge im Ers­ten Welt­krieg mach­te aus Ös­ter­reich-Un­garn, dem zweit­größ­ten Land Eu­ro­pas, ei­ne kaum über­le­bens­fä­hi­ge Mi­ni-Re­pu­blik. 85 Pro­zent sei­ner Flä­che und sei­ner Be­völ­ke­rung ge­hör­ten nun zu an­de­ren, neu­en Na­tio­nal­staa­ten. Aus Angst vor Hun­ger und Ar­beits­lo­sig­keit sprach sich die Re­pu­blik Deutsch­ös­ter­reich 1918 für den An­schluss an das Deut­sche Reich aus. Der Frie­dens­ver­trag von Ver­sailles un­ter­sag­te 1919 die­sen Schritt. Die Na­zis präg­ten bald das Schlag­wort „Heim ins Reich“für die Plä­ne, Ös­ter­reich - und das Su­de­ten­land - doch noch zu ver­ein­nah­men.

Das ge­schah 1938. VER­MÄCHT­NIS: Die Bau­ten, die Schlös­ser, die Ring­stra­ße. Ge­ra­de die Ring­stra­ße, ein ar­chi­tek­to­nisch durch­aus ge­nia­ler Wurf, prägt heu­te noch Wien. Das Er­be der Habs­bur­ger wird höchst er­folg­reich ver­mark­tet. Ih­re Schlös­ser sind tou­ris­ti­sche An­zie­hungs­punk­te. Al­lein das einst von Ma­ria The­re­sia zur Som­mer­re­si­denz aus­ge­bau­te Schloss Schön­brunn lockt jähr­lich mehr als drei Mil­lio­nen Be­su­cher an.

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