Trotz al­lem: EU geht wie­der auf die Tur­kei zu

Angst vor dem Plat­zen des Flücht­lings­de­als oder ein­fach nur Starr­sinn?

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Man mag es kaum glau­ben, aber die Eu­ro­päi­sche Uni­on scheint nicht ei­nen Deut lern­fä­hig zu sein - oder hält aus pu­rer Ver­zweif­lung an ei­nem „Ver­bün­de­ten“fest, der in Wirk­lich­keit al­les an­de­re als das ist. EU-Rats­prä­si­dent Do­nald Tusk (Fo­to 2.v.r.) kün­dig­te nach den Ver­hand­lun­gen der eu­ro­päi­schen Staats- und Re­gie­rungs­chefs in Brüs­sel an, die EU wer­de wei­ter auf die Tür­kei zu ge­hen und pla­ne im Früh­jahr ein ge­mein­sa­mes Gip­fel­tref­fen.

Tür­kei in die EU?

Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel dis­tan­zier­te sich von der völ­lig be­rech­tig­ten For­de­rung vor al­lem Ös­ter­reichs, die EU- Bei­tritts­ver­hand­lun­gen mit der Tür­kei ein­zu­frie­ren. Das Flücht­lings­ab­kom­men mit An­ka­ra müs­se „in all sei­nen Fa­cet­ten“um­ge­setzt wer­den, sag­te sie. Die meis­ten Men­schen in Eu­ro­pa se­hen das mitt­ler­wei­le al­ler­dings ganz an­ders: die Tür­kei in die EU? Bit­te nicht!

Als Ter­min für ein Spit­zen­tref­fen mit der Tür­kei ist nach An­ga­ben von EU-Di­plo­ma­ten ein Da­tum nach dem EU-Gip­fel am 10. März an­vi­siert. Ob das Tref­fen mit den 28 Staats- und Re­gie­rungs­chefs statt­fin­det oder nur mit den EUSpit­zen, steht noch nicht fest. Den letz­ten EU-Tür­kei-Gip­fel gab es im ver­gan­ge­nen März.

Tusk sag­te: „Wir ha­ben ge­nug The­men, die ei­ne Initia­ti­ve wie ei­nen sol­chen Gip­fel recht­fer­ti­gen.“Als Bei­spie­le nann­te er die Zu­sam­men­ar­beit in der Flücht­lings­kri­se und in der Han­dels­po­li­tik, al­so in der Zoll­uni­on, in der nied­ri­ge­re Han­dels­hür­den für be­stimm­te Gü­ter gel­ten.

Die Tür nicht zu­schla­gen

We­gen der Re­pres­sio­nen ge­gen Op­po­si­ti­on und Me­di­en in der Tür­kei bleibt das The­ma aber strit­tig. Der schein­bar un­be­lehr­ba­re CDU-Eu­ro­pa­po­li­ti­ker El­mar Brok (ganz links) sag­te: „Wir dür­fen die Tür nicht zu­schla­gen.“Die For­de­rung des ös­ter­rei­chi­schen Au­ßen­mi­nis­ters Se­bas­ti­an Kurz, die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen ein­zu­frie­ren, sei „eher in­nen­po­li­tisch als au­ßen­po­li­tisch mo­ti­viert“.

Da­ge­gen be­ton­te der FDPEu­ro­pa­po­li­ti­ker Alex­an­der Graf Lambs­dorff (ganz rechts), die Bei­tritts­ver­hand­lun­gen sei­en ge­schei­tert. Sinn­voll wä­ren aber kon­kre­te Pro­jek­te wie die Ver­tie­fung der Zoll­uni­on oder die Be­kämp­fung des Ter­ro­ris­mus. „Es gibt so viel, das Eu­ro­pa und die Tür­kei ge­mein­sam an­pa­cken könn­ten“, sag­te er.

Dro­hun­gen nicht rich­tig

Mer­kel be­ton­te, Dro­hun­gen in Rich­tung An­ka­ra sei­en nicht der rich­ti­ge Weg. An­ka­ra scheint das im Um­kehr­schluss ganz an­ders zu se­hen. Da be­steht die Re­to­rik mitt­ler­wei­le fast nur aus Dro­hun­gen. Auch wenn im Au­gen­blick kei­ne neu­en Ka­pi­tel bei den Bei­tritts­ver­hand­lun­gen er­öff­net wür­den, müss­ten die Ge­sprä­che „trotz­dem im Rah­men des­sen, was statt­fin­det, wei­ter­ge­hen“, so Mer­kel wei­ter. Dies könn­ten auch kri­ti­sche Ge­sprä­che sein. Wer‘s glaubt...

Die Kanz­le­rin er­in­ner­te auch an die be­son­de­re Rol­le der Tür­kei in der Flücht­lings­kri­se und ak­tu­ell in Sy­ri­en. „Die Tür­kei hat un­glaub­li­che Ver­ant­wor­tung über­nom­men mit drei Mil­lio­nen Flücht­lin­gen und ist auch jetzt wie­der be­reit, mit hu­ma­ni­tä­ren Hilfs­lie­fe­run­gen zu hel­fen.“

An­de­re Be­weg­grün­de

Dass die - mehr und mehr is­la­mis­ti­sche - Tür­kei ganz an­de­re Be­weg­grün­de hat - es ist un­ter der Hand im­mer wie­der von Un­ter­stüt­zung von Ter­ro­ris­ten die Re­de -, kam na­tür­lich nicht zur Spra­che. Das wür­de „Sul­tan“Er­do­gan (2.v.l.) und sei­ne ihm hö­ri­gen Tür­ken schlicht­weg dis­kre­di­tie­ren, wei­te­re Ge­sprä­che wä­ren dann nicht nur sinn­los, son­dern ei­ne Far­ce in Zei­ten, wo der is­la­mis­ti­sche Ter­ror die west­li­che Welt im­mer

wie­der er­schüt­tert.

Fal­sche Sicht­wei­se

Nach­dem zu­min­dest aus Sicht der EU der Flücht­lings­pakt mit der Tür­kei den Zu­zug über die Bal­kan­rou­te stark ge­bremst hat, rich­tet sich der Blick ver­stärkt auf das Mit­tel­meer. In Wahr­heit war es kei­nes­wegs das Flücht­lings­ab­kom­men, das den un­ers­träg­li­chen Zustrom vor al­lem mos­le­mi­scher jun­ger Männ­ger be­grenzt hat, son­dern viel­mehr die Schlie­ßung der Bal­kan­rou­te, in­iti­iert vom un­ga­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten Vik­tor Or­ban.

Der EU-Gip­fel sprach sich nun zu­dem da­für aus, so­ge­nann­te Part­ner­schafts­ab­kom­men mit afri­ka­ni­schen Her­kunfts- und Tran­sit­län­dern von Mi­gran­ten zu ver­fol­gen. „Wir sind uns ei­nig, dass da noch viel Ar­beit vor uns liegt“, sag­te Mer­kel in Brüs­sel.

Mil­lio­nen für Mi­gran­ten

Deutschland un­ter­stützt ei­ne Initia­ti­ve, die ins­ge­samt 100 Mil­lio­nen Eu­ro für die Ver­sor­gung von Mi­gran­ten in Afri­ka oder für Hil­fe bei de­ren Rück­kehr in ih­re Hei­mat­län­der zur Ver­fü­gung stellt. Deutschland steu­ert 48 Mil­lio­nen Eu­ro bei, Ita­li­en 22 Mil­lio­nen Eu­ro.

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