Ma­li: Der neue Ein­satz Num­mer eins der Bun­des­wehr

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Vie­le Jah­re galt Af­gha­nis­tan ein­deu­tig als wich­tigs­ter Ein­satz der Bun­des­wehr. Jetzt nimmt Ma­li nach und nach die­se Rol­le ein. Die Blau­helm-Mis­si­on in West­afri­ka wird im­mer grö­ßer, auf­wän­di­ger – und ge­fähr­li­cher.

Es ist nicht ganz ein­fach, sich bei 34 Grad im Schat­ten in Weih­nachts­stim­mung zu brin­gen. Die Sol­da­ten in Gao ge­ben ihr Bes­tes. Ein Weih­nachts­baum ist aus Deutschland an­ge­lie­fert wor­den. Auf­ge­stellt wird er erst an Hei­lig­abend. Es kön­ne je­der­zeit ein Sand­sturm auf­zie­hen, heißt es zur Be­grün­dung. Und für Sand­stür­me am Ran­de der Sa­ha­ra sind deut­sche Tan­nen nicht ge­schaf­fen.

Auch sonst ist es eher un­ge­müt­lich im Camp Cas­tor im Nor­den des west­afri­ka­ni­schen Wüs­ten­staats Ma­lis. Je­de Nacht pa­trouil­liert ein Spe­zi­al­kom­man­do von drei Sol­da­ten durchs Camp, um Skor­pio­ne und Ka­mel­spin­nen aus den Bü­schen zu fi­schen.

Der ge­fähr­lichs­te Feind der Blau­helm­sol­da­ten der UN-Mis­si­on Mi­nus­ma lau­ert aber au­ßer­halb der ho­hen Mau­ern des Feld­la­gers. Vor vier Jah­ren war Gao ei­ne Hoch­burg is­la­mis­ti­scher Re­bel­len. Auch jetzt kommt es trotz ei­nes Frie­dens­ab­kom­mens re­gel­mä­ßig zu An­schlä­gen und An­grif­fen.

Vor ei­ni­gen Wo­chen steu­er­ten Selbst­mord­at­ten­tä­ter zwei mit Spreng­stoff be­la­de­ne Fahr­zeu­ge auf das Flug­ha­fen­ge­län­de, das nur 900 Me­ter vom Haupt­tor ent­fernt liegt. Ein Fahr­zeug ex­plo­dier­te, beim an­de­ren ver­sag­te der Zün­der. Zwei Flug­ha­fen­be­diens­te­te wur­den leicht ver­letzt und im Feld­la­ger beb­te der Bo­den. „Da spürt man, das man im Ein­satz an­ge­kom­men ist“, sagt ein Zug­füh­rer, der re­gel­mä­ßig Pa­trouilDie len au­ßer­halb des La­gers an­führt.

Am Mon­tag­mit­tag trifft Ur­su­la von der Ley­en mit ei­ner zi­vi­len Char­ter­ma­schi­ne für Kri­sen­ge­bie­te am Ort des An­schlags ein. Mit ge­pan­zer­ten Fahr­zeu­gen geht es in Camp. Die Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­rin ist ge­kom­men, um den Sol­da­ten Mut zu ma­chen. Sie will ih­nen aber auch nichts vor­ma­chen und stellt sie auf ein lan­ges En­ga­ge­ment ein. „Es gilt bei die­sem Ein­satz, dass wir Ge­duld ha­ben müs­sen“, sagt sie die ih­ren Kopf nicht hin­hal­ten muss.

Dass von der Ley­en kurz vor Weih­nach­ten die Sol­da­ten in Gao be­sucht, hat gro­ßen Sym­bol­wert. In den ver­gan­ge­nen Jah­ren war Af­gha­nis­tan oft das ein­zi­ge Rei­se­ziel der Ver­tei­di­gungs­mi­nis­ter in der Ad­vents­zeit - weil es lan­ge Zeit ein­deu­tig der här­tes­te und wich­tigs­te Ein­satz der Bun­des­wehr war. Das hat sich in­zwi­schen aber ge­än­dert. Spä­tes­tens im nächs­ten Jahr wird Ma­li in mehr­fa­cher Hin­sicht der Ein­satz Num­mer eins sein:

- Trup­pen­stär­ke: Am 11. Ja­nu­ar wird das Ka­bi­nett ei­ne Aus­wei­tung des Ma­li-Man­dats be­schlie­ßen, die Zu­stim­mung des Bun­des­tags gilt als si­cher. Dann kön­nen statt wie bis­her ma­xi­mal 650 bis zu 1000 Sol­da­ten an der UN-Mis­si­on zur Um­set­zung des Frie­dens­ab­kom­mens für Ma­li teil­neh­men.

Hin­zu kom­men bis zu 300 Sol­da­ten, die im Sü­den des Lan­des die ma­li­sche Ar­mee aus­bil­den. Da­mit wer­den in Ma­li wahr­schein­lich bald so vie­le Sol­da­ten sta­tio­niert sein, wie in kei­nem an­de­ren Land der Welt. In Af­gha­nis­tan, dem bis­her größ­ten Ein­satz, liegt die Ober­gren­ze bei 980 Sol­da­ten.

- Nä­he: Von Ber­lin aus sind es 4200 Ki­lo­me­ter Luft­li­nie nach Gao. Das af­gha­ni­sche Ma­sar-i-Scha­rif ist mit 4500 Ki­lo­me­ter auch nicht viel wei­ter ent­fernt. Ge­fühlt ist Ma­li Deutschland aber deut­lich nä­her, als es die­se Zah­len aus­drü­cken. Da­zwi­schen lie­gen nur Al­ge­ri­en, Frank­reich und das Mit­tel­meer.

- Flücht­lings­po­li­tik: Durch Ma­li und das Nach­bar­land Ni­ger lau­fen die wich­tigs­ten Flücht­lings­rou­ten zur li­by­schen Mit­tel­meer­küs­te. Die Be­kämp­fung von Flucht­ur­sa­chen hat in der deut­schen Si­cher­heits­po­li­tik ei­ne sehr ho­he Prio­ri­tät. Des­we­gen war in die­sem Jahr auch schon Bun­des­kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel in der Re­gi­on. Sie hat zu­dem Afri­ka zu ei­nem Schwer­punkt­the­ma der lau­fen­den deut­schen G20-Prä­si­dent­schaft er­klärt. Der Kon­ti­nent ist al­so in­zwi­schen ganz klar Chef­sa­che.

- Eu­ro­pas Ver­ant­wor­tung: Die USA über­las­sen es den Eu­ro­pä­ern, für Si­cher­heit und Sta­bi­li­tät vor ih­rer Haus­tür zu sor­gen. Als der Nor­den Ma­lis 2012 in die Hän­de von Re­bel­len fiel, in­ter­ve­nier­te Frank­reich. Um die Aus­bil­dung der ma­li­schen Ar­mee küm­mert sich jetzt die EU. Und an der UNF­rie­dens­mis­si­on sind zwar über­wie­gend Afri­ka­ner be­tei­ligt. Aber hoch­wer­ti­ges Ge­rät wie Droh­nen und Hub­schrau­ber samt Per­so­nal stel­len Län­der wie Deutschland und die Nie­der­lan­de. Beim Na­to-Ein­satz in Af­gha­nis­tan ha­ben da­ge­gen ganz klar die USA den Hut auf.

Kehr­sei­te des grö­ße­ren deut­schen En­ga­ge­ments in Ma­li: Es ist sehr ge­fähr­lich. Mi­nus­ma ist die töd­lichs­te ak­tu­el­le UN-Mis­si­on. Bis Ok­to­ber sind 70 Blau­helm­sol­da­ten und an­de­re UN-Kräf­te bei An­schlä­gen und An­grif fen von Auf­stän­di­schen ge­tö­tet wor­den.

Im Som­mer wur­de erst­mals ei­ne Bun­des­wehr-Pa­trouil­le be­schos­sen. Im Ok­to­ber flo­gen Ra­ke­ten über das Camp. Von ei­nem „neu­en Af­gha­nis­tan“will im Ver­tei­di­gungs­mi­nis­te­ri­um trotz­dem nie­mand et­was wis­sen - ob­wohl auch die Mis­si­on am Hin­du­kusch vor 15 Jah­ren als „Sta­bi­li­sie­rungs­ein­satz“be­gann und erst viel spä­ter zu ei­nem ver­lust­rei­chen Kriegs­ein­satz wur­de. „Hier in Ma­li ist ein Ein­satz der nicht mit an­de­ren Ein­sät­zen zu ver­glei­chen ist“, sagt von der Ley­en in Gao. „Das wä­re auch nicht fair die­sem Land ge­gen­über, dem Kon­ti­nent Afri­ka ge­gen­über.“Aber ist es fair ge­gen­über den Bun­des­wehr­sol­da­ten?

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