Asyl-Ober­gren­ze mit kal­ku­lier­tem Do­mi­no-Ef­fekt in Ös­ter­reich

Die Al­pen­re­pu­blik hat 2016 auf ei­ne „Ket­ten­re­ak­ti­on der Ver­nunft“ge­setzt: Das Vor­pre­schen Ös­ter­reichs mit sei­ner Ober­gren­ze für Asyl­ver­fah­ren war ein we­sent­li­cher An­lass zur Be­gren­zung der Flücht­lings­zahl.

Amerika Woche - - Alpenregion -

In kei­nem Jah­res­rück­blick darf er feh­len: Der Mo­ment, als der ös­ter­rei­chi­sche Bun­des­kanz­ler Wer­ner Fay­mann (SPÖ) und sein Vi­ze­kanz­ler Rein­hold Mit­ter­leh­ner (ÖVP) am 20. Ja­nu­ar ei­ne Ober­gren­ze bei der Auf­nah­me von Flücht­lin­gen ver­kün­de­ten (Fo­to).

Der „eher sym­bo­li­sche Akt“, der die Hand­lungs­fä­hig­keit der oft zer­strit­te­nen Ko­ali­ti­on von so­zi­al­de­mo­kra­ti­scher SPÖ und kon­ser­va­ti­ver ÖVP un­ter­strei­chen soll­te, war Aus­gangs­punkt für ei­ne ein­schnei­den­de Ent­wick­lung, wie die Po­li­to­lo­gin Kath­rin Stai­ner-Häm­mer­le sagt: Die Län­der auf der Bal­kan­rou­te schlos­sen - im Be­wusst­sein, dass Ös­sich ter­reich am En­de der Stre­cke nicht mehr durch­winkt - weit­ge­hend ih­re Gren­zen für Mi­gran­ten. Völ­ker­recht­lich ist die Ober­gren­ze von 37.500 Asyl­ver­fah­ren an­greif­bar, po­li­tisch bleibt sie ein star­kes Si­gnal.

„Wir wol­len ei­ne Ket­ten­re­ak­ti­on der Ver­nunft“, be­schrieb die da­ma­li­ge In­nen­mi­nis­te­rin Jo­han­na Mik­lLeit­ner (ÖVP) das Ziel. Ös­ter­reich hat­te mit sei­ner „Ab­schre­ckungs­kul­tur“die Ge­gen­po­si­ti­on zum deut­schen War­ten auf ei­ne eu­ro­päi­sche Lö­sung ein­ge­nom­men. Erst spä­ter ge­lang mit dem Tür­kei-Deal ei­ne wei­te­re Ent­span­nung der La­ge.

Ein Si­gnal, das auch bei der Wahl des ös­ter­rei­chi­schen Bun­des­prä­si­den­ten im De­zem­ber ei­ne Rol­le spiel­te: Die lan­ge Zeit als Droh­ku­lis­se wir­ken­de Flücht­lings­kri­se scheint nun be­herrsch­bar. Die Ober­gren­ze wird 2016 in Ös­ter­reich nach An­ga­ben des In­nen­mi­nis­te­ri­ums gar nicht er­reicht. In der Fol­ge sind die Bür­ger nun we­ni­ger alar­miert.

Und Alex­an­der Van der Bel­len, An­hän­ger der Will­kom­mens­kul­tur, wur­de der Ein­zug in die Hof­burg er­leich­tert. Der Kan­di­dat der FPÖ, Nor­bert Ho­fer, lis­te­te die Nach­tei­le ei­ner Zu­wan­de­rung zwar auf, aber der re­gie­rungs­amt­li­che An­ti-Will­kom­mens-Kurs hat­te sei­ner Bot­schaft ih­re Dra­ma­tik ge­nom­men.

Bis An­fang De­zem­ber wa­ren in die­sem Jahr laut In­nen­mi­nis­te­ri­um 32.500 Asyl­ver­fah­ren zu­ge­las­sen wor­den. Ins­ge­samt woll­ten 40.000 Flücht­lin­ge Asyl. Das ist in et­wa ei­ne Hal­bie­rung der Zahl im Ver­gleich zum Aus­nah­me­jahr 2015. „Die Men­schen kom­men auf in­di­vi­du­el­len We­gen, sie sind nicht mehr ein­zel­nen Rou­ten zu­zu­ord­nen“, sagt ein Spre­cher des In­nen­mi­nis­te­ri­ums. Ak­tu­ell bit­ten et­wa 2500 Men­schen je­den Mo­nat um ei­ne Zuflucht in der Al­pen­re­pu­blik. 2017 sinkt die Ober­gren­ze auf 35.000 Asyl­ver­fah­ren.

Höchs­te Zeit al­so, den recht­li­chen Rah­men fest­zu­zur­ren. Um den Asyl­be­hör­den ei­ne Ab­leh­nung des An­trags des 35.001. Asyl­be­wer­bers zu er­mög­li­chen, muss laut Mi­nis­te­ri­um die Ober­gren­ze letzt­lich in der Ver­fas­sung ver­an­kert wer­den. Dar­über strei­ten aber die Ko­ali­tio­nä­re. Die Ober­gren­ze ist in der Re­gie­rungs­par­tei SPÖ höchst um­strit­ten. Der seit Mai re­gie­ren­de Kanz­ler und SPÖ-Vor­sit­zen­de Chris­ti­an Kern hat viel­fach zur Be­gren­zung der Zu­wan­de­rung be­kannt.

„Kern macht die Tü­ren auf in Rich­tung Ko­ali­ti­ons­ver­hand­lun­gen mit der FPÖ“, sagt da­zu Po­li­to­lo­gin Stai­ner-Häm­mer­le. Der Wie­ner Bür­ger­meis­ter Micha­el Häupl und mit ihm gro­ße Tei­le des äu­ßerst ein­fluss­rei­chen SPÖ-Lan­des­ver­bands in der Haupt­stadt ge­ben sich aber noch welt­of fen und mi­gra­ti­ons­freund­lich: Für sie kommt ei­ne Zu­sam­men­ar­beit mit der FPÖ nicht in­fra­ge.

Auf der Sei­te der ÖVP gilt Au­ßen­mi­nis­ter Se­bas­ti­an Kurz, eu­ro­pa­weit ei­ner der Steu­er­män­ner des An­tiMi­gra­ti­ons-Kur­ses, als Ga­rant für ei­ne Ko­ope­ra­ti­on mit der FPÖ. Nur: Der ÖVP-Vor­sit­zen­de heißt noch Rein­hold Mit­ter­leh­ner, der sich der­zeit stark von der FPÖ ab­grenzt.

Das ers­te Jahr mit Ober­gren­ze war nur der Start ei­ner schritt­wei­sen Ver­schär­fung. Nach ma­xi­mal 35.000 Asyl­ver­fah­ren im kom­men­den Jahr sinkt de­ren Zahl 2018 auf 30.000. Al­ler­dings wird die­se Po­li­tik von ei­ner neu­en Re­gie­rung ver­ant­wor­tet wer­den müs­sen, da spä­tes­tens im Herbst 2018 ge­wählt wird. Der Um­gang mit der Flücht­lings­kri­se - und mit der äu­ßerst po­pu­lä­ren FPÖ - wird si­cher ein Top-Wahl­kampf­the­ma.

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