Der ewi­ge Smog in Pe­king: „Wer hier lebt, muss viel er­tra­gen“

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Dn ing ie Luft wird in Pe­king so schlecht wie noch nie in die­sem Jahr. Des­we­gen ist He Zhang an die­sem Frei­tag schon früh auf den Bei­nen. Noch vor der Ar­beit joggt er un­ter blau­em Him­mel durch den ChaoyangPark. „Ich ma­che lie­ber abends Sport, aber ich woll­te die letz­ten St­un­den mit gu­ter Luft ge­nie­ßen.“

Wie Mil­lio­nen an­de­re Pe­kin­ger hat der 35-Jäh­ri­ge am Vor­abend im Wet­ter­be­richt ge­hört, dass sich die Luft­qua­li­tät in den kom­men­den Ta­gen mal wie­der dras­tisch ver­schlech­tern wird. So­gar so sehr, dass Pe­king erst­mals in die­sem Jahr nicht nur die „blaue“oder „gel­be“, son­dern die höchs­te Smog-Alarm­stu­fe „Rot“ver­hängt hat.

Tat­säch­lich klet­ter ten die Mess­wer­te für ge­fähr­li­chen Fe­in­staub am Frei­tag von St­un­de zu St­un­de in die Hö­he und dich­te Smog-Schwa­den lös­ten die kla­re Luft vom Mor­gen ab. Wie­der ein­mal ste­hen den Pe­kin­gern Ta­ge be­vor, in de­nen sie ih­ren Le­bens­rhyth­mus nach der dre­cki­gen Luft aus­rich­ten müs­sen. Dass Läu­fer He Zhang aus Angst um sei­ne Ge­sund­heit auf Sport ver­zich­tet, ist da­bei noch ein Lu­xus­pro­blem.

„Wo soll ich am Mon­tag mein Kind las­sen?“, fragt Zang Ying ent­setzt. Der ro­te Alarm heißt, dass Kin­der­gär­ten und Grund­schu­len ge­schlos­sen blei­ben. Die Mut­ter, die auch be­rufs­tä­tig ist, wird ver­su­chen, ih­re vier­jäh­ri­ge Toch­ter bei Ver­wand­ten un­ter­zu­brin­gen. Auch der Weg zur Ar­beit wird kom­pli­zier­ter. Je­des zwei­te Au­to ist wäh­rend des Alarms aus dem Ver­kehr ge­zo­gen. An ei­nem Tag dür­fen Au­tos fah­ren, de­ren Kenn­zei­chen mit ei­ner ge­ra­den Zif­fer en­det. Am nächs­ten Tag sind die un­ge­ra­den Zif­fern dran.

„Wer hier lebt, muss viel er­tra­gen“, meint auch Li An­qi (Fo­to), die sich gera­de im Su­per­markt ei­ne neue Atem-Schutz­mas­ke ge­kauft hat, um sich auf die nächs­ten Ta­ge vor­zu­be­rei­ten. Die Luft sei nicht mehr so schlecht wie noch vor ein paar Jah­ren. „Es muss aber noch viel pas­sie­ren, da­mit Pe­king ei­ne le­bens­wer­te Stadt wird“, sagt die 27 Jah­re al­te Stu­den­tin.

Tat­säch­lich be­wer­ten auch Ex­per­ten die Fort­schrit­te durch­wach­sen, die Chi­na im Kampf ge­gen die chro­nisch schlech­te Luft macht. Als die Re­gie­rung vor zwei Jah­ren Re­for­men ver­kün­de­te, war selbst Gre­en­peace zu­nächst voll des Lo­bes. Laut Mes­sun­gen der Um­welt­or­ga­ni­sa­ti­on sei die Kon­zen­tra­ti­on von be­son­ders ge­fähr­li­chem Fe­in­staub, der in Ab­ga­sen steckt, aber auch durch den Abrieb von Au­to­rei­fen ver­ur­sacht wird, zwi­schen Ja­nu­ar 2015 und März die­ses Jah­res um rund 10 Pro­zent zu­rück­ge­gan­gen.

„Vor al­lem in der Re­gi­on rund um Pe­king ist die­ser Trend aber schon wie­der zum Er­lie­gen ge­kom­men“, sagt Li­an­sao Dong von Gre­en­peace. Vie­le Fa­b­ri­ken rund um die Stadt wür­den trotz stren­ger Auf­la­gen und Ver­bo­te noch im­mer dre­cki­ge Ab­ga­se in den Him­mel bla­sen. Das Pro­blem: Die Re­gie­rung kon­trol­lie­re nicht streng ge­nug.

Auch Ma Jun, Di­rek­tor des In­sti­tuts für Um­welt­fra­gen in Pe­king, sieht nur lang­sa­me Fort­schrit­te. „Ob die Luft gut oder schlecht ist, hängt nach wie vor zu sehr vom Wet­ter ab.“Bei kal­tem Nord­wind wer­de die schlech­te Luft aus der Stadt ge­bla­sen. Kom­me der Wind aus Sü­den, wo es mehr Fa­b­ri­ken gibt, stei­ge der Schad­stoff-In­dex in die Hö­he.

Hin­zu kommt: Die of­fi­zi­el­len Luft­wer­te sind mit Vor­sicht zu ge­nie­ßen. Laut Re­gie­rungs­an­ga­ben gab es in Pe­king 2016 bis ein­schließ­lich Ok­to­ber 172 Ta­ge gu­te Luft - elf mehr als im ver­gan­gen Jahr. Aber was heißt das ei­gent­lich? Laut Ma Jun gel­te die Luft als „gut“, wenn der of­fi­zi­el­le Luft­in­dex der Re­gie­rung un­ter 100 Punk­ten liegt. Über­setzt auf den Stan­dard der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on (WHO) ist das aber im­mer noch ei­ne drei­mal hö­he­re Be­las­tung, als un­be­denk­lich wä­re.

Ma Jun glaubt, dass es min­des­tens noch fünf Jah­re dau­ern wird, bis Pe­king die Zei­ten von re­gel­mä­ßi­gen Smog-Alar­men hin­ter sich ge­bracht hat. Bis WHO-Stan­dards er­reicht sind, wür­den so­gar noch Jahr­zehn­te ver­ge­hen.

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