Hand­schrift ist mehr als Stri­che und Li­ni­en

Whats­App statt Post­kar­te, Ta­blet statt Stift. Ist die Hand­schrift ein Aus­lauf­mo­dell? Welt­weit wur­de jetzt wie­der das Schrei­ben mit der Hand in den Mit­tel­punkt ge­rückt.

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Vor kur­zem wur­de wie­der der In­ter­na­tio­na­le Tag der Hand­schrift ge­fei­ert. Aber die Schreib­schrift ist in Ge­fahr: In Finn­land müs­sen Schü­ler sie schon gar nicht mehr ler­nen, an­de­re Län­der dis­ku­tie­ren über die Ab­schaf­fung. Auf dem Vor­marsch sind - auch an deut­schen Schu­len Ta­blet und PC. Sechs Aspek­te rund um das Schrei­ben mit der Hand.

Im­mer we­ni­ger kön­nen mit dem Stift um­ge­hen

Zum Tag der Hand­schrift schlägt die Nürn­ber­ger Bil­dungs­for­sche­rin Ste­pha­nie Mül­ler Alarm: „Et­wa 70 bis 80 Pro­zent der Grund­schü­ler kön­nen nicht mehr rich­tig mit der Hand schrei­ben“. Die Fol­gen sind laut der Ex­per­tin gra­vie­rend: „Das Er­ler­nen der Hand­schrift ist ein hoch­kom­ple­xer Vor­gang, der für die Fein­mo­to­rik der Kin­der wich­tig ist. Kin­der, die we­nig mit der Hand schrei­ben, ha­ben we­ni­ger mo­to­ri­sche Fä­hig­kei­ten“. Die Hand­schrift sei des­halb mehr, als nur Li­ni­en und Stri­che auf ei­nem Stück Pa­pier.

Der Fül­ler-Füh­rer­schein

In den meis­ten Län­dern spie­len Tin­ten-Fül­ler im Un­ter­richt kei­ne gro­ße Rol­le: Ne­ben dem Blei­stift, der sich welt­wei­ter Be­liebt­heit er­freut, wer­den chi­ne­si­sche Schrift­zei­chen et­wa mit ei­nem Kal­li­gra­phie­stiftoder Pin­sel er­lernt. Und in In­di­en grei­fen Schü­ler am liebs­ten zum Ku­gel­schrei­ber. An­ders hier­zu­lan­de: An vie­len deut­schen Grund­schu­len be­kom­men Schü­ler als sym­bo­li­sche An­er­ken­nung ei­nen Fül­ler-Füh­rer­schein, wenn sie gut ge­nug mit dem Tin­ten-Fül­ler um­ge­hen kön­nen.

Stift, Tas­ta­tur oder Ta­blet?

Der Psy­cho­lo­gie­pro­fes­sor Da­ni­el Op­pen­hei­mer von der UCLA An­der­son School of Ma­nage­ment in Los Angeles führ­te mit sei­nen Stu­den­ten ei­nen Ver­such durch: Die ei­ne Hälf­te muss­te bei sei­ner Vor­le­sung von Hand mit­schrei­ben, die an­de­re tipp­te das Ge­hör­te in den Com­pu­ter. Die Mit­schrei­ber schnit­ten deut­lich bes­ser ab. Weil sie nicht je­des Wort no­tie­ren konn­ten, hat­ten sie ins­ge­samt mehr Lehr­stoff im Ge­hirn ge­spei­chert.

Wis­sen­schaft­ler am Trans­fer­zen­trum für Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und Ler­nen (ZNL) in Ulm un­ter­su­chen seit mehr als ei­nem Jahr an 150 Kin­dern, mit wel­chem Me­di­um sich Lern-Ef­fek­te am stärks­ten im Ge­hirn ver­an­kern: Klas­si­scher Stift, Tas­ta­tur oder di­gi­ta­ler Ta­blet-Stift. Vor­aus­sicht­lich 2018 sol­len die Er­geb­nis­se der vom Stift­e­her­stel­ler Sta­edt­ler fi­nan­zi­ell un­ter­stütz­ten Stu­die ver­öf­fent­licht wer­den. In der ZNL-Vor­stu­die zeig­ten sich be­reits et­li­che Vor­tei­le der Schreib­schrift.

Schreib­schrift in Finn­land ab­ge­schaf ft

In Finn­land set­zen Schu­len auf Ta­blet und PC: Fin­ni­sche Schü­ler müs­sen die Schreib­schrift seit ver­gan­ge­nem Herbst nicht mehr ler­nen. Ähn­li­che Über­le­gun­gen oder Tests gibt es in den USA und in der Schweiz, wo die „Schnür­liSchrift“zur De­bat­te steht. Die Bun­des­re­gie­rung will von die­sem Jahr an fünf Mil­li­ar­den Eu­ro für die Di­gi­ta­li­sie­rung von Schu­len aus­ge­ben. „Ein­mal­eins und ABC nur noch mit PC“, heißt es da­zu auf der In­ter­net­sei­te des Bun­des­bil­dungs­mi­nis­te­ri­ums.

Am Ta­blet ist al­les nur 2D

Bil­dungs­ex­per­tin Ste­pha­nie Mül­ler warnt vor zu häu­fi­gem Ein­satz von Lern­soft­ware auf Ta­blets: „Da ist al­les nur zwei­di­men­sio­nal!“Kin­der wol­len laut Mül­ler Din­ge er­tas­ten und er­füh­len. „Egal, was auf dem Ta­blet an­ge­zeigt wird, am En­de fas­sen die Kin­der nur auf ei­ne Glas­schei­be“. Der Tast­sinn lei­de dar­un­ter. „Das ist mei­ner Mei­nung nach ein Grund da­für, wes­halb im­mer mehr Kin­der nicht mehr mit dem Stift um­ge­hen kön­nen“, sagt Mül­ler.

Die Un­ter­schrift von John Han­cock

Sei­nen Ur­sprung hat der Tag der Hand­schrift in den USA. In­iti­iert wur­de er 1977 von der Wri­ting In­stru­ment As­so­cia­ti­on (WIMA). Das Da­tum 23. Ja­nu­ar ist für die USA his­to­risch be­deut­sam: Es war der Ge­burts­tag des Ame­ri­ka­ners John Han­cock, der am 4. Ju­li 1776 als ers­ter die ame­ri­ka­ni­sche Un­ab­hän­gig­keits­er­klä­rung un­ter­zeich­ne­te.

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