Oper als Zei­chen­trick: Thea­ter­grup­pe „1927“in Ber­lin ge­fei­ert

Amerika Woche - - Die Hauptstadt-Seiten -

Wie könn­te ein Car­toon von Marc Cha­gall oder Was­si­ly Kand­ins­ky aus­se­hen? Die bri­ti­sche Thea­ter­grup­pe „1927“hat da ei­ne Idee.

Mit der Zei­chen­trick-„Zau­ber­flö­te“ist In­ten­dant Bar­rie Ko­s­ky und sei­ner Ko­mi­schen Oper Ber­lin vor ein paar Jah­ren ein welt­wei­ter Kas­sen­schla­ger ge­lun­gen. Die Pro­duk­ti­on wird mitt­ler­wei­le an Dut­zen­den Häu­sern von Ame­ri­ka bis Asi­en ge­zeigt. Jetzt ist die Thea­ter­grup­pe „1927“mit ei­ner neu­en Ins­ze­nie­rung nach Ber­lin zu­rück­ge­kehrt - und wie­der dürf­ten die Bri­ten ei­nen Pu­bli­kums­ren­ner ge­lan­det ha­ben.

Denn wie bei der „Zau­ber­flö­te“trei­ben sie auch mit zwei Ein­ak­tern aus dem 20. Jahr­hun­dert - Igor Stra­wins­kys „Pe­trusch­ka“und Mau­rice Ra­vels „L‘en­fant et les sor­tilè­ges“(Das Kind und der Zau­ber­spuk) - das Spiel mit den Sin­nen auf die Spit­ze. Für die Pre­mie­re an der Ko­mi­schen Oper in der Haupt­stadt gab es je­den­falls rie­si­gen Bei­fall.

Mit atem­be­rau­ben­der Prä­zi­si­on las­sen die „1927“-Ma­cher Su­zan­ne And­ra­de, Es­me App­le­ton und Paul Bar­ritt die Darstel­ler vor ei­ner Lein­wand agie­ren, auf der sich das Büh­nen­bild als Zei­chen­trick-Film ent­fal­tet. Wie schon bei der „Zau­ber­flö­te“flie­ßen hier die Be­we­gun­gen der Sän­ger und Darstel­ler mit den Pro­jek­tio­nen in­ein­an­der über.

Rea­les und Vir­tu­el­les sind manch­mal nur bei nä­he­rem Hin­schau­en aus­ein­an­der zu hal­ten - wenn et­wa die Darstel­ler zwi­schen Bild und Büh­ne wech­seln oder sich die Sän­ger und Tän­zer mil­li­me­ter­ge­nau mit den Ani­ma­tio­nen im Film spie­len.

Stra­wins­ky hat­te „Pe­trusch­ka“zu­nächst als Kon­zert­mu­sik kon­zi­piert. Der Bal­lett-Im­pre­sa­rio Ser­ge Dia­ghi­lev er­kann­te so­fort die Mög­lich­kei­ten des Stücks und ließ es 1911 von sei­nen „Bal­letts Rus­ses“in Pa­ris ur­auf­füh­ren.

Es ist ei­ne wil­de Mu­sik, die hier das Ge­sche­hen auf ei­nem Jahr­markt an­treibt. Der Clown Pe­trusch­ka, her­vor­ra­gend in Sze­ne ge­setzt von Tia­go Alex­and­re Ne­ta Fon­se­ca, die Akro­ba­tin Ptitsch­ka (Pau­li­i­na Rä­sä­nen) und der Mus­kel­mann Pa­tap (Sla­va Vol­kov) leh­nen sich in ih­rer Zir­kus­welt zwi­schen Ket­ten­ka­rus­sell und Geis­ter­bahn ge­gen ih­ren sa­dis­ti­schen Meis­ter auf.

An der Ko­mi­schen Oper kom­men nicht Tän­zer, son­dern aus­schließ­lich Akro­ba­ten zum Zug, die sich nicht nur dem Chef, son­dern auch der Schwer­kraft wi­der­set­zen.

Das Werk ist für „1927“wie ge­schaf­fen: Für „Die Zau­ber­flö­te“grif­fen die Bri­ten auf die ex­pres­sio­nis­ti­sche Äs­t­he­tik der Film­kunst in der Wei­ma­rer Re­pu­blik zu­rück. In „Pe­trusch­ka“leh­nen sie sich an den so­wje­ti­schen Mo­der­nis­mus der Zwan­zi­ger­jah­re an.

Schrä­ge Ebe­nen, gro­ße Ges­ten und Rie­sen­buch­sta­ben auf Ky­ril­lisch: Es ist, als ob Marc Cha­gall oder Was­si­ly Kand­ins­ky ei­nen Zei­chen­trick­film ge­dreht hät­ten.

Auch in Ra­vels „L‘en­fant“geht es um den Auf­stand ge­gen Au­to­ri­tä­ten. Dies­mal kämp­fen ein wil­der Jun­ge und sei­ne Mut­ter (Ez­gi Kut­lu) um die Ho­heit im Kin­der­zim­mer. Das Kind, ge­sun­gen von Nad­ja Mchan­taf, treibt das Ge­sche­hen auf die Spit­ze, zer­trüm­mert Mö­bel, quält Tie­re, ver­wei­gert sich und rei­tet sich da­mit ins Un­glück. „Ich bin bö­se und frei!“, ruft es sei­ne Re­bel­li­on aus.

Die be­schä­dig­ten Ob­jek­te - Uhr, Tee­kan­ne und Ta­pe­te - schla­gen zu­rück, es wird ein Alp­traum, aus dem der Jun­ge erst durch das Mit­ge­fühl für ein ver­letz­tes Eich­hörn­chen er­wacht.

Sou­ve­rän führt Markus Po­sch­ner das Or­ches­ter durch die pul­sie­ren­de Mu­sik Stra­wins­kys und die an Far­ben rei­che Klang­welt Ra­vels. Die Ko­pro­duk­ti­on mit der Deut­schen Oper am Rhein soll ab März 2018 in Düs­sel­dorf auf­ge­führt wer­den.

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