Bye-bye, Bau­spar­ver­trag - Kün­di­gungs­recht nach 10 Jah­ren

Et­wa Mil­lio­nen Bau­spar­ver­trä­ge gibt es in Deutsch­land. ig­tau­sen­de da­von k nn­ten nach dem heu­ti­gen B rteil ge­kün­digt wer­den. Aber es gibt Al­ter­na­ti­ven

Amerika Woche - - Meinung - Von Alex­an­dra End­res (Zeit On­li­ne)

Wer sei­nen al­ten Bau­spar­ver­trag vor al­lem als Geld­an­la­ge nutzt, hat nach dem heu­ti­gen Ur­teil des Bun­des­ge­richts­hofs (BGH) schlech­te Kar­ten. Die Ver­trä­ge brin­gen noch ho­he Zin­sen, des­halb hal­ten vie­le Spa­rer an ih­nen fest – und aus dem glei­chen Grund ha­ben die Bau­spar­kas­sen in der Ver­gan­gen­heit ver­sucht, sie los­zu­wer­den. Jetzt wer­den die Kas­sen wohl vie­le wei­te­re Alt­ver­trä­ge kün­di­gen. Und ih­re Kun­den kön­nen sich da­ge­gen so gut wie nicht mehr weh­ren.

Zwar ging es in dem Ver­fah­ren vor dem BGH um drei ganz spe­zi­el­le Ver­trä­ge., doch die Rich­ter be­grün­de­ten ihr Ur­teil ge­gen die Spa­rer sehr grund­sätz­lich. Ih­re kom­plet­te Ent­schei­dung ist noch nicht im Wort­laut öf­fent­lich, aber die bis­her be­kannt ge­wor­de­nen Ar­gu­men­te las­sen sich wohl auf so ziem­lich al­le Alt­ver­trä­ge über­tra­gen.

Ge­gen Sinn und Zweck

Es ver­sto­ße ge­gen Sinn und Zweck der Bau­spa­r­idee, al­te Ver­trä­ge jah­re­lang wei­ter­lau­fen zu las­sen, um sie als rei­ne Geld­an­la­ge zu nut­zen. Die Ver­trä­ge sei­en dar­auf aus­ge­legt, dass auf ei­ne An­spar- die Dar­le­hens­pha­se fol­ge. Wer den ihm zu­ste­hen­den Bau­kre­dit nicht nut­ze, dem dür­fe nach ei­ner Schon­frist von Stutt­gar­ter Zei­tung Das jet­zi­ge Ur­teil ist weg­wei­send. Die Le­bens­ver­si­che­rer, die eben­so wie die Bau­spar­kas­sen un­ter den Nied­rig­zin­sen lei­den, wer­den es sehr ge­nau le­sen. Auch Ver­si­che­rer su­chen das Schlupf­loch, das es ih­nen er­mög­licht, aus den für sie teu­ren Alt­ver­trä­gen mit ho­hen Ga­ran­tie­zin­sen aus­zu­stei­gen. Bis­her gibt es nur Schrei­ben, die Kun­den na­he­le­gen, die al­ten Ver­trä­ge zu kün­di­gen. Nach dem Ur­teil dürf­te man­cher Ver­si­che­rer mu­ti­ger wer­den. Es gibt mitt­ler­wei­le auch Ge­nos­sen­schafts­in­sti­tu­te, die ger­ne Mit­glie­der los­wer­den wol­len, die nur an den gut ver­zins­ten Ge­nos­sen­schafts­an­tei­len in­ter­es­siert sind. Die zehn Jah­ren ge­kün­digt wer­den.

Bei ge­schätz­ten 250.000 Kun­den hat­ten die Bau­spar­kas­sen das schon ge­tan – und noch ein­mal so vie­le könn­ten bald ih­re Kün­di­gung er­hal­ten, schätzt Dirk Ei­ling­hoff, beim ge­mein­nüt­zi­gen Ver­brau­cher­por­tal Fi­nanz­tip der Ex­per­te für Geld­an­la­ge und Al­ters­vor­sor­ge. Ins­ge­samt gibt es in Deutsch­land ihm zu­fol­ge et­wa 30 Mil­lio­nen Bau­spar­ver­trä­ge, de­ren durch­schnitt­li­che Bau­spar­sum­me bei 30.000 Eu­ro liegt. Bau­spa­ren ist un­ge­bro­chen po­pu­lär – ob­wohl die neu­en Ver­trä­ge gar nicht mehr so lu­kra­tiv sind.

Är­ger­lich

Ei­ling­hoff sagt, die Ent­schei­dung der Rich­ter über­ra­sche ihn nur zum Teil. „Na­tür­lich ist es für den ein­zel­nen Bau­spa­rer är­ger­lich, ge­kün­digt zu wer­den. Aber ich kann schon nach­voll­zie­hen, dass das Sys­tem aus dem Gleich­ge­wicht ge­rät, wenn Hun­dert­tau­sen­de Leu­te ih­re al­ten Ver­trä­ge be­hal­ten.“Die Idee des Bau­spa­rens sei nun ein­mal, dass die ei­nen ihr Geld zur Sei­te le­gen, da­mit die an­de­ren aus der an­ge­spar­ten Sum­me ih­re Bau­kre­di­te fi­nan­zie­ren kön­nen.

Klas­si­sche Bau­spar­ver­trä­ge funk­tio­nie­ren so: Die Spa­rer zah­len über ei­ne be­stimm­te Dau­er, meist meh­re­re Jah­re lang, re­gel­mä­ßi­ge Bei­trä­ge ein und er­hal­ten da­für Zin­sen. Ur­sprüng­lich wa­ren die eher un­at­trak­tiv. Für die Kun­den lohn­te sich das Mo­dell trotz­dem, denn sie er­war­ben wäh­rend der An­spar­pha­se das An­recht auf ein güns­ti­ges Bau­dar­le­hen.

Je­der Bau­spar­ver­trag läuft über ei­ne be­stimm­te, bei Ab­schluss fest­ge­leg­te Sum­me. So­bald ein be­stimm­ter An­teil – in der Re­gel 40 bis 60 Pro­zent – er­reicht wird, gilt der Ver­trag als „zu­tei­lungs­reif“, das heißt: Der Kun­de kann sich sein an­ge­spar­tes Ver­mö­gen aus­zah­len Lang­zeit­fol­gen des Ur­teils dürf­ten für die Spa­rer noch man­che Über­ra­schung pa­rat ha­ben. Der Ta­ges­spie­gel, Ber­lin Was wir der­zeit er­le­ben, ist ein Rol­len­tausch. Ver­brau­cher be­neh­men sich so, wie wir das frü­her von den Fi­nanz­in­sti­tu­ten kann­ten. Mit Tricks und Fan­ta­sie wird um je­des Ren­di­te­pro­zent ge­kämpft. Bau­spa­rer de­fi­nie­ren ih­ren Bau­spar­ver­trag in ei­nen rei­nen Spar­ver­trag um. Häus­le­bau­er, die in der Ver­gan­gen­heit ei­nen teu­ren Im­mo­bi­li­en­kre­dit auf­ge­nom­men ha­ben, su­chen in ih­ren Ver­trä­gen nach Form­feh­lern, um un­ter Ver­weis auf feh­ler­haf­te Wi­der­rufs­be­leh­run­gen aus den un­at­trak­ti­ven Ver­trä­gen aus­zu­stei­gen. las­sen und zu­sätz­lich ein Dar­le­hen auf­neh­men, um ei­ne Im­mo­bi­lie zu bau­en, zu er­wer­ben oder zu re­no­vie­ren. Noch vor we­ni­gen Jah­ren bo­ten man­che Bau­spar­kas­sen den Kun­den lu­kra­ti­ve Zu­satz­zin­sen, falls sie auf ihr Dar­le­hen ver­zich­te­ten. So mach­ten sie das Mo­dell für Spa­rer, die gar nicht bau­en woll­ten, at­trak­tiv – der Bau­spar­ver­trag wur­de zur rei­nen Geld­an­la­ge.

Für das BGH-Ur­teil spiel­te die­se Ver­mark­tungs­stra­te­gie of­fen­bar kei­ne Rol­le. Doch für be­stimm­te Kun­den könn­te sie die Mög­lich­keit bie­ten, ei­ne Kün­di­gung doch noch an­zu­fech­ten, sagt Niels Nau­hau­ser von der Ver­brau­cher­zen­tra­le Ba­denWürt­tem­berg. Falls die Ver­trä­ge nach­weis­bar als rei­ne Geld­an­la­ge mit ho­hen Ren­di­ten ver­mark­tet wor­den sei­en, hät­ten die Ver­brau­cher in ei­nem Rechts­streit wo­mög­lich doch noch gu­te Chan­cen. „In al­len an­de­ren Fäl­len wird es jetzt schwie­rig.“

Ge­schäft­mo­dell funk­tio­niert nicht mehr

Das Pro­blem der Bau­spar­kas­sen: In Zei­ten dau­er­haft nied­ri­ger Zin­sen funk­tio­niert ihr Ge­schäfts­mo­dell nicht mehr. Bau­sparkre­di­te sind über­all güns­tig zu ha­ben, doch wer sein Geld ein­fach nur an­le­gen möch­te, be­kommt fast nir­gend­wo gu­te Zin­sen. Vie­le Alt­kun­den las­sen des­halb ih­re Ver­trä­ge wei­ter­lau­fen, und zwar jah­re­lang. „Die al­ten Gut­ha­ben­zin­sen sind hoch und des­halb sehr at­trak­tiv“, sagt Ei­ling­hoff. „Aber die Dar­le­hens­zin­sen in die­sen Ver­trä­gen sind auch viel hö­her als heu­te üb­lich. Dass Dar­le­hen nicht ge­nutzt wer­den, für die man vier bis fünf Pro­zent Zin­sen zah­len müss­te, ist völ­lig nach­voll­zieh­bar.“

Zwei der drei Ver­trä­ge, über die der BGH be­fand, lie­fen über ei­ne Bau­spar­sum­me von rund 20.500 Eu­ro. Im drit­ten wa­ren knapp 82.000 Das liegt an der EZB. Ih­re Nied­rig­zins­po­li­tik macht Bau­spa­rer und Häus­le­bau­er zu Zo­ckern. FAZ Der Bau­spar­ver­trag ist kei­ne staat­lich ge­för­der­te Hoch­zins­an­la­ge, son­dern dient ei­nem woh­nungs­wirt­schaft­li­chen Zweck.. Das Ur­teil des Bun­des­ge­richts­hofs gibt den Bau­spar­kas­sen nun Rechts­si­cher­heit, um die Ge­mein­schaft der Bau­spa­rer zu schüt­zen. Doch ha­ben die In­sti­tu­te die ge­gen­wär­ti­gen Pro­ble­me auch selbst zu ver­ant­wor­ten. Sie ha­ben vor der Fi­nanz­kri­se be­wusst Kun­den mit ho­hen Spar­ver­trä­gen an­ge­lockt und die­se auch noch be­lohnt, wenn sie kei­ne Dar­le­hen Eu­ro an­ge­legt. Al­le Ver­trä­ge wa­ren seit mehr als zehn Jah­ren zu­tei­lungs­reif, als die Bau­spar­kas­se sie im Jahr 2015 kün­dig­te.

Die Frist von zehn Jah­ren war für das Ur­teil ent­schei­dend. Sie er­gibt sich aus ei­nem Pa­ra­gra­fen des Bür­ger­li­chen Ge­setz­buchs, der fest­legt, dass je­der Dar­le­hens­neh­mer nach die­ser Zeit­span­ne die Mög­lich­keit ha­ben soll, sei­nen Ver­trag zu kün­di­gen – und der Dar­le­hens­neh­mer, ur­teil­ten die Rich­ter des BGH, sei im Fall ei­nes Bau­spar­ver­tra­ges zu­nächst eben die Bau­spar­kas­se. Erst wenn der Kun­de sei­nen Bau­sparkre­dit in An­spruch neh­me, wür­den die Rol­len ge­tauscht. „Es ist wie bei ei­nem Bank­kre­dit für Pri­vat­per­so­nen“, er­klärt Ei­ling­hoff. „Den kön­nen sie auch nach zehn Jah­ren kün­di­gen.“

Bau­spa­ren lohnt meist nicht

Der Vor­sor­ge­ex­per­te hält ganz all­ge­mein nicht viel von Bau­spar ver­trä­gen. „In den al­ler­meis­ten Fäl­len loh­nen sie sich über­haupt nicht.“Die Bau­spar­kas­sen be­rech­ne­ten ho­he Ge­büh­ren, und die Zin­sen sei­en nied­rig. Die Fol­ge: „Am En­de be­kommt man manch­mal nicht ein­mal sei­ne Bei­trä­ge wie­der zu­rück.“Ren­ta­bel sei das höchs­tens für Ge­ring­ver­die­ner und jun­ge Leu­te, die ab­ge­ru­fen ha­ben. Die da­mals ver­ant­wort­li­chen Vor­stän­de ha­ben ge­gen das Prin­zip des Bau­spa­rens ver­sto­ßen. Nun müs­sen die Bau­spar­kas­sen nicht nur ge­gen ei­nen exis­tenz­ge­fähr­den­den Er­trags­schwund an­kämp­fen, son­dern sind auf ab­seh­ba­re Zeit ei­nem Ruf­scha­den aus­ge­setzt. Denn sie müs­sen wei­ter­hin un­po­pu­lä­re Maß­nah­men wie Stel­len­strei­chun­gen oder Ver­trags­kün­di­gun­gen er­grei­fen. Die Welt, Ber­lin Zum Ur­teil des Bun­des­ge­richts­ho­fes: „Bau­spa­ren ist deutsch“Die Bau­spar­kas­sen kön­nen au­f­at­men, sie sind die Ge­win­ner; die Bau­spa­rer da­ge­gen sind die Ver­lie­rer, weil nun­mehr Ver­trags­kün­di­gun­gen An­spruch auf staat­li­che Zu­schüs­se hät­ten. Al­len an­de­ren, die mo­nat­lich ei­ne be­stimm­te Ra­te zu­rück­le­gen wol­len, emp­fiehlt Ei­ling­hoff ein Ta­ges­geld­kon­to bei ei­ner se­riö­sen Bank.

Zu­dem sind die Bau­spar­sum­men und da­mit die Dar­le­hen in der Re­gel so klein, dass man das ei­ge­ne Haus oder die ei­ge­ne Woh­nung mit ih­nen oh­ne­hin nicht voll­stän­dig fi­nan­ziert be­kommt. „Sie kön­nen sinn­voll sein, um ei­ne Hei­zung an­zu­schaf­fen oder an­de­re Re­no­vie­rungs­ar­bei­ten zu be­zah­len“, sagt Ei­ling­hoff. Das Bau­spar­dar­le­hen mit ei­nem grö­ße­ren Im­mo­bi­li­en­kre­dit zu kom­bi­nie­ren, loh­ne sich in der Re­gel aber nicht.

Sor­gen nur teil­wei­se los

Die Bau­spar­kas­sen sind nach dem BGH-Ur­teil ih­re Sor­gen aber wohl nur teil­wei­se los. „Sie müs­sen jetzt das Kunst­stück voll­brin­gen, ge­nau den Kun­den, de­ren Ver trä­ge sie kün­di­gen, neue Po­li­cen zu ver­kau­fen“, sagt Ei­ling­hoff. „Ich bin ge­spannt, wie sie das kom­mu­ni­zie­ren.“Die Alt­kun­den wer­den je­den­falls nach neu­en An­la­ge­mög­lich­kei­ten für ihr zwangs­wei­se zu­rück­über­wie­se­nes Geld su­chen. Ei­ling­hoff rät ih­nen zu ei­nem sorg­fäl­tig aus­ge­wähl­ten Fest­geld­kon­to, gut ver­zinst, aber bei ei­ner si­che­ren Bank. ins Haus ste­hen. Die Bau­spar­kas­sen und ihr ge­nos­sen­schaft­li­ches Ge­schäfts­mo­dell sind erst ein­mal ge­ret­tet. Doch nur ein Narr kann glau­ben, dass sol­che Ver­wer­fun­gen nicht wie­der­um erns­te Fol­gen ha­ben. Das Ge­nos­sen­schafts­we­sen ist vie­le Jahr­hun­der­te alt und hat Land und Leu­te ge­prägt, vor al­lem aber die Stadt­kul­tur, von den Meis­ter- und Ge­sel­len­zünf­ten bis zu den Be­gräb­nis­kas­sen und Feu­er­ver­si­che­run­gen. Es be­ruh­te im­mer auf Treu und Glau­ben, Recht und Ge­rech­tig­keit. Es ist weit mehr als ein zi­vil­recht­li­ches Re­gel­werk mit Be­ru­hi­gungs­funk­ti­on. Die Karls­ru­her Rich­ter muss­ten weit in die Ver­gan­gen­heit den­ken und weit in die Zu­kunft.

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